Am Viktualienmarkt: 222 Jahre Traditionshaus Kustermann

222 Jahre alt ist das Traditionshaus Kustermann. Ein Blick auf eine bewegte Geschichte und eine unsichere Zukunft des Münchner Unternehmens.
von  Paul Nöllke
Geschäftsführer Linn-Kustermann und Brauckmann.
Geschäftsführer Linn-Kustermann und Brauckmann. © Kustermann

München - Die Porzellanhändlerin sah Susanne Linn-Kustermann irritiert an. "Wieso verkaufen Sie denn das teure Hermès-Porzellan neben Nägeln und Schrauben?" – "Weil das unser Ursprung ist", antwortete die Geschäftsführerin daraufhin stolz.

Als das Warenhaus Kustermann in den 1970ern begann, neben Eisenwaren auch wertvolles Porzellan und Haushaltsgeräte zu verkaufen, war diese Kombination für viele eine befremdliche Vorstellung. Doch das Konzept hat sich bewährt und heute schaut man zu Kustermann, ob man nun eine wertvolle Obstschale oder doch nur ein paar Nägel braucht.

222 Jahre altes Familienunternehmen: Kustermann

Dieses Jahr feiert Kustermann den 222ten Geburtstag. 222 Jahre: Für ein Familienunternehmen ein langes Leben. Eine Zeit, in der das Unternehmen durch Weltkriege, Industrialisierung und einen Heuschnupfen maßgeblich geprägt wurde. Die Geschichte beginnt 1798, als Simon Thaddäus Kustermann die Erlaubnis bekam, in München Eisenwaren zu verkaufen. Sein Sohn Franz Seraph Kustermann übernahm das Geschäft. Ihm verdankt F.S. Kustermann seinen Namen.

Kustermann am Viktualienmarkt früher.
Kustermann am Viktualienmarkt früher. © Stadtarchiv

Groß wurde Kustermann aber erst unter Franz Seraphs Sohn Max. "Angeblich litt er so an Heuschnupfen, dass er den Sommer deswegen immer drinnen im Büro so hart arbeitete", erzählt Susanne Linn-Kustermann und lacht. Woran auch immer es lag: Max Kustermann war fleißig. Er kaufte Immobilien und errichtete eine Eisengießerei. Heute findet man in der ganzen Stadt noch alte Treppen, Säulen und Balkone aus dem Betrieb. Auch das Geschäftshaus Kustermann am Viktualienmarkt ließ Max Kustermann erbauen.

Seine Söhne, Franz und Hugo, erbten das Geschäft. Franz baute das Unternehmen aus, sein Bruder widmete sich lieber dem Segeln und Feiern. Als Franz herausfand, dass Hugo einen kompletten Zug gemietet hatte, um mit Freunden nach Augsburg zu fahren, soll die Familie beschlossen haben, dass das Unternehmen in Franz’ Händen besser aufgehoben sei, berichtet Linn-Kustermann. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Eisengießerei und viele von Kustermanns Häusern zerstört, doch das Unternehmen überlebte. 1972 wurde die Eisengießerei aufgelassen, Kustermann verkaufte nun auch Haushaltswaren.

Coronakrise: Etwa 20 Prozent Frequenzeinbruch

Heute wird Kustermann von Susanne Linn-Kustermann und Caspar-Friedrich Brauckmann geführt – und ist immer noch in Familienbesitz. Doch die Coronakrise und die allgemeinen Probleme des Einzelhandels gehen auch an Kustermann nicht vorbei. "Wir wollen Corona nutzen, um uns zu verändern", erklärt Brauckmann. So sollen die Kunden "zu Gästen werden", gute Beratung und Angebote wie eine Kochschule sollen neue Kunden ins Haus locken.

Kustermann am Viktualienmarkt früher und heute.
Kustermann am Viktualienmarkt früher und heute. © Kustermann

Zur Corona-Krise habe Kustermann etwa 20 Prozent Frequenzeinbruch gehabt, sagt Brauckmann. "Eine schwierige Zeit." Aber "die Kustermänner und Kusterfrauen", wie Brauckmann die Angestellten nennt, hätten in der Krise gute Arbeit geleistet. "Wir hoffen, dass wir mit allen aus der Krise hinausgehen", sagt er. "Und dann auf weitere 222 Jahre Kustermann."

Ab Freitag soll das Jubiläum mit den Kunden im Haus gefeiert werden.

Lesen Sie hier: Kaufhof am Stachus - Eine besondere (Einkaufs-) Geschichte

Lesen Sie hier: Spaziergang durch die Altstadt - Viel mehr als ein Einkaufsbummel