Interview

Armin Nassehi über die Corona-Proteste: "Es rumort in unserer Gesellschaft"

Der Soziologe Armin Nassehi über die (Un-)Logik der Corona-Proteste.
von  Paul Nöllke
Armin Nassehi ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität.
Armin Nassehi ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität. © dpa

In seinem neuen Buch "Das große Nein" erklärt der Soziologe, wie aus Kritik Protest wird, wie dieser Protest eingebettet ist in die Kommunikationslogik unserer Zeit, wie sich seine Eigendynamik entfaltet, und worin genau die Tragik des Protests besteht.

AZ: Herr Nassehi, Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Protest oft nach dem gleichen Muster abläuft, egal was die Motivation hinter dem Protest ist. Sehen Sie das auch bei den Corona-Demos?
ARMIN NASSEHI: Ja. Proteste richten sich meist gegen Entscheider, also "Eliten" – ob diese nun wirklich existieren oder nicht. Das war bei Pegida der Fall, bei Black-Lives-Matter, aber auch bei Fridays for Future. Nun passiert das Gleiche bei den Corona-Demos. Zudem soll der Eindruck erweckt werden, es gäbe im "Mainstream" keine Opposition gegen die Corona-Maßnahmen.

Gibt es dort denn eine Opposition?
Natürlich gibt es die. Die Maßnahmen wurden ja durchaus kritisch diskutiert, in der Politik, wie auch in den Medien. Keiner kann behaupten, dass es in Deutschland keine Debatten dazu gab und immer wieder gibt. Aber die meisten Leute, die da protestieren, sind weit weg von diesen Debatten.

Wie meinen Sie das?
Die Leute, die auf die Corona-Demos gehen, haben das Gefühl, sich anders kein Gehör in unserer Gesellschaft verschaffen zu können. Das darf man nicht falsch verstehen: Das heißt nicht, dass es ausschließlich Menschen mit wenig Bildung oder wenig materiellen Ressourcen sind. Es scheint so zu sein, dass viele Menschen mit der Situation zur Zeit einfach kognitiv und psychisch überfordert sind. Protest ist dann ein Versuch, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen, ohne wirkliche Lösungskonzepte anbieten zu müssen. Auch das ist ein Merkmal, das bei ganz verschiedenen Protesten immer wieder vorliegt.

Gibt es etwas, das den Corona-Protest Ihrer Einschätzung nach von anderen Protesten unterscheidet?
Es fällt auf, dass sich hier sehr unterschiedliche Milieus mischen. Da protestieren extreme Rechte neben grünen Ökos. Geeint werden sie durch eine grundsätzliche Systemkritik. Denn die Forderungen der Demonstranten sind inhaltlich zumeist kaum ernst zu nehmen. Da geht es eher darum, ein Nein zu formulieren und damit eine Art Eindeutigkeit herzustellen.

Wie sollen wir als Gesellschaft also auf solche Demos reagieren? Sollten wir uns auch mit den Verschwörungstheoretikern auseinandersetzen?
Wie gesagt, inhaltlich gibt es wenig, womit man sich dort auseinandersetzen muss. Die Proteste sind ein Zeichen für einen Stress in der Gesellschaft, der sich hier entlädt. Insofern muss man ernst nehmen, dass sich Stress in dieser Form entlädt. Der allergrößte Teil der Bevölkerung unterstützt die gegenwärtigen Corona-Maßnahmen. Schon das widerspricht ja dem, was die Demonstranten behaupten.

Sind die Corona-Demos eine Gefahr?
Sie sind ein Seismograf, der zeigt: Es rumort in unserer Gesellschaft. Eine Gefahr ist er aber nicht, glaube ich. Dazu sind die Forderungen ja auch viel zu unrealistisch. Zu Beginn dachte ich auch, dass sich aus dem Protest vielleicht doch etwas Langfristigeres entwickelt, so wie die AfD womöglich eine weitere Protestpartei. Doch dazu hat es dann doch nicht gereicht. Alle Versuche in dieser Art sind fehlgeschlagen. Seit Pegida sieht man in Deutschland aber, dass solche Protestformen immer wieder die Grenze des Sagbaren verschieben. Das könnte auch bei den Corona-Demos der Fall sein. Dort finden sich oft auch sehr antisemitische Tendenzen.

Protest kann oft in Gewalt ausarten. Ist das bei den Corona-Demos zu befürchten?
Zur Zeit sehen wir bei den Demos nur ganz begrenzt Gewalt. Diese richtet sich gegen Pressevertreter oder Polizisten. Eigentlich sind die Demos aber friedlich. Das zeigt mir, dass die Corona-Proteste nur wenig Energie erzeugen. Ich glaube also nicht an große Gewalteskalationen. In Stuttgart und Frankfurt war die Gewalt auch schwer an einer Demonstration festzumachen. Eigentlich waren das keine Proteste, weil sie gar keine inhaltliche Dimension hatten, sondern eher Plünderungen.

In München werden Ziele einer Protestkultur. Der Radentscheid wird umgesetzt, in der Verkehrspolitik wird gemacht, was davor auf Demonstrationen gefordert wurde.
Und trotzdem werden viele Demonstranten nicht zufrieden sein. Denn auch das ist die Tragik eines Protests: Die Forderungen werden nie so radikal umgesetzt wie verlangt, aber ohne wiederholte Proteste kommt es bisweilen gar nicht dazu, dass Themen nachhaltig weiterverfolgt werden. Es werden viele enttäuscht sein, und es wird spannend zu sehen, wie die Verantwortlichen damit umgehen.     
Armin Nassehi: "Das große Nein", Kursbuch Edition, 160 Seiten, 20 Euro