Interview

Campino: "Für meinen Sohn bin ich wohl eher uncool"

Campino schreibt in seiner Autobiographie "Hope Street" auch über seine Liebe zum FC Liverpool. Und den Sound dieser Stadt lässt er mit seinen Toten Hosen aufleben, mit einem neuen Merseybeat-Coveralbum.
von  Olaf Neumann
Campino, Sänger der "Toten Hosen",  hat mit "Hope Street" seine Autobiographie geschrieben.
Campino, Sänger der "Toten Hosen", hat mit "Hope Street" seine Autobiographie geschrieben. © Daniel Hofer

Was wird aus einem Kind mit diesem Hintergrund: Der Urgroßvater ein Pfarrer in Berlin-Schöneberg. Der Großvater Präsident des Bundesverwaltungsgerichts. Der Vater: Richter. Die englische Mutter: oxford-studierte Hausfrau. Fünf Geschwister, darunter der zwölf Jahre ältere Bruder, der den Kleinen auf Punkrock in England aufmerksam macht. Ältere Schwester: Balletttänzerin. Also was wird aus so einem Kind? Campino, Punkrocker mit Charme und Hirn.

AZ: Campino, 1978 sahen Sie in Düsseldorf Ihr erstes Liverpool-Spiel beim Europapokal-Halbfinale gegen Gladbach. War das für Sie von ähnlicher Bedeutung wie Ihr erstes Punk-Konzert?
CAMPINO: Ich hatte noch nie so viele Menschen auf einem Haufen gesehen wie an diesem Abend im Rheinstadion. Plötzlich spielte mein Liverpool vor meinen Augen. Im Auswärts-Fanblock schmetterten die Jungs aus Liverpool ihre Lieder. Das faszinierte mich unglaublich. Kein Zufall, dass ich bei der Musik gelandet bin und nicht beim Sport. Mein erstes Rockkonzert 1976 in London in dem kleinen Club Rockgarden ging mir durch Mark und Bein. Die Count Bishops haben immens laut und wild gespielt.

Campino: "Ich kann mit dem Begriff Rampensau nichts anfangen"

Im Sommer 1979 reisten Andi Meurer und Sie mit dem Zug durch England, um möglichst viele Punkbands zu sehen.
Es war ein Riesenabenteuer, mit Andi zu vagabundieren. Vor den Clubs in Leeds und York hingen andere Punks rum, und man schloss immer wieder neue Freundschaften. Wir waren wie ein Geheimbund, der sich untereinander erkannte. Rebellion lag in der Luft.

Waren Sie damals schon eine Rampensau auf der Bühne?
Ich kann mit dem Begriff nichts anfangen. Ich fühle mich manchmal auf der Bühne sehr wohl. Das ist ein feiner Moment, wenn alles stimmt vom Sound bis zur Laune des Publikums. Dann "Hier kommt Alex" zu singen ist ein tolles Gefühl. Aber mir wird nicht mulmig zumute, wenn ich monatelang kein Konzert gebe. Unter Rampensau verstehe ich eher jemanden, der immer im Mittelpunkt sein muss. Das bin ich nicht. Ich dränge mich auf Partys nicht auf. Ich mag es auch nicht, mich in Aufzeichnungen performen zu sehen. Das Selbstbetrachten ist für mich kein Vergnügen.

Sind Sie noch aufgeregt, wenn Sie sich im Radio hören?
Wenn ein Lied von uns läuft und ich allein bin, fühlt sich das gut an. Aber es löst bei mir Beklemmung aus, wenn andere dabei sind oder ein Song von uns im Stadion erklingt. In dem Moment fühle ich mich, als würde ich nackt in einer Disko stehen.

Campino: "Kokain war damals die Währung"

1990 traten die Toten Hosen als Anheizer der Rolling Stones auf. Angeblich mussten Sie deren Crew mit Kokain bestechen, um für optimale Soundverhältnisse zu sorgen.
Das lief charmanter, als es sich anhört. Wenn man mit den Rolling Stones spielt, muss man nicht unbedingt einen guten Draht zur Band, sondern eher zu den Technikern haben. Denn die entscheiden über den Sound. Wenn sie dich nicht ernst nehmen, kannst du als Special Guest schlimme Erlebnisse machen. Es hat bei ihnen aber für gute Laune gesorgt, dass einer von uns zu ihnen ging und ihnen etwas aufs Pult legte. Kokain war damals die Währung.

