Münchner Biennale für Neues Musiktheater "Underline" zum Schluss - und eine Bilanz

Die Performance "Underline" in der Muffathalle Foto: Franz Kimmel

Das Beste zum Schluss: Die Biennale für Neues Musiktheater endet mit „Unterline“ in der Muffathalle

Erst wird Zucker zu immer längeren Fäden gezogen, befestigt und zu Kugeln geformt. Vom Gewebe geht es über zum Festen und zur Geometrie. Performer tragen Maßstäbe vorbei und formen Dreiecke und Parallelogramme. Später wird eine Pyramide aus Bällen und Hütchen gebaut.

Erst wenn man denkt, es könne nicht mehr so weiter gehen, bringt die Münchner Biennale für Neues Musiktheater dann doch noch eine sehenswerte Produktion. „Underline“ von Deville Cohen (Inszenierung) und Hugo Morales Murgula (Musik) verzichtet auf angestrengtes Bedeutungsgeschwurbel. Es ist ein sich selbst genügendes Spiel mit Körpern, Formen und Objekten, das durch Ähnlichkeiten, Entsprechungen und Gegensätze zusammengehalten wird und bis zum Ende lässig steigert.

Die künstlerischen Mittel werden eine Stunde lang ökonomisch verwaltet. Anfangs wirken die minimalistisch klickenden und ploppenden Klänge vorproduziert. Doch sie kommen von den Schlagzeugern. Später rhythmisiert ein Darsteller die Geräusche allein durch die Drehung seines Kopf und seiner Arme, an denen Lautsprecher befestigt sind. Gegen Ende schneidet jemand Bälle und Hütchen auseinander und klebt sie auf ein menschliches Karussell.

Es lässt vieles in diesen Abend hineininterpretieren:etwa das Entstehen und Zusammenbrechen einer gesellschaftlichen Ordnung, gefolgt von Mechanisierung und Entfremdung. Man muss nicht wissen, dass diesem kinetischen Objekt-Musiktheater der Roman „Flatland“ von Edwin Abbott Abbott zugrundeliegt – eine Mischung aus mathematischem Essay und Satire auf die viktorianische Gesellschaft. Aber durch die vergleichsweise strenge innere Beziehung der Formen wirkte die Aufführung nie beliebig.

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Mit „Underline“ kam die insgesamt enttäuschende erste Biennale von Daniel Ott und Manos Tsangaris endlich zu einem halbwegs glücklichen Ende. Es war die Art von Klangkunst, die dieses Duo wohl insgesamt mehr interessiert als das unter dem Gründer Hans Werner Henze und seinem Nachfolger Peter Ruzicka dominante Musiktheater mit literarischer Vorlage, Partitur und Regieteam.

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Diese Akzentverschiebung könnte eine Bereicherung sein. Aber mit Ausnahme von „The Navidson Records“ blieben alle Performance-Ansätze blass. Es reicht nicht aus, das Publikum in einen Bus zu setzen oder ein zweitklassiges Ensemblestück in einem Keller zu spielen. Es wäre auch wünschenswert, wenn es weniger akademisch zuginge und ernsthaft versucht würde, auch ganz normale Besucher anzusprechen.

Man wird den Eindruck nicht los, dass im Rahmenprogramm der Münchner Opernfestspiele seit Jahren aufregenderes Neues Musiktheater geboten wird als bei der Biennale. Wenn sich das städtische Vorzeige-Festival weiter in Richtung Doku-Theater und Performance weiterentwickelt, stellt sich die Frage, ob die säuberliche, dem guten alten Dreispartentheater verpflichtete Scheidung der drei städtischen Festivals Biennale, Dance und Spielart wirklich noch zum gegenwärtigen Theaterbegriff passt.

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Das ist eine heikle Frage. Und man muss hoffen, dass sich Ott, Tsangaris, ihre Mitstreiter und das Kulturreferat nach diesem desolaten Neuanfang nun nicht in einer Wagenburg der Rechthaberei verschanzen, sondern ergebnisoffen über die Zukunft nachdenken. Bei dieser Biennale gab es zu viel Halbgares. Ein zweiter Freischuss ist nicht drin. Dafür ist dieses Festival zu wichtig. 

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