Kultur in Bayern: In den Bankrott spielen

Die Kulturszene Bayerns will nicht länger schlechter behandelt werden als der Rest der Wirtschaft.
von  Volker Isfort
So sieht es in der Isarphilharmonie aus, wenn nur 25 Prozent der Plätze besetzt werden dürfen und vom maskierten Publikum vorher noch einen Test in einer Apotheke oder einer Teststelle verlangt wird. Auf dem Podium: Rudolf Buchbinder (Klavier), Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker bei einer Aufführung von Beethovens Klavierkonzert Nr. 5.
So sieht es in der Isarphilharmonie aus, wenn nur 25 Prozent der Plätze besetzt werden dürfen und vom maskierten Publikum vorher noch einen Test in einer Apotheke oder einer Teststelle verlangt wird. Auf dem Podium: Rudolf Buchbinder (Klavier), Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker bei einer Aufführung von Beethovens Klavierkonzert Nr. 5. © Tobias Haase/Münchner Philharmoniker

Als der bayerische Kleinkunstkönig Till Hofmann Ende November alle seine Spielstätten vorerst bis Ende des Jahres schloss, war dies ein Paukenschlag. Wenn schon Hofmann, der mit immer neuen Ideen wie seinem Eulenspiegel Flying Circus Antworten auf die Corona-Schutzmaßnahmen gefunden hatte, nicht mehr weiter wusste, wer sollte dann noch in der freien Kreativwirtschaft Mut finden?

Bayerns Sonderweg wird vielen zum Verhängnis

Kurz danach verkündete auch das private Metropoltheater in Freimann seine Schließung. Gescheitert waren sie und viele andere allerdings nicht an den damals steigenden Inzidenzzahlen, sondern am bayerischen Sonderweg. Kein Bereich des öffentlichen Lebens muss seit Ende November so gravierend unter den Coronaschutzmaßnahmen leiden wie die Kultur.

Die Kultur leidet am meisten

Man kann oder muss gemeinsam mit Nasenbären in vollen Zügen durch Bayern fahren, ungetestet in bis auf den letzten Platz gefüllten Restaurants speisen, aber ein Kino-, Konzert-, oder Theaterbesuch wirkt, als betrete man einen Hochsicherheitstrakt: Nur 25 Prozent der Plätze dürfen besetzt werden, es herrscht Maskenpflicht, außerdem muss ein tagesaktuelles Testergebnis vorgelegt werden.

Kein anderes Bundesland außer Bayern lässt seine Kulturwirtschaft so quälend langsam am ausgestreckten Arm verhungern, denn Geld verdienen lässt sich auf diese Weise nicht.

Was für die städtischen und staatlichen Einrichtungen noch mit viel Ächzen praktikabel sein mag - sieht man einmal von den gigantischen Mindereinnahmen ab, die dieser "Leerbetrieb" verursacht -, ist für die private Veranstaltungswirtschaft schlichtweg unrealistisch. Erstens ist eine Auslastung von 25 Prozent ohne staatliche Hilfe ökonomischer Irrsinn, zweitens erreicht man diese Zahl ohnehin nicht, wenn man vom Publikum erwartet, dass es sich vor dem Besuch noch mit teils unkalkulierbarem Zeitaufwand testen muss.

Wo bleibt die Logik?

Warum man sich ausgerechnet in einem fast leeren Theatersaal mit Maske eher anstecken soll als in einer vollen Theaterkneipe nebenan (ohne Maske) wird kein Virologe beantworten können. Diese Regeln folgen keiner Logik. Sie widersprechen auch wissenschaftlichen Studien, die der Staat selbst in Auftrag gegeben hat und bei denen die Infektionsgefahr in ordentlich geführten Spielstätten als äußerst gering eingeschätzt wurde.