Sind die Stones an jenem Abend unter sich geblieben?
An dem Abend kamen sie nicht runter, aber ich bin Mick Jagger später in kleinerem Rahmen begegnet. Wir waren auch bei Tourneen von AC/DC, U2 und Metallica als Vorband eingeladen, da kam es immer zu gemeinsamen Stunden. Bei der U2-Tour sind beide Bands zufällig zum selben Zeitpunkt in eine Hotelküche eingebrochen. Ein spontanes, unglaublich lustiges Treffen. Am ersten Abend der Tour fanden wir in unserer Garderobe einen sehr netten Willkommensbrief von der Band. Daneben eine Flasche Champagner. So wollten wir dann auch zu unseren Vorbands sein.

Manchmal lassen Sie sich einen kleinen Monitor an den Bühnenrand stellen, um auch während eines Konzertes am (Fuß-)Ball zu bleiben.
Ich weiß auch nicht, warum ich es nicht abwarten kann, den Ausgang eines Spiels erst nach meinem Auftritt zu erfahren. Übers Internet kann man heutzutage jedes Match live verfolgen, aber während einer Show achte ich nur auf das Ergebnis. Ich will mein Publikum ja nicht enttäuschen. In Situationen ohne Internetverbindung legen unsere Roadies immer unauffällig einen Zettel mit dem aktuellen Torstand am Bühnenrand hin. So lange es die Performance nicht beeinflusst, darf ich mir das erlauben.

"Es kann so viel geschehen, nur eins weiß ich hundertprozentig: Nie im Leben werd ich zu Bayern gehen", ging 1999 die ironische Fußballhymne "Bayern". Für Uli Hoeneß eine Beleidigung: "Die Toten Hosen? Das ist der Dreck, an dem unsere Gesellschaft mal ersticken wird!" Warum hört beim Fußball oft der Spaß auf?
Das hängt immer von der jeweiligen Mannschaft ab. Es gibt auch die Einstellung: Lass die da mal in der Champions League machen, wir haben hier in der dritten Liga viel mehr Spaß. Mit der Straßenbahn zum Auswärtsspiel in der vierten Liga zu fahren ist etwas sehr Lustiges. Bei unserer Fortuna aus Düsseldorf ist Humor ein Überlebenselexier. Es gibt viele Fußball-Nerds, die bei allem Ernst über sich lachen können. Auch dem FC Bayern würde es gut tun, mal über sich selber zu lachen. Uli Hoeneß hat aber eine Zeit lang Würstchen an McDonald's verkauft und seine Werbespots dazu hatten durchaus großen Humor.

Campino: "Jürgen Klopp ist privat ein guter Zuhörer"

Was unterscheidet Ihren Freund Jürgen vom Startrainer Jürgen Klopp?
Jürgen weiß, wann ein Auftritt beginnt und wann er zu Ende ist. In dem Moment, wo er das Stadion betritt, ist er im Managermodus und auf die Arbeit fokussiert. Er ist dann fast schon scharf gestellt, während er im Privatleben ein guter Zuhörer ist und nicht immer das letzte Wort haben muss. Es findet dann keine Performance mehr statt. Wenn ein Mikrofon im Raum ist, muss man in seiner Position funktionieren. Aber es gibt natürlich auch den Jürgen Klopp außerhalb dieser Welt. Er ist dann einfach nur ein Freund. Wir sitzen manchmal in einer Runde zusammen und spielen "Stadt Land Fluss". Er ist mit demselben Eifer dabei und blödelt herum wie alle anderen auch.

Ihre heimliche Hochzeit in New York erwähnen Sie in "Hope Street" eher beiläufig. Ihre Frau scheut die Öffentlichkeit. Wie sehr hat die Ehe Ihr Leben verändert, das immer ein wenig rastlos schien?
Die Hochzeit hatte nichts damit zu tun, einen Ruhepol zu finden. Mir geht es seitdem nicht anders, ich kenne meine Frau natürlich schon länger. Da wir 2019 geheiratet haben und ich in "Hope Street" auch das Tagebuch eines Jahres führe, habe ich die Hochzeit auf eine diskrete Art eingebaut. Meine Frau begleitet mich oft zu den Spielen in Liverpool und hat mittlerweile dort auch ihren Spaß. Als ich ihr erzählte, dass ich ein Buch über Liverpool schreiben wolle, war ihre erste Reaktion: "Du spinnst wohl, mir deinen Freizeitquatsch als Beruf aufzubinden? Soweit kommt's noch!"

