Ex-Clubtrainer Hans Meyer: Seine Stasi-Akte!

95 Seiten lagern in der Birthler-Behörde. Ab 1971 gab er als „Hans Schaxel“ Informationen über Spieler und Kollegen an die Stasi weiter.
von  Abendzeitung
Hans Meyer stellt sich den Fragen der Journalisten - aber nicht, wenn es um seine Stasi-Vergangenheit geht.
Hans Meyer stellt sich den Fragen der Journalisten - aber nicht, wenn es um seine Stasi-Vergangenheit geht. © bayernpress

NÜRNBERG - 95 Seiten lagern in der Birthler-Behörde. Ab 1971 gab er als „Hans Schaxel“ Informationen über Spieler und Kollegen an die Stasi weiter.

Manche Fans weinen ihm noch heute eine Träne nach, für andere ist er mitverantwortlich für die rasante Talfahrt des 1. FC Nürnberg: Ex-Trainer Hans Meyer (66). Zwiespältig wie sein sportliches Image fällt indessen auch die Einschätzung seiner DDR-Vergangenheit aus. Gerüchte über eine Spitzeltätigkeit für den gefürchteten Staatssicherheitsdienst (Stasi) des sozialistischen Arbeiterstaates sind nicht totzukriegen. Die AZ wollte es genau wissen – und besorgte sich bei der Birthler-Behörde die „Stasi-Akte Meyer“.

Er will sich nicht mehr zu diesem Kapitel äußern

Hans Meyer, der beim Club im Februar gefeuert wurde und derzeit Borussia Mönchengladbach trainiert, will sich mittlerweile nicht mehr zu diesem Kapitel äußern. Beim Auftauchen erster Gerüchte über seine vermeintliche Spitzeltätigkeit hatte er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung eine Mitarbeit beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR kategorisch abgestritten.

Aktenlage ist nicht eindeutig

Ganz so eindeutig ist es nach Aktenlage allerdings nicht, auch wenn die bei der Birthler-Behörde lagernden Stasi-Akten hinsichtlich ihres Wahrheitsgehaltes mit einer gewissen Skepsis zu betrachten sind. Dem Archiv der Behörde ist jedoch zweifelsfrei zu entnehmen, dass Hans Meyer unter dem Decknamen „Hans Schaxel“ (Aktenzeichen X/1613/80) als so genannter „Gesellschaftlicher Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes“ (GMS) geführt wurde.

1971 geriet er in das Visiser der DDR-Schnüffler

Ins Visier der staatlichen DDR-Schnüffler geriet Meyer 1971, als er Cheftrainer beim FC Carl Zeiss Jena wurde. Seine Anwerbung erfolgte den Unterlagen zufolge am 4. November in der Zeit zwischen 13 und 14 Uhr in seinem Dienstzimmer im Ernst-Abbe-Sportfeld. In dem von Unterleutnant U. angefertigten Bericht der MfS-Kreisdienststelle Jena, Referat XX, heißt es unter anderem: „Der Genannte zeigte sich sofort bereit, unser Organ entsprechend seinen Möglichkeiten umfassende Unterstützung zu geben.“ Weiterhin ist wörtlich (inklusive aller Rechtschreibschwächen) festgehalten: „Zum Abschluss des Gesprächs bat der Genannte darum das eine weitere Zusammenarbeit mit dem MfS unter strengster Konspiration erfolgen muß, da er befürchtet wenn diese unter seiner Mannschaft bekannt würde stört dieses das Vertrauensverhältnis zu den Spielern.“

"Eigentlich war Hans Meyer mehr Opfer als ein Täter"

Hans Meyer, seit 1968 Mitglied der SED und nach Einschätzung seines Führungsoffiziers ein staatstreuer Kommunist, plauderte mit den Kontaktleuten der Stasi einerseits über Vereinsinterna und das Verhalten von seinen Spielern. Andererseits wurde Meyer, der offensichtlich nicht wusste, dass ihn das Ministerium für Staatssicherheit unter dem Decknamen „Hans Schaxel“ führte, selbst von verdeckt agierenden Stasi-Mitarbeitern bespitzelt. Diese Tatsache interpretiert sein derzeitiger Arbeitgeber ausgesprochen wohlwollend. Borussia Mönchengladbachs Pressesprecher Markus Aretz zur AZ: „Eigentlich war Hans Meyer mehr ein Opfer als ein Täter.“ Realistischer ist, dass auch in seinem Fall die Maxime des DDR-Regimes galt: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Seine Akte umfasst 95 Seiten

Politisch links, aber nicht völlig link: So könnte man anhand der 95 Seiten umfassenden Stasi-Akte Meyers Aktivitäten im Dienste des Ministeriums für Staatssicherheit deuten. Vorsätzlich geschadet dürfte der zu Ironie und verqueren Wortspielereien neigende Fußballtrainer niemandem haben. Völlig frei von unappetitlichen Passagen sind die Unterlagen aus der Birthler-Behörde dennoch nicht. Als ein Co-Trainer von ihm in den Westen flüchtete und von da an aus DDR-Sicht den Nimbus eines Republikflüchtlings trug, lederte Meyer kräftig nach. Seinen Kontaktmann beim MfS versorgte er mit nicht belastbaren Informationen über das angebliche Sexualleben des Geflüchteten, dem er Kontakte zu Homosexuellen nachsagte. Bei dem derart Verunglimpften soll es sich laut einer Buchveröffentlichung („Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder“) um einen Fußball-Lehrer handeln, der auch in der Bundesliga aktiv war. In der Stasi-Akte von Hans Meyer alias Hans Schaxel ist der Name aus Datenschutzgründen geschwärzt.

"Er gab bereitwillig Auskunft"

Ganz belanglos dürften die Informationen, die Meyer lieferte, für die Stasi aber nicht gewesen sein. Als er 1984 von Jena zum FC Rot-Weiß Erfurt wechselte, reichte ihn auch die MfS-Dienststelle von Jena nach Erfurt weiter. In einem Bericht vom 21. März 1988, unterschrieben von Referatsleiter XX/2 Major W. heißt es: „Mit der Übernahme seiner Tätigkeit beim FC RWE wurde der GMS zur Abdeckung des Informationsbedarfes genutzt. In den Treffs im Dienstzimmer des GMS gab er bereitwillig Auskunft zu den ihm gestellten Fragen.“

1988 wurde er als "Hans Schaxel abgeschaltet"

Das Interesse der Stasi an Meyer ließ erst im Mai 1987 nach, als er seinen Trainerjob in Erfurt verlor und danach als Mitarbeiter im Wissenschaftlichen Zentrum Leipzig tätig war. Im März 1988, kurz vor dem Zusammenbruch des Regimes, wurde Hans Schaxel „abgeschaltet“.Helmut Reister