Interview

Elisabeth Thielemann: "Ich war Freiheit gewohnt"

Elisabeth Thielemann spricht mit der AZ über ihre Kindheit im Chiemgau, die Pflege von Brauchtum und eine Kindererholungskur in einem Heim nach 1950.
von  Leonie Fuchs
Elisabeth Thielemann.
Elisabeth Thielemann. © privat

Die Schauspielerin Elisabeth Thielemann war zuletzt bei den Rosenheim Cops zu sehen. Als Autorin veröffentliche sie 2020 den Roman "Das Geheimnis der Marionette" und "Traunindianer".

Die Zeit schreitet fort, der Veränderung ist kein Einhalt geboten, schreibt die Schauspielerin Elisabeth Thielemann in ihrem Buch "Traunindianer". Um trotz allen Wandels Brauchtum und Kulturgut zu bewahren, hält sie darin autobiografisch die Erlebnisse aus ihrer Kindheit in Kurzgeschichten fest.

Elisabeth Thielemann als Kind mit Katze.
Elisabeth Thielemann als Kind mit Katze. © privat

AZ: Frau Thielemann, Sie sind in dem kleinen Dorf Sankt Georgen im Chiemgau aufgewachsen.
ELISABETH THIELEMANN: Ja, das ist ein richtiges kleines Kaff, aber ich liebe es.

Was ist für Sie Ihre schönste Erinnerung an diese Zeit?
Die Kinderzeit mit meinen Geschwistern und Eltern, die beide schon verstorben sind, 2007 mein Vater, 2009 meine Mama. Das hat mich fürchterlich traurig gemacht. Als ich mein erstes Buch "Das Geheimnis der Marionette" schrieb, in dem übrigens große Teile meiner Familiengeschichte stecken, erinnerte ich mich an Vieles aus meiner Kindheit. Das war der Anstoß zu meinem zweiten Buch "Traunindianer".

"Traumindianer" -  Eine Kindheit im Chiemgau von Elisabeth Thielemann
"Traumindianer" - Eine Kindheit im Chiemgau von Elisabeth Thielemann © privat

Wer sind die Traunindianer?
Als Kind habe ich mit meinen Geschwistern immer an dem Fluss Traun Indianer gespielt. Wir sind in den Wäldern rumgeturnt, haben Fische gefangen und Wigwams gebaut.

Sie beschreiben auch unschöne Erlebnisse bei einem Kindererholungsaufenthalt im Allgäu, an dem Sie teilnahmen. Wie alt waren Sie zu der Zeit?
Ich war ca. 1956 dort und ca. zwischen sieben bis 10 Jahre alt, als ich dort war. Ein richtiges Dorfkind war ich - wir mussten Zuhause folgen, ich war nie aufmüpfig, sondern sehr schüchtern. Bereits am Bahnhof schreckten mich diese vielen fremden Kinder. Die Kinder aus Traunreut waren wesentlich aufgeschlossener und so fand ich nicht gleich Freunde. Vor Ort dann im Zimmer der "Hasen", wie meines genannt wurde, hatte ich eine schreckliche Zimmermitbewohnerin. Sie war ein richtiges Biest, mit der hatte ich ausgesprochenes Pech! Sicher wäre der ganze Aufenthalt ohne sie anders verlaufen.

Inwiefern?
Sie hat mich drangsaliert, mich erpresst, bedroht und bestohlen - das war ein Mädchen mit einem ganz miesen Charakter.

"Die Briefe an unsere Eltern wurden im Heim zensiert"

Angekündigt wurden die Kurheime ja als Erholungsfreizeit.
Ja vom Arbeitgeber für die Kinder der Mitarbeiter war sie als Erholungsurlaub gedacht und sicher gut gemeint. Meine Eltern hatten mich dort in guter Absicht angemeldet.

Das "Indianerreservat" der Geschwister Thielemann: Der Fluss Traun bei Sankt Georgen im Chiemgau.
Das "Indianerreservat" der Geschwister Thielemann: Der Fluss Traun bei Sankt Georgen im Chiemgau. © privat

Sie berichten von einer strengen nächtlichen Ruhe im Heim und vom Mästen der Kinder.
Die Heimschwestern dokumentierten akribisch unser Gewicht. Man musste seinen Teller leeressen, egal wie groß die Portion war, ob es geschmeckt hat oder nicht. Man durfte auch alleine nicht das Haus verlassen, das war für mich sehr schlimm. Zudem wurden unsere Briefe an die Eltern zensiert. Es durfte kein Brief rausgehen, ohne dass ihn eine Heimschwester gelesen hatte.

