„Jede Ecke in München steckt voller Erinnerungen“

Ende der 50er ist der junge Udo Jürgen Bockelmann nach Schwabing gekommen. Er hat die Stadt als Udo Jürgens, der Superstar, verlassen. Geschichten aus einer unvergesslichen Münchner Ära.
von  Michael Schilling
Ein Jahr vor der Hochzeit und der Geburt des gemeinsamen Sohnes John: Udo und Panja 1965 in München.
Ein Jahr vor der Hochzeit und der Geburt des gemeinsamen Sohnes John: Udo und Panja 1965 in München. © BrauerPhoto

München -  Es gehört zu den Eigenarten Münchens, sich gern mal ein bisschen wichtig zu nehmen. Sich als Weltstadt zu fühlen, die den Lauf der Dinge, ja sogar der Geschichte, beeinflusst oder gar prägt. Das gilt im Guten wie im Bösen, und manchmal ist auch Selbstüberschätzung im Spiel – aber in diesem Falle ausnahmsweise nicht. Während also die Musikwelt trauert um Udo Jürgens († 80), darf München für sich in Anspruch nehmen, dass es diesen Superstar Udo Jürgens ohne diese Stadt, ohne ihre Menschen und ihren Einfluss, so wohl nicht gegeben hätte.

Bei allem Vertrauen in sein Talent: Klagenfurt, seine Heimatstadt, ist für den jungen Udo Jürgen Bockelmann, Jahrgang 1934, kein Pflaster, um Karriere zu machen. Er kommt nach München. Das Nachkriegs-Schwabing vibriert bereits. Auf der Leopoldstraße ist unten der Westernsalon, oben das Studio 15. Hier darf der junge Udo am Klavier auftreten, wenn Jazz-Grande Freddie Brocksieper gerade Pause macht. So geht es los. Das Schlüsselerlebnis seiner Karriere, wird Udo Jürgens später sagen. Schwitziger Jubel, kleines Geld.

Bei der Gisela sang er für „zwei Gläser Whisky“

Udo Jürgens wohnt in einer kleinen Schwabinger Männer-WG mit Spezln wie Thommy Hörbiger und Frank Forster. Ein Leben für die Nächte. Und von den Nächten. Gisela Dialer, die Schwabinger Gisela (die auch in diesem Jahr verstorben ist), hat es so erzählt: „Es war toll. Udo Jürgens hat bei mir, als er noch ganz jung war, für ein, zwei Gläser guten Whisky gesungen.

“Seit dieser Zeit ist München das Zuhause von Udo Jürgens gewesen. Sein Blick zurück auf München war Jahrzehnte später dieser: „Ich habe hier früher in armseligen Studentenbuden gehaust. In der Kneipe der Schwabinger Gisela hab’ ich für 20 Mark am Abend Klavier gespielt. Das sind Dinge, die verbinde ich mit dieser Stadt, und diese werden sich niemals ändern. Jede Ecke steckt voller Erinnerungen.“

Hörbiger, Udos Landsmann, liefert die Texte für den begnadaten Jung-Entertainer. Siebzehn Jahr, blondes Haar. Merci, Chérie. Immer wieder geht die Sonne auf. Und ein Stern geht auf; ein Stern namens Udo Jürgens.

München, das ist für Udo Jürgens auch Liebe. 25 ist er, als er im „Hot Club“, beim Rock’n’Roll unterm Augustinerkeller, zum ersten Mal auf Erika Meier trifft, genannt: Panja. Im Schlagerdeutsch: Liebe auf den ersten Blick.

Die quirlige Norddeutsche, damals 19, die in Münchner Nächten das Leben kennenlernen will. Und der junge Musiker, der anfangs noch einen alten Ford fährt und nachts Frank-Sinatra-Songs interpretiert. Ein wildes Paar, das es eine Zeitlang gemeinsam bürgerlich versucht.

1964 heiraten sie. Im selben Jahr kommt Sohn John zur Welt (der aus Reminiszenz zu seiner Heimatstadt später als DJ John Munich auflegt), 1967 Tochter Jenny. Ein Familienleben im Haus im Umland ist nicht immer leicht, weil die Welt nach ihrer musikalischen Neuentdeckung ruft. 1966 gewinnt Udo Jürgens den Grand Prix d’Eurovision. Für einen wie ihn schimmert Schwabing heller als Vaterstetten.

Lesen Sie hier: Auftritt bei Weihnachts-Gala im ZDF - Udo Jürgens' Duett mit Helene Fischer geleakt

Wolfgang Roucka (74), noch so eine Schwabinger Legende, hat die Todesnachricht von Udo Jürgens schwer getroffen am Sonntagabend. Ausgerechnet jetzt, zu Weihnachten. Vor genau 30 Jahren ist seine Frau gestorben um diese Zeit, einige Jahre später die Mutter. Nun Udo Jürgens. Roucka, der Fotograf und Posterkönig, sagt: „Da ist jetzt alles wieder hochgekommen.“ Auch die Erinnerung.

