Münchner Philharmoniker Es wird weitergewurstelt
Robert Braunmüller, 18.01.2013 16:36 Uhr
Der russische Dirigent Valery Gergiev soll Chefdirigent der Münchner Philharmoniker werden. Er wird 2015 Lorin Maazel nachfolgen.Foto: dpa
Valery Gergiev wird ab 2015 Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Er ist der falsche Mann am falschen Ort
Es dürfte jetzt ganz schnell gehen: Am Donnerstag bestätigte Kulturreferent Hans-Georg Küppers der AZ, dass er dem Stadtratsplenum vorschlagen wird, ab 2015 den Dirigenten Valery Gergiev für die Münchner Philharmoniker zu verpflichten. Schon am Mittwoch wird wohl abgestimmt, und in der letzten Januarwoche dirigiert der Russe dann bereits als designierter Chefdirigent des Orchester der Stadt ein Konzert mit Anton Bruckners Siebter.
Damit hat sich – wieder einmal – die konservative Fraktion unter den Musikern durchgesetzt. Sie haben aus den verlorenen Jahren unter James Levine nichts gelernt und die mit dem Interims-Chef Lorin Maazel gewonnene Zeit vergeudet. Der Amerikaner hielt sich die Philharmoniker als Zweitorchester neben der New Yorker Met. Gergiev ist in ähnlicher Weise Chefdirigent und Intendant des Petersburger Mariinski Theaters. Neben dem Altbau wird im Mai 2013 ein neues Opernhaus eröffnet. Das Theater spielt dann Ballett und Oper mit drei Orchestern, von denen sich eines vorwiegend Wagner und Strauss widmen soll. Dass Gergiev sich auf diesem Höhepunkt der Macht zurückzieht, ist so unwahrscheinlich wie ein Rücktritt seines Schirmherrn Wladimir Putin.
Ob Gergiev auch seine Chefposition beim London Symphony Orchestra beibehält, ist unklar. Unsere Anfrage blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Ob nun Zweit- oder Dritt-Orchester: Die Münchner Philharmoniker dürfen dem Russen ein wenig Nachhilfe in deutscher Romantik erteilen. Er wird immer mal einschweben, mit den Musikern nach Baden-Baden reisen und dort vielleicht auch Opern dirigieren. Aber das Münchner Kerngeschäft wird ihn nur soweit interessieren, als es seinen persönlichen Interessen dient.
Gergiev hat nicht mehr als einen glänzenden Namen zu bieten, dessen Gold blättert, weil er zu viel macht. Eine klangliche Verfeinerung ist von ihm ebensowenig zu erwarten wie eine Erweiterung des Repertoires in Richtung Alte oder Neue Musik. Weder die Jugendarbeit noch die stärkere soziale Verwurzelung in der Stadt kann er zur Chefsache machen, weil ihm die kommunikativen Fähigkeiten und Sprachkenntnisse abgehen.
Jüngere Philharmoniker engagieren sich stark in solchen Bereichen. Unter Gergiev werden diese Talente brach liegen. Man wurstelt sich weiter durch, wie es jetzt unter Lorin Maazel eingerissen ist. Denn als Proben- und Genauigkeitsfanatiker ist der Russe nicht bekannt. Und so dürfte das Orchester der Stadt spieltechnisch immer mehr hinter das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zurückfallen.
Die alten Hoffnungen der Philharmoniker auf mehr Platten kann Gergiev kaum einlösen, weil seine Einspielungen heute auf den Eigenlabels des London Symphony Orchestra und des Mariinski Theaters erscheinen. Eine solche Selbstvermarktung haben die Philharmoniker bis heute nicht in Angriff genommen.
Es ist schon seltsam: Bei den Kammerspielen und den Festivals für Tanz und Neue Musik ist das Allermodernste gerade gut genug. Nur bei den Philharmonikern bleibt wieder einmal der dringend nötige Aufbruch aus. Es ist gewiss der bornierte Wille des Orchesters, aber auch ein Versagen der Politik. Aber wie unwichtig die Stadtspitze klassische Musik findet, lässt sich ja an der leidigen Gasteig-Frage sehen.





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'...dürfen dem Russen ein wenig Nachhilfe in deutscher Romantik erteilen...' '... als Proben- und Genauigkeitsfanatiker ist der Russe nicht bekannt...' Der Kritiker rutscht mehrfach kaum am bloßen Vermitteln von Ressentiments vorbei. Man kann nur hoffen, dass eine weitere 'stärkere soziale Verwurzelung' einer sich an solchen Formulierungen verratenden Denkungsart in München nicht zu beklagen sein wird. Bei einer demokratischen Entscheidungsfindung des Orchesters von einem 'bornierten Willen des Orchesters' zu sprechen, scheint mir mehr über den Kritiker zu verraten als über das Orchester. Gergiev hat bereits hörbar Großartiges geleistet, ich persönlich freue mich auf seine Arbeit in München.
Schade
Stimme Herrn Braunmüller völlig zu - es ist enorm schade, daß sich das Orchester nicht zu einer mutigen Entscheidung für einen Dirigenten der jüngeren Generation durchringen konnte, es hätte vielleicht auch dazu beigetragen, daß sich jüngere Konzertbesucher vermehrt im Gasteig einfinden. Leider haben weder die ansonsten von mir geschätzen Entscheider Ude und Küppers die geringste Ahnung von klassischer Musik, das konnte man ja schon beim Thielemann-Fiasko verbittert registrieren. Und einigen sich selbst überschätzenden Philharmonikern dürfte es wohl entgegenkommen, einen Chef zu haben, der wenig vor Ort ist , das macht es einfacher, das eigene Süppchen zu kochen...
Tja ..
Tja .. wie recht Herr Braumüller mit seiner Beurteilung der Münchner Stadtspitze doch hat. .. Fanmeilen auf der Leopoldstraße, open Air Veranstaltungen ohne jeden künstlerischen Anspruch und ab und zu ein Multikulti-Fastfoodstand mit 'veganen Berber-Burgern' .. zu mehr reicht es bei SPD und Grünen nun mal nicht. Und kaum einer regt sich auf. Das frustriert am Meisten.