Coronafolgen für Kinder: Die Pandemie als Brennglas

Nach einem Jahr Pandemie gibt es immer mehr Hinweise auf eine erhöhte psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen. Der Freistaat soll das Wohl der Jungen stärker berücksichtigen.
von  Myriam Siegert, Jörg Ratzsch
Distanzunterricht, Homeoffice und Kontaktbeschränkungen - gerade für Kinder und Jugendliche ist das sehr viel auf einmal.
Distanzunterricht, Homeoffice und Kontaktbeschränkungen - gerade für Kinder und Jugendliche ist das sehr viel auf einmal. © Rolf Vennenbernd/dpa

Keine Tanzschule, kein Fußballtraining, keine Party zum 18., kein Praktikum, keine Klassenfahrt, keine Konzerte, keine Clubs, kein Fasching in der Kita, kein Laternenumzug, keine Freunde treffen. Wer sich erinnert, wie prägend die Erfahrungen waren, die Kinder und Jugendliche jetzt nicht machen können, weiß, wie es ihnen in der Corona-Pandemie geht.

Corona-Pandemie raubt Kinder einen Teil ihrer Kindheit

Trotzdem: In Zeiten der Pandemie und ihrer Bekämpfung gingen und gehen die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen oft unter. "Es ist eben nicht so, dass Kinder und Jugendliche sich mit so einer Situation einfach arrangieren können, aufgrund ihrer Jugend, sondern im Gegenteil", mahnt Sozialreferentin Dorothee Schiwy (SPD). "Wir machen uns Gedanken, dass diese Pandemie, die schon ein Jahr lang andauert, den Kindern und Jugendlichen einen Teil ihrer Kindheit raubt." Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD) ergänzt: "Die durchschnittliche Pubertät dauert rund vier bis fünf Jahre. Durch die inzwischen ein Jahr dauernden Maßnahmen haben die Jugendlichen somit 20 bis 25 Prozent an Entwicklungsmöglichkeiten dieser wichtigen Zeit verloren."

Für Vierjährige dauert die Pandemie schon ein Viertel ihres Lebens

Kinder und Jugendliche haben ein anderes Zeitempfinden, sagt auch Alexandra Langmeyer, Wissenschaftlerin am Deutschen Jugendinstitut in München. Wer sich erinnert, wie lange sich als Kind ein paar Wochen Sommerferien anfühlten, kann sich vorstellen, was nun ein Jahr Corona-Ausnahmezustand für junge Menschen bedeutet. Für einen Vierjährigen bedeute ein Jahr Corona ein Viertel seines Lebens. Erste Erkenntnisse zeigten, "dass psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen, etwa zusätzliche Angst- und Zwangsstörungen zunehmen", sagt Verena Dietl. Dies zeigten Rückmeldungen von Kinderärzten und Kliniken, Psychiatrien und der Jugendhilfe.

Die Familien hocken eng aufeinander, teils laufen Homeoffice und Homeschooling parallel. Andere haben durch Kurzarbeit finanzielle Sorgen oder Zukunftsängste. "Diese Sorgen tragen die Kinder mit, haben aber keine Anlaufstelle", ergänzt Dorothee Schiwy. "Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas." Vermehrte psychische Belastungen, Essstörungen, Aggressionen, Depressionen, Alkohol- und Drogenkonsum und sogar Selbstmordgefährdungen stellt auch das Stadtjugendamt vermehrt fest. "Dabei vermuten wir eine hohe Dunkelziffer", sagt Jugendamtsleiterin Esther Maffei.

Bedürfnisse und Wohl von Kindern müssen stärker berücksichtigt werden

Stadtjugendamt und Sozialbürgerhäuser bekommen von verschiedenen Seiten Hinweise auf mögliche Kindeswohlgefährdungen. Doch die Zahlen passten nicht zu den Gefährdungsmeldungen. Dies liege daran, dass die üblichen Meldewege über Lehrer, Erzieher und andere Einrichtungen, in denen Kinder und Jugendliche sich aufhalten, fehlen. "Das bedroht unser Frühwarnsystem", so Maffei. Man habe deshalb intensiv geschaut, wie man die Vernetzung auch in Pandemiezeiten aufrecht erhalten kann. Sie betont: Alle Beratungsangebote seien erreichbar.

Man ist sich einig: Bei der Diskussion um Lockerungen von Maßnahmen müssten Bedürfnisse und Wohl von Kindern und Jugendlichen nun stärker berücksichtigt werden. Kontaktbeschränkungen im Freien, unter Einhaltung der Abstandsregeln, sollten daher gelockert werden, es solle erlaubt werden, mehr als einen Freund oder Freundin zu treffen. Ebenso sollten Sport- und Bolzplätze im Freien wieder offiziell geöffnet werden, damit Outdoorsportarten wieder möglich werden, sagt Verena Dietl. Auch Freiluft-Institutionen, wie etwa der Tierpark, sollen wieder öffnen. "Wir brauchen dringend zusätzliche Flächen, wo Familien sich aufhalten können."

Corona hat Bildungsungleichheit in Grundschulen verstärkt

Bei der Stadt berät man bereits, wie diese Probleme nach der Pandemie angepackt werden sollen. Mit Blick auf die langfristigen Auswirkungen der Schulschließungen fordert man vom Freistaat ein gezieltes Bildungspaket. Vor allem im Grundschulbereich sei die Bildungsungleichheit verstärkt worden und große Lücken entstanden. "Die bisher bereits "benachteiligten" Kinder und Jugendlichen drohen andernfalls komplett abgehängt zu werden", so Dietl.

"Sicherlich wird diese Zeit nicht für alle Kinder gleichermaßen langfristig negative Auswirkungen haben", sagt Kinder- und Jugendforscherin Langmeyer. Es komme sehr auf die Familie an, wie gut diese mit der Corona-Situation zurechtkomme. Sie sieht die Gefahr negativer Langzeitfolgen verstärkt für Kinder aus ärmeren Familien.

Durch Schulschließungen kommt es zu großen Lernrückständen

Kai Maaz, geschäftsführender Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation, verweist auf internationale Studien, die nach Schulschließungen besonders große Lernrückstände bei ohnehin schon leistungsschwachen Schülern und bei Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien gezeigt hätten. Er vermutet, dass auf der anderen Seite manche Schüler sogar von der Eins-zu-eins-Betreuung zu Hause profitieren und rechnet damit, dass die Krise die Leistungsunterschiede in den Klassen verstärkt. Dorothee Schiwy schlägt vor, die schulischen Leistungen während des Lockdowns weniger oder gar nicht zu werten. Dann könnte man heuer nicht sitzenbleiben.