„Udo Jürgens und ich hatten in den 60er Jahren unsere Startphase aus der Seele von Schwabing heraus“, so sagt es Roucka. „Udo mit Musik, ich mit Großfotos und Postern.“

Das Büro in der Neuhauser Straße „erdrückt mich“

Musikproduzent Hans R. Beierlein hatte Udo Jürgens Ende der 60er ein Büro in der Neuhauser Straße angemietet. Udo kam zu Roucka: „Er fragte: ,Kannst du mir helfen – das Büro ist ein Schlauch, das erdrückt mich.’ Ich machte ihm ein Großbild mit Blick auf München.“ Die Aufnahme ist inzwischen legendär. Udo wurde seinerseits zum Postermotiv. Roucka druckte Jürgens’ Konterfei auf Kleider und ließ Models auf haushohen Leinwänden damit posieren. Roucka charterte einen Stadtbus aus Paris und ließ ihn – mit Bildern von Udo Jürgens in den Fenstern – durch Schwabing kreuzen.

München war für Udo Jürgens wie eine Ideen-Schmiede. Sein Kreativquartier. „Seine Lieder, die wir heute alle kennen, sind durch gemeinsame Überlegungen und durch gemeinsame Gespräche entstanden“, sagt Hans R. Beierlein an diesem Montag, der ein trauriger ist für ihn und alle Udo-Fans. „Der Tod ist für uns alle ein schwerer Schlag.“ Was Beierlein tröstet: „Ich habe wesentlich dazu beigetragen, dass aus seinen Liedern diese unvergesslichen Hits wurden.“

In München feierte Udo Jürgens dort, wo eben die Großen feierten. Etwa im „Sugar Shack“. Der laute Laden für die Angesagten. Brian Ferry, die Stones. Zappa. Aber eben auch Udo Jürgens. Da war er schon ganz Star. „Und das gab er (später) auch zu: In jeder Discothek waren zehn oder zwanzig Frauen, die geschaut haben, wenn ich hereinkam. Ich war ja auch ein sehr ansehnlicher Typ, mit den langen Haaren und der schlanken Figur. Die Frauen haben alle die Augen verdreht.“ Und dann sei „man gleich zusammen ins Hotel gegangen. Das war völlig normal in den 70ern.“

München ist Heimat geblieben für Udo Jürgens. Seine Konzerte in der Olympiahalle waren immer „ein Heimspiel“, wie er sagte. Mit Management und Familie. Sohn John, Udos jüngerer Bruder Manfred Bockelmann, Udos Ex-Schwägerin, Schauspielerin Christiane Krüger mit Sohn Tim Bockelmann – so etwas wie die Stammbesetzung.

Seinen alten Spezl Thommy Hörbiger († 79), den früheren Nachtlokal-König, hat er im Mai 2011 hier in München mit zu Grabe getragen. Beim Leichenschmaus in der Emmeramsmühle verewigte sich Udo Jürgens im Kondolenzbuch nur mit einigen gemalten Musiknoten und einem einzigen Wort: „Merci.“

„München gedenkt dem großen Musiker in Dankbarkeit“

Nun sagt München: Merci, Udo! OB Dieter Reiter hat gestern ein Schreiben aufgesetzt im Namen der Stadt: „Mit großer Bestürzung habe ich vom Tod Udo Jürgens erfahren. Zu diesem schmerzlichen Verlust möchte ich Ihnen im Namen des Stadtrats der Landeshauptstadt München und vor allem persönlich mein herzliches Mitgefühl ausdrücken. Erst knapp vor einem Monat hat Udo Jürgens einmal mehr seine Münchner Fans in der Olympiahalle mit seinen Liedern bewegt und begeistert. Wer ihn bei seinem umjubelten Auftritt erlebte, so vital und doch vielleicht noch eindringlicher als in seinen früheren Jahren, konnte nicht ahnen, dass ihn so bald danach ,Mitten im Leben’ der Tod ereilen würde.“

Lesen Sie hier: Billy Todzo: Er versuchte Udo Jürgens wiederzubeleben

Reiter weiter: „Mit seiner besonderen Persönlichkeit und seinem unvergleichlichen Charme hat er unzähligen Menschen Freude bereitet und sie glücklich gemacht. München gedenkt dem großen Musiker Udo Jürgens in Dankbarkeit und Verehrung für sein einmaliges künstlerisches Schaffen, das auch nach seinem Tod weiterleben wird.“

Es ist noch gar nicht lange her, da hat Udo Jürgens gesagt, er wisse, was nach dem Tod kommt: „Stille. Das ist das Einzige, was mich trösten könnte. Diese Stille. Unendliche Ruhe, Dunkelheit, kein Ich-Bewusstsein mehr, sondern ein Bewusstsein, das nicht existent ist, sondern das in allem, jedem Gegenstand und in jedem anderen Menschen aufgeht.“