Valery Gergiev wird ab 2015 Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Er ist der falsche Mann am falschen Ort

Es dürfte jetzt ganz schnell gehen: Am Donnerstag bestätigte Kulturreferent Hans-Georg Küppers der AZ, dass er dem Stadtratsplenum vorschlagen wird, ab 2015 den Dirigenten Valery Gergiev für die Münchner Philharmoniker zu verpflichten. Schon am Mittwoch wird wohl abgestimmt, und in der letzten Januarwoche dirigiert der Russe dann bereits als designierter Chefdirigent des Orchester der Stadt ein Konzert mit Anton Bruckners Siebter.

Damit hat sich – wieder einmal – die konservative Fraktion unter den Musikern durchgesetzt. Sie haben aus den verlorenen Jahren unter James Levine nichts gelernt und die mit dem Interims-Chef Lorin Maazel gewonnene Zeit vergeudet. Der Amerikaner hielt sich die Philharmoniker als Zweitorchester neben der New Yorker Met. Gergiev ist in ähnlicher Weise Chefdirigent und Intendant des Petersburger Mariinski Theaters. Neben dem Altbau wird im Mai 2013 ein neues Opernhaus eröffnet. Das Theater spielt dann Ballett und Oper mit drei Orchestern, von denen sich eines vorwiegend Wagner und Strauss widmen soll. Dass Gergiev sich auf diesem Höhepunkt der Macht zurückzieht, ist so unwahrscheinlich wie ein Rücktritt seines Schirmherrn Wladimir Putin.

Ob Gergiev auch seine Chefposition beim London Symphony Orchestra beibehält, ist unklar. Unsere Anfrage blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Ob nun Zweit- oder Dritt-Orchester: Die Münchner Philharmoniker dürfen dem Russen ein wenig Nachhilfe in deutscher Romantik erteilen. Er wird immer mal einschweben, mit den Musikern nach Baden-Baden reisen und dort vielleicht auch Opern dirigieren. Aber das Münchner Kerngeschäft wird ihn nur soweit interessieren, als es seinen persönlichen Interessen dient.

Gergiev hat nicht mehr als einen glänzenden Namen zu bieten, dessen Gold blättert, weil er zu viel macht. Eine klangliche Verfeinerung ist von ihm ebensowenig zu erwarten wie eine Erweiterung des Repertoires in Richtung Alte oder Neue Musik. Weder die Jugendarbeit noch die stärkere soziale Verwurzelung in der Stadt kann er zur Chefsache machen, weil ihm die kommunikativen Fähigkeiten und Sprachkenntnisse abgehen.

Jüngere Philharmoniker engagieren sich stark in solchen Bereichen. Unter Gergiev werden diese Talente brach liegen. Man wurstelt sich weiter durch, wie es jetzt unter Lorin Maazel eingerissen ist. Denn als Proben- und Genauigkeitsfanatiker ist der Russe nicht bekannt. Und so dürfte das Orchester der Stadt spieltechnisch immer mehr hinter das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zurückfallen.

Die alten Hoffnungen der Philharmoniker auf mehr Platten kann Gergiev kaum einlösen, weil seine Einspielungen heute auf den Eigenlabels des London Symphony Orchestra und des Mariinski Theaters erscheinen. Eine solche Selbstvermarktung haben die Philharmoniker bis heute nicht in Angriff genommen.

Es ist schon seltsam: Bei den Kammerspielen und den Festivals für Tanz und Neue Musik ist das Allermodernste gerade gut genug. Nur bei den Philharmonikern bleibt wieder einmal der dringend nötige Aufbruch aus. Es ist gewiss der bornierte Wille des Orchesters, aber auch ein Versagen der Politik. Aber wie unwichtig die Stadtspitze klassische Musik findet, lässt sich ja an der leidigen Gasteig-Frage sehen.