Münchner Philharmoniker Der neue Dirigent für die Philis: Valery Gergiev
Robert Braunmüller, 18.01.2013 07:29 Uhr
Valery Gergiev wird Dirigent der Münchner Philharmoniker.Foto: dpa
Valery Gergiev wird der neue Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Der Russe folgt 2015 auf Lorin Maazel.
München - Beim Kernrepertoire des Orchesters ist Valery Gergiev ein unbeschriebenes Blatt . Sein Schostakowitsch-Zyklus mit den Münchner Philharmonikern und dem Orchester des St. Petersburger Mariinski-Theaters war das Konzertereignis der vergangenen Saison. Nun wird Valery Gergiev der nächste Chefdirigent des Orchesters der Stadt.
Kulturreferent Hans-Georg Küppers bestätigte gegenüber der AZ die Entscheidung. Er wird die Personalie dem Stadtrat vorschlagen, dem das letzte Wort zukommt, nachdem sich eine Orchesterversammlung vor kurzem offenbar für den Russen entschieden hat.
Geboren wurde Gergiev 1953 in Moskau. Seine Familie stammt aus der Kaukasusrepublik Nord-Ossetien. Dort wuchs er auf und erhielt erste Klavierstunden in Wladikawkas, damals Ordschonikidse. Als begabter Jugendlicher absolvierte er bei Ilja Musin ein Dirigenten-Studium am Rimski-Korsakow-Konservatorium in Leningrad. Noch vor seinem Abschluss gewann er 1976 den Karajan-Dirigentenwettbewerb in Berlin.
Gergiev leitet seit 1988 die Petersburger Oper. Er hat das Haus sicher durch die politischen Umbrüche gesteuert, seinen alten Glanz vermehrt und durch Gastspiele im Ausland finanziell abgesichert. Der Dirigent hat zahlreiche junge Sänger entdeckt und gefördert – Anna Netrebko ist die bekannteste von ihnen. Der Russe ist ein typischer Opernmann: ein charismatischer Schlamper mit rätselhafter Zeichengebung. Er lässt sich bei Proben öfter durch Assistenten vertreten und fliegt manchmal erst im letzten Moment ein.
Unter seiner Leitung konnte man schauderhafte Aufführungen erleben – wie etwa Verdis „Requiem“ im Januar 2010 mit den Philharmonikern. Aber er hat auch 1998 einen sensationellen „Parsifal“ mit mit Plácido Domingo 1998 bei den Salzburger Festspielen dirigiert und ist bei russischer Musik konkurrenzlos. Ob er auch bei Beethoven und Brahms etwas zu sagen hat, ist weniger sicher, weil der internationale Markt solche Musik kaum von ihm verlangt hat. Aber schon am 31. Januar wird er im Gasteig eine Aufführung der Siebten des philharmonischen Hausgotts Anton Bruckner leiten. Dass sich das Orchester für Gergiev entschieden hat, überrascht wenig.
Ein Teil der Philharmoniker liebt mit dem breiten Pinsel skizzierte Aufführungen und satte Farben, wie sie auch dieser Dirigent bevorzugt. Zu Gergievs Gunsten sei auch gesagt, dass er in den letzten Jahren seine brachiale Klangvorstellung beim Mariinski Orchester verfeinert hat, das als einziger russischer Klangkörper heute international konkurrenzfähig ist. Wie sich der städtische Kulturreferent hat überzeugen lassen, wird noch zu erfahren sein.
Küppers hat wiederholt davon gesprochen, dass ihm ein jüngerer Künstler lieber wäre, der mit dem Orchester wachsen könnte. Tatsächlich hat seit dem Abschied Christian Thielemanns eine achtunggebietende Zahl jüngerer Dirigenten bei den Philharmonikern gastiert, von denen mindestens Lionel Bringuier, Teodor Currentzis oder Alan Gilbert für die Münchner Chefposition in Frage gekommen wären.
Wenn Gergiev 2015 die Nachfolge des Interims-Chefs Lorin Maazel antritt, wird er 62 Jahre alt sein. Er spricht nur russisch und ein russisch gefärbtes Englisch. Ob er der Dirigent ist, der die Philharmoniker krisen- und zukunftsfest machen kann, muss sich weisen. Auf die Petersburger Position wird Gergiev kaum verzichten. Wie es um seinen Vertrag beim London Symphony Orchestra steht, das er seit 2007 ebenfalls leitet, ist unbekannt. Aber ein wenig schaut es schon so aus, als wiederhole das Orchester einen Fehler, den es vor über zehn Jahren bei der Entscheidung für James Levine beging.





Pultkracher
Jetzt erst mal abwarten! Daß es nach Celibidache schwer sein würde, einen Nachfolger zu finden, war klar. Daß man mit Maazel erst mal auf Nummer sicher ging, auch OK. Jetzt warten wir ab. Spätestens nach Gergievs sensationellen Strauss-Zyklus beginnend mit 'Aus Italien' werden alle in München schreien, sie hätten es schon immer gewußt. Das RSO Stuttgart hat nach Roger Norrington mit Stephane Denève einen passenden Nachfolger schnell gefunden, mit dem Ergebnis, daß das Orchester 2016 zwangsfusioniert wird - mit ungewissem Ausgang. Was soll man da sagen?
Drei russische Chefdirigenten
Neben Petrenko und Jansons braucht München weiß Gott nicht noch einen dritten russischen Chefdirigenten. Die Münchner Philharmoniker hätten wirklich wieder einen besseren Dirigenten verdient als so einen internationalen 'CD-Star' um jeden Preis. Gergievs Vita und seine bisherigen Engagements sind nun mal keine qualitativen Kriterien. Schade, dass man nicht den Mut hatte, jemand weniger glamourösen aus der jungen Dirigentengeneration zu küren, wie z.B. Orozco-Estrada, Liebreich, Gaffigan, Afkham - oder aber auch einen wesentlichen präziseren Star wie Salonen, Metzmacher oder Paavo Järvi.
Kaum zu glauben
Wirklich sehr schade! Man hat - und auch in dieser Hinsicht ist der Vergleich zu Levine zutreffend - sich doch noch gar nicht genügend Zeit gelassen, andere Dirigenten kennen zu lernen. Das entscheidende Bruckner-Dirigat steht erst noch bevor. Ein Jammer; ich werde wohl mein Abo, das ich dann seit 30 Jahren haben werde, aufgeben. Traurig! Wir haben doch in München schon mit Jansons genügend Mainstream. Fast ein Grund, wegzuziehen!