Wie war das für Sie?
Manchmal hatte ich das Bedürfnis einfach wegzulaufen. Aber nein, abgehauen wäre ich nicht, das hätte ich meinem Vater nicht angetan.

Die SPD untersucht derzeit, was sich zwischen 1950 und 1980 in den Kindererholungsprogrammen abspielte. Es soll Missbrauchs- und Todesfälle gegeben haben. Kinder mussten ihr Erbrochenes essen, durften nachts nicht auf die Toilette gehen.
Das war bei uns nicht der Fall. Wir durften jederzeit auf die Toilette gehen. Als Kind mochte ich keinen Camembert und vor einem speziellen süßen Nudelgericht ekelte ich mich geradezu. Das gab es erneut am letzten Tag, wovon ich mich erbrochen habe. Das Erbrochene musste aber keiner essen. Ich kann auch nicht sagen, dass die Schwestern böse waren, sie waren halt sehr streng und an ihre Vorgaben gebunden. Da ich uneingeschränkte Freiheit gewohnt war, habe ich den Aufenthalt als fürchterlichen Zwang empfunden. Geschlagen wurde auch keiner, höchstens mal ausgeschimpft.

In Ihrem Buch geht es Ihnen um Erinnerungskultur und Brauchtumspflege. Wieso ist das für Sie wichtig?
Ich bin ein sehr bodenständiger, heimatverbundener Mensch. Sehen Sie, wenn ein Mensch stirbt, dann kommt er ins Grab und mit ihm werden seine ganzen Erinnerungen, Erlebnisse und Erfahrungen für immer eingegraben. Viele Kinder wissen heute ja gar nichts mehr von früher. Ich wollte meine Erinnerungen deshalb als eine Art Zeitdokument festhalten, damit diese nicht verlorengehen. Ich fühle mich mit dem Chiemgau und meiner Heimat sehr verbunden und die Kultur sollte festgehalten werden. Das ist wichtig.

Mit 18 Jahren hat es Sie dann nach München verschlagen. Hatte Sie im Dorf die Abenteuerlust gepackt?
Ich stand oft unter dem Birnbaum im Garten meiner Eltern und sah den Flugzeugen am Himmel hinterher. Da hat mich die Sehnsucht nach der großen weiten Welt gepackt - dazulernen, einen anständigen Beruf ergreifen und mich weiterbilden wollte ich. Das war zur damaligen Zeit im Dorf nicht gegeben. Es gab noch keine Weiterbildungsmöglichkeiten. Eine Freundin von mir ist dann nach München gegangen und ich mit.

Der Veränderung ist kein Einhalt geboten, schreiben Sie in "Traunindianer". Wie ist das für Sie heute an den Ort Ihrer Kindheit zurückkehren?
Manchmal schmerzlich. Wälder sind verschwunden, Sportplätze entstanden, viele neue Gesichter, nur wenige alte sind noch da - das tut ein bisschen weh, aber mit Veränderung muss der Mensch leben.

"Bei der Schauspielerei wurden in letzter Zeit oft Jüngere engagiert"

Hat die Veränderung auch Gutes gebracht? Auch aktuell in Bezug auf die Pandemie?
Die Pandemie hat mir mehr Ruhe und Zeit zum Schreiben gebracht. Auf der anderen Seite bremste sie mich in Bezug auf Lesungen und Life-Auftritte lange völlig aus. Was die Schauspielerei angeht, wurden wegen des Gesundheitsrisikos in letzter Zeit oft Jüngere engagiert. Ich hoffe, dass nun für Alle bald Normalität einkehrt, vor allem auch für die Kinder und die jüngere Generation.

Meinen Sie, die Krise bewirkt ein Aussterben derer?
Ich denke, dass Bräuche so stark verankert sind, dass sie niemals aussterben werden. Auch bei den Jüngeren nicht. Die lieben ja ihre Feste und zelebrieren sie auch. Die warten eher alle darauf und sitzen schon in den Startlöchern.


Elisabeth Thielemann, "Traunindianer - Eine Kindheit im Chiemgau, 118 Seiten, Verlag Edition SOLAR-X, 10 Euro. Am Sonntag (25.7.) liest Thielemann zum Tag der Vereine ab 14 Uhr auf dem Stadtplatz in Traunstein Mundarttexte vor und signiert anschließend Bücher.