Weiter Wirbel ums Weltkulturerbe

Das Reichsparteitags- gelände ist draußen – jetzt will sich die Stadt mit dem Saal 600 bewerben
von  Abendzeitung
Blick in den Saal 600: Hier wurden die Kriegsverbrecher verurteilt und das Völkerstrafrecht geboren. Damit bewirbt sich die Stadt Nürnberg.
Blick in den Saal 600: Hier wurden die Kriegsverbrecher verurteilt und das Völkerstrafrecht geboren. Damit bewirbt sich die Stadt Nürnberg. © bayernpress

Das Reichsparteitags- gelände ist draußen – jetzt will sich die Stadt mit dem Saal 600 bewerben

NÜRNBERG Überraschende Kehrtwende! Das Reichsparteitagsgelände soll jetzt doch nicht Weltkulturerbe werden. Stattdessen will sich die Stadt nun mit dem Schwurgerichtssaal 600 um den Titel bewerben, den die UNESCO, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, vergibt.

Die SPD hatte Ende April im Kulturausschuss beantragt, dass sich Nürnberg als „Stadt der Menschenrechte – Geburtsstätte des Völkerstrafrechts" um die Auszeichnung bemühen soll. Eingeschlossen in die Überlegungen war dabei auch der beispielhafte Umgang mit dem Nazi-Aufmarschgelände am Dutzendteich und die Aufarbeitung der Geschichte dort im Dokuzentrum.

Ein Beschluss mit Folgen

Viele Medien berichteten über die Pläne – und den Hintergedanken der Stadt, damit Aufmerksamkeit für ein weiteres Problem zu schaffen. Denn das Reichsparteitagsgelände muss vor dem Verfall gerettet werden. 70 Millionen Euro wird das kosten. Die Stadt erhofft sich hohe Zuschüsse. Was mit dem Ausrufezeichen „Welterbe“ leichter durchzusetzen wäre. So hoffte es OB Ulrich Maly, die SPD-Fraktion und auch der CSU-Bundestagsabgeordnete Michael Frieser, der eine überparteiliche Initiative zur Rettung des Areals anschob.

Doch jetzt bremst die Untere Denkmalschutzbehörde. „Das Reichsparteitagsgelände ist nicht welterbe-würdig“, sagte am Mittwoch Behördenmitarbeiter Daniel Ulrich. Auch Fördergelder seien nicht an den Titel geknüpft.

Der Saal 600 entspreche den scharfen UNESCO-Kriterien

Einzig der Saal 600, in dem ab Ende 1945 die Kriegsverbrecherprozesse stattfanden, entspreche den scharfen Kriterien der UNESCO. Hier wurden die Nürnberger Prinzipien entwickelt. Und hier entstand das moderne Völkerstrafrecht. „Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Hier entstand eine Idee, die universelle Bedeutung hat“, so Ulrich. „Welterbe-würdig ist der Geist, der durch den Saal 600 weht.“ Und damit könne Nürnberg bei der UNESCO punkten.

Weltweit gibt es unter den über 600 Welterbe-Stätten nur elf, die wegen ihrer ideengeschichtlichen Bedeutung ausgewählt sind – unter anderem die wiedererrichtete Brücke von Mostar als Symbol für das Zusammenleben von Völkern oder Hiroshima als Mahnort für den ersten Atombombenabwurf.

Am 20. Oktober soll nun der Stadtrat über die Bewerbung mit dem Saal 600 entscheiden. Kurz danach wird dort das Memorium eröffnet, das an die Geschichte des Saals erinnert. Vor 2017 rechnet niemand mit einer Entscheidung im dem komplizierte Weltkulturerbe-Verfahren.

mir