Kunstminister bekommt viele Briefe 

Sanne Kurz, die kulturpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, hat dies vorgestern in einem offenen Brief an Kunstminister Bernd Sibler beklagt, gestern folgten der Bayerische Landesverband für zeitgenössischen Tanz (BLZT) und der Bayerische Landesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft (BLVKK). Auch der Verband Freie Darstellende Künste Bayern (vfdkb) verlangt ein Ende des Kulturnotstandes.

"Wir fordern, die Ungleichbehandlung des Kulturbetriebs gegenüber vergleichbaren Bereichen von Wirtschaft und öffentlichem Leben sowie den Ausschluss ungeimpfter und nicht genesener Minderjähriger aus dem rezeptiven und partizipativen Kulturbetrieb schnellstmöglich zu beenden", heißt es im Brief des BLVKK an den Ministerpräsidenten.

Nur öffentliche Träger haben aktuell eine Chance

Nur öffentlich hoch geförderte Träger könnten es sich angesichts der Auflagen leisten, Kunst und Kultur zu veranstalten. Die klassische Kulturwirtschaft - Musikmarkt, Markt für darstellende Künste, Kunstmarkt, Buchmarkt und Filmmarkt - ist die Leidtragende einer Corona-Politik, die wissenschaftliche Erkenntnisse zum geringen Infektionsrisiko im Kulturbereich nicht anerkennt."

Die Bürokratie muss weniger werden

Die Verbände der Kulturwirtschaft verlangen eine schnelle Nachbesserung und Entbürokratisierung der bestehenden Hilfsprogramme. Die Antragszahlen auf Soloselbstständigenhilfe lägen weit hinter der erwarteten Menge. "Das hat Gründe: Zugangshürden, die einen Abruf der Programme durch die Betroffenen behindern, Künstlerhonorare werden nicht anerkannt, Hybridexistenzen fallen durchs Raster der Soloselbständigkeit, juristische Unsicherheiten bestehen fort."

Verlangt wird in diesem Zusammenhang eine grundsätzliche Neuorientierung: "Wir brauchen einen neuen Fokus auf die Investition in kleinteilige und dezentrale Strukturen des Kunstsystems, angemessene Bezahlung kreativer freiberuflicher Leistung und eine gleichmäßige Übernahme der Verantwortung bei der Förderung von Kunst und Kultur zwischen Bund, Land, Kommunen und Privatwirtschaft."

Zuletzt wurden die geltenden Coronaschutzmaßnahmen bis zum 15. Januar verlängert. Neu ist lediglich ein Verzicht auf den Testnachweis für Geboosterte ab zwei Wochen nach der dritten Impfung. Dies wird das für Veranstalter traditionell wichtige Weihnachtsgeschäft kaum retten.

Kinobetreiber sind verzweifelt

Auch für die bayerischen Kinobetreiber ist die Fortschreibung der geltenden Regeln eine Hiobsbotschaft. Normalerweise "boostern" sich die Kinobetreiber gerade in der umsatzstärksten Zeit ab November bis zum Ende der Weihnachtsferien, um die mauen Monate im Hochsommer (falls einer stattfindet) zu überstehen.

Entschädigungszahlungen wird es keine geben

Doch die Möglichkeit, ein finanzielles Polster aufzubauen, ist für die bayerischen Kinobetreiber im zweiten Jahr hintereinander gestrichen worden. In der BR-Sendung "Jetzt red i" zerstörte am Mittwoch Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger Hoffnungen auf ähnlich üppige Entschädigungszahlungen wie im vergangenen Winter, weil das der Rechnungshof bereits kritisiert habe.

Noch vor zwei Jahren wollte "Star Wars"-Fan Markus Söder - in völliger Unkenntnis des internationalen Festivalwesens - das Münchner Filmfest zur besseren Berlinale aufmotzen. Nun wird er sich etwas einfallen lassen müssen, um nicht als Totengräber der bayerischen Kinos in die Geschichte einzugehen. Denn die werden nicht bis zum 15. Januar (und darüber hinaus?) täglich öffnen und draufzahlen können.