Pfarrer Rainer Maria Schießler will, dass sich die Kirche verändert. Er fordert mehr Mut und Offenheit – beim Zölibat, bei schwulen Paaren und beim Umgang mit dem Islam

München - Do ist da Pfarrer“, sagt er, „wos gibt’s?“ Rainer Maria Schießler hat einen Stress beieinander, da einen Termin, dort muss er hin. Am Telefon will er schnell wissen, was los ist. Zeit nimmt er sich dann trotzdem, denn die braucht er auch, wenn er mit seiner Leidenschaft antwortet, erklärt, diskutiert. Schießler ist ein Pfarrer, der da ist. Hochwürden zieht sich zurück? Nicht mit ihm.

Klartext-Predigten, Messen für Tiere, Kunstaktionen – Schießler ist für sein Wirken bereits stadtbekannt. Jetzt legt der Pfarrer von Sankt Maximilian und Heilig Geist ein Buch vor, in dem er offen schreibt, was ihn an der Kirche stört und was er sich von ihr wünscht.

Ein AZ-Gespräch mit einem Priester, der außergewöhnliche Ideen hat.

AZ: Herr Schießler, ein Vorbild ist für Sie der Reichenbachkiosk. Was kann die Kirche vom Getränkehäusl lernen?

RAINER SCHIESSLER: Ich kenn’ den Chef, den Harry, gut. Und abends stehe ich gerne mal am Kiosk und rede mit den Leuten. Einmal steh ich mit Harry da und sag: „Glaubst as, i könnt di fotzn: Bei dir steht um vier in der Früh eine meterlange Schlange, das hab ich vielleicht einmal im Jahr an Weihnachten.“ Drauf sagt er: „Musst halt immer da sein.“

Und das haben Sie auf Ihre Kirche übertragen?

Genau, da ist’s mir gekommen: Was hab’ ich Zeit vertan, zum Beispiel mit Anrufbeantworter abhören. Und was müssen die Menschen verzweifelt sein, wenn nachts ein Angehöriger stirbt und in der Kirche ist niemand erreichbar. Darum bin ich seit zehn Jahren immer da, 24 Stunden erreichbar. Und die Leute spüren dadurch, dass Sankt Max kein totes Haus ist.

Sie probieren viel aus. Aber ist es nicht bezeichnend, dass Sie dadurch in der Kirche auffallen?

Ja, hinter mit ist teilweise gähnende Leere. Es fehlt am Personal, aber auch am Mut zur Veränderung. Ich verstehe meine Kirche nicht, die so furchtbar Angst hat vor dem Neuen. Eine in der Ecke sitzende, zitternde Kirche, das ist nicht meine Kirche.

Sie wollen Laien zum Amt zulassen, eine zweite Ehe nach einer Trennung erlauben und segnen in Ihren Gottesdiensten die Ringe schwuler Paare. Erzkatholiken sagen da: Geht’s noch?

Wenn ein Paar zu mir kommt, das sich verpartnert, mit diesen Ringen als religiöses Zeichen – warum sollte ich das nicht segnen? Warum sollte ich mich in das Leben der anderen einmischen? Warum soll ich in das Schlafzimmer der Menschen reinschauen? Das ist bei den Wiederverheiratet-Geschiedenen genauso. Ich bin nicht der Richter. Das sind Menschen, die durch eine Trennung gehen mussten, die brauchen keine Anweisung zur Buße, sondern jemanden, der auf sie eingeht.

Ihre Offenheit geht sogar so weit, dass Sie vorgeschlagen haben, eine Kirche in Sendling Muslimen zu überlassen.

Weil auf dem Platz gegenüber der Korbinianskirche vor einigen Jahren keine Moschee entstehen konnte, hab ich damals gesagt: „Gebt den Moslems doch die Kirche.“ Wir beten denselben Gott an, wir haben ein Problem mit den großen Kirchen, die viel zu oft leer stehen – warum ist das so abwegig, dass aus der Kirche eine Moschee wird? Das wäre ein Signal für diese Stadt. Viele sagen dazu, dass ich jetzt spinne, da hab’ ich schon viele Briefe bekommen. Aber unser Verhältnis zu den Weltreligionen sollte offener sein.

Das ist aber trotzdem ein Vorschlag, der vielen ungeheuerlich erscheinen wird.