Ihr Sohn Lenn ist kein Fußball-Fan. Hat er das Buch gelesen?
Ich habe ihm die Stellen, an denen er vorkommt, vorgelesen und gefragt, ob sie für ihn in Ordnung sind. Ich glaube, er hat noch nie eine Tote-Hosen-Biografie gelesen. So komme ich auch nicht in Erklärungsnöte. Ich finde es gesund, dass man erstmal nur als Elternteil wahrgenommen wird und es völlig egal ist, welchen Beruf man ausübt. Ob man Taxi fährt oder Rockmusik macht, interessiert die Kids erst mal nicht. Mein Sohn hört leidenschaftlich gern Hip-Hop.

Campino: "Für meinen Sohn bin ich wohl eher uncool"

Für die meisten Menschen sind Sie ein wirklich cooler Typ. Findet Ihr Sohn das auch?
Für ihn bin ich wohl eher uncool. Es würde mir mehr Sorgen machen, wenn er mich heroisieren würde. Eltern versuchen heutzutage, ihren Kindern freundschaftlich Ratschläge zu geben, das war in meiner Kindheit anders. Trotzdem sind wir nicht die Freunde unserer Kids, sondern die Erzieher. Ich würde meinem Sohn nicht von meinen Sorgen erzählen. Das wäre eine Überforderung.

Den Soundtrack zu "Hope Street" bildet das neue Tote-Hosen-Album mit Songs von Beatles-Zeitgenossen wie The Searchers, Gerry & The Pacemakers, Rory Storm & The Hurricanes und The Swinging Blue Jeans. Waren das die Vorläufer des Punk?
Für mich absolut. Die Manager des Kaiserkellers und die des Star Clubs bestellten in Liverpool immer Tanz-Bands. So sind die Beatles, die Searchers und Gerry & The Pacemakers auf die Reeperbahn gekommen, wo sie nachts bis zu sechs Sets spielten. Nur weil sie Anzüge trugen, waren sie noch lange nicht harmlos. Die pfiffen sich alles rein an Pillen und Alkohol, was es gab. Sie haben den Rock'n'Roll- und Punk-Wind sowas von um die Ohren bekommen. Der Gitarrist von Rory Storm & The Hurricanes ist eines Tages auf der Bühne kollabiert und bald darauf verstorben. Rory Storm selber wurde mit 34 Jahren zusammen mit seiner Mutter tot in der Wohnung aufgefunden. Wilde Geschichten!

Wollten Sie diese Musik zeitgemäß spielen?
Wir haben versucht, den Sound der 60er Jahre zu konservieren und liebevoll aufzuarbeiten. Die spezifischen mehrstämmigen Gesänge der Originale haben wir uns genau angehört. Am Ende kamen natürlich doch die Toten Hosen raus. Wir wollten die Wucht von heute einbringen, ohne den Charakter der Stücke zu verändern. Eine laute und fröhliche Liebeserklärung an die Originale.

Campino: "Die Toten Hosen sind der komplette Gegenentwurf zum Leben in Corona-Zeiten"

...die Sie auch live spielen?
Diese Songs würden für ein Clubkonzert hervorragend passen. Sicherlich könnten wir in einer großen Halle vor nur 250 Menschen spielen, die unter Corona-Bedingungen in auf dem Boden markierten Kreisen stehen. Das ist aber nicht meine Vorstellung von einem Rockkonzert. Wir beißen lieber die Zähne zusammen und versuchen, die Sache zu überstehen. Die Toten Hosen sind der komplette Gegenentwurf zum Leben in Corona-Zeiten. Wir legen Wert auf Nähe und Umarmungen. Wir wollen feiern, tanzen, schwitzen, trinken. Der Kochtopf soll überschwappen. Wir sind die Letzten, denen man gestatten wird, mit großem Hallo wieder auf die Bühne zu gehen.


Campino: "Hope Street. Wie ich einmal englischer Meister wurde" (Piper, 368 Seiten, 22 Euro. Als Hörbuch mit sechs für das Hörbuch produzierten Songs: tacheles!/Roof Music 17,99 Euro). Die Lesung am 13. November in den Kammerspielen ist ausverkauft
Die Toten Hosen: "Learning English Lesson 3: Mersey Beat! The Sound of Liverpool" (limitierte CD/LP, JKP/Warner)