Valery Gergiev wird der neue Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Der Russe folgt 2015 auf Lorin Maazel.

München - Beim Kernrepertoire des Orchesters ist  Valery Gergiev ein unbeschriebenes Blatt . Sein Schostakowitsch-Zyklus mit den Münchner Philharmonikern und dem Orchester des St. Petersburger Mariinski-Theaters war das Konzertereignis der vergangenen Saison. Nun wird Valery Gergiev der nächste Chefdirigent des Orchesters der Stadt.

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Kulturreferent Hans-Georg Küppers bestätigte gegenüber der AZ die Entscheidung. Er wird die Personalie dem Stadtrat vorschlagen, dem das letzte Wort zukommt, nachdem sich eine Orchesterversammlung vor kurzem offenbar für den Russen entschieden hat.

Geboren wurde Gergiev 1953 in Moskau. Seine Familie stammt aus der Kaukasusrepublik Nord-Ossetien. Dort wuchs er auf und erhielt erste Klavierstunden in Wladikawkas, damals Ordschonikidse. Als begabter Jugendlicher absolvierte er bei Ilja Musin ein Dirigenten-Studium am Rimski-Korsakow-Konservatorium in Leningrad. Noch vor seinem Abschluss gewann er 1976 den Karajan-Dirigentenwettbewerb in Berlin.

Gergiev leitet seit 1988 die Petersburger Oper. Er hat das Haus sicher durch die politischen Umbrüche gesteuert, seinen alten Glanz vermehrt und durch Gastspiele im Ausland finanziell abgesichert. Der Dirigent hat zahlreiche junge Sänger entdeckt und gefördert – Anna Netrebko ist die bekannteste von ihnen. Der Russe ist ein typischer Opernmann: ein charismatischer Schlamper mit rätselhafter Zeichengebung. Er lässt sich bei Proben öfter durch Assistenten vertreten und fliegt manchmal erst im letzten Moment ein.

Unter seiner Leitung konnte man schauderhafte Aufführungen erleben – wie etwa Verdis „Requiem“ im Januar 2010 mit den Philharmonikern. Aber er hat auch 1998 einen sensationellen „Parsifal“ mit mit Plácido Domingo 1998 bei den Salzburger Festspielen dirigiert und ist bei russischer Musik konkurrenzlos. Ob er auch bei Beethoven und Brahms etwas zu sagen hat, ist weniger sicher, weil der internationale Markt solche Musik kaum von ihm verlangt hat. Aber schon am 31. Januar wird er im Gasteig eine Aufführung der Siebten des philharmonischen Hausgotts Anton Bruckner leiten. Dass sich das Orchester für Gergiev entschieden hat, überrascht wenig.

Ein Teil der Philharmoniker liebt mit dem breiten Pinsel skizzierte Aufführungen und satte Farben, wie sie auch dieser Dirigent bevorzugt. Zu Gergievs Gunsten sei auch gesagt, dass er in den letzten Jahren seine brachiale Klangvorstellung beim Mariinski Orchester verfeinert hat, das als einziger russischer Klangkörper heute international konkurrenzfähig ist. Wie sich der städtische Kulturreferent hat überzeugen lassen, wird noch zu erfahren sein.

Küppers hat wiederholt davon gesprochen, dass ihm ein jüngerer Künstler lieber wäre, der mit dem Orchester wachsen könnte. Tatsächlich hat seit dem Abschied Christian Thielemanns eine achtunggebietende Zahl jüngerer Dirigenten bei den Philharmonikern gastiert, von denen mindestens Lionel Bringuier, Teodor Currentzis oder Alan Gilbert für die Münchner Chefposition in Frage gekommen wären.

Wenn Gergiev 2015 die Nachfolge des Interims-Chefs Lorin Maazel antritt, wird er 62 Jahre alt sein. Er spricht nur russisch und ein russisch gefärbtes Englisch. Ob er der Dirigent ist, der die Philharmoniker krisen- und zukunftsfest machen kann, muss sich weisen. Auf die Petersburger Position wird Gergiev kaum verzichten. Wie es um seinen Vertrag beim London Symphony Orchestra steht, das er seit 2007 ebenfalls leitet, ist unbekannt. Aber ein wenig schaut es schon so aus, als wiederhole das Orchester einen Fehler, den es vor über zehn Jahren bei der Entscheidung für James Levine beging.

 

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