Ich weiß, dass das praktisch nicht möglich ist, dass wir sehr weit davon weg sind. Und ich sage nicht: Verkauft jetzt eure Kirchen! Aber was soll aus Kirche werden, die wir nicht mehr vollkriegen? Ein Eishockeystadion oder Bibliotheken? Da ist es doch besser, wenn da drin Menschen beten. Kein Gedanke darf uns fremd sein.

Das fordern Sie auch beim Thema Zölibat. Hier werden Sie im Buch sehr persönlich. Wie stark belastet es Sie?

Beim Zölibat habe ich Glück, weil ich seit 30 Jahren so lebe und immer Menschen hatte, die mich in dieser Lebensweise gestärkt haben.

Sie schreiben aber schon, dass Ihnen Ihr Dienstzimmer manchmal zum „Kerker der Einsamkeit“ wird.

Ja, da bin ich den ganzen Tag unterwegs und stehe dann abends um elf in meiner Bude. Eine riesige Dienstwohnung, die gar keinen persönlichen Flair besitzen kann, ich zahle ja noch nicht mal Miete. Und dann steh ich da – und wem soll ich jetzt meinen Tag erzählen? Der Hauswand? Da kommt keine Frau, keine Kinder, das schmerzt natürlich, ist eine wahnsinnige Last. Und du fragst dich: Was hat der liebe Gott davon, dass ich allein bin? Bist schon einen wahnsinnig blöden Weg gegangen, denkst du dir manchmal – und jeder Priester, der sagt, das stimme nicht, der lügt. Ich habe mich für diese Lebensweise entschieden und kann damit umgehen, aber ich bin trotzdem der Meinung, man muss den Zölibat aus der Klammer von Gesetz und Pflicht herausnehmen und zur Freiwilligkeit machen. Priestertum muss verschiedene Lebensformen kennen, dann hätten wir viel mehr Interesse dafür. Wir müssen uns von allem lösen, was nach Pflicht und Gesetz riecht, wir müssen alles als eine Riesen-Einladung sehen.

Zur Wiesn, wenn Sie als Bedienung im Schottenhamel-Zelt arbeiten, haben Sie Familie – wie schaut die aus?

Allein bei mir im Haus wohnen dann 25 Bedienungen. Wie wir in der Früh gemeinsam raus radeln, wie wir abends wieder heimgehen, wie wir alles teilen, das Schuften, jeden Frust, jede Freude – die zwei Wochen Wiesn, da tauche ich ein in eine Welt, die mich stützt und trägt. Da wächst so viel zusammen. Die Wiesn ist ein Geschenk Gottes für mich gewesen.

Es gibt keine größere Sünde als das ungelebte Leben, schreiben Sie. Was ist das nächste Erlebnis, auf das Sie sich schon sakrisch freuen?

Eigentlich d’Wiesn. Schon auch das Buch und die Veranstaltung dazu. Und jetzt beginnt die Saison: Diese Woche hat sich mein junger Mesner ein Motorradl gekauft, jetzt sind wir eine Truppe von vier Leut’, jeder a gscheite Maschin’, und da müssen wir heuer ein paar gescheite Touren machen. Und dann siebzehn Tage Wiesn.


Infotext: Die Kirche in Sendling und die Diskussion um die Moschee:

In etwas eigenwilligem Neobarock steht sie an der Valleystraße in Sendling: die Kirche Sankt Korbinian. Die Gläubigen teilen sich auch hier den Pfarrer mit einer anderen Gemeinde: Zusammen mit Sankt Margaret bildet Sankt Korbinian den Pfarrverband Sendling. Gegenüber der Korbinianskirche, am Gotzinger Platz, war ab 2004 der Bau einer Moschee geplant. Baubeginn sollte im Jahr 2008 sein. Doch 2010 wurde das Projekt abgebrochen: Die Moschee sollte rund 15 Millionen Euro kosten, doch der Münchner Moscheeverein hatte nur wenige Hunderttausend Euro zusammenbekommen. Der Vorschlag, dass Muslime in die Kirche einziehen könnten, wurde damals nicht öffentlich. Aktuell gibt es wieder einen Plan für einen Neubau: An der Dachauer Straße soll ein Islamzentrum entstehen. Auch hier suchen die Bauherren aber noch nach Geld. Die Option auf das Grundstück besteht bis Jahresende.

Rainer Maria Schießlers Buch „Himmel, Herrgott, Sakrament“ ist im Kösel Verlag erschienen und kostet 19,99 Euro.