Weil immer weniger Gäste Deutsch verstehen, gelten in Münchner Bädern jetzt neue Regeln. Manche richten sich direkt an Ausländer – in deren Sprache. Was dahinter steckt.

München - Regel Nummer elf ist kurz und knackig: „Für Nichtschwimmer ist Wasser gefährlich.“ Über dem Text ist ein Ertrinkender zu sehen. Er hat schwarze Haare. Und eine dunkle Hautfarbe. Auf Englisch ruft er: „Help!“

Solche Szenen gibt es in Münchner Bädern immer öfter. „Wir haben eine Häufung an Wasserrettungen mit Migranten“, sagt Stadtwerke-Bäderchefin Christine Kugler. Viele wüssten nicht, wie gefährlich Wasser sei: „Sie gehen rein, springen ins Becken und gehen unter.“

München ist die deutsche Großstadt mit dem höchsten Ausländer-Anteil. Das macht sich jetzt auch in den Bädern bemerkbar – vor allem im Michaelibad in Neuperlach, erklärt Christine Kugler.

Die Stadtwerke freuen sich über die neuen Kunden – die Bäder sind seit Jahren defizitär. Das Problem sei nur: „Viele Migranten verstehen unsere Sprache nicht richtig“, sagt Kugler. Und damit verstünden sie auch keine Warnschilder, Verbote oder Anweisungen. Deswegen haben die Stadtwerke (SWM) jetzt neue Baderegeln aufgestellt – teilweise speziell für Ausländer.

Inzwischen tauchten die neuen Regeln in den Hallenbädern auf – als Plakat. Bald soll es sie auch als Faltblatt auf Deutsch, Englisch, Französisch, Dari (wird in Iran gesprochen), Paschto (Afghanistan), Somalisch und Arabisch geben.

Das Plakat ist auf Deutsch: „Baderegeln!“ steht oben auf dem Poster im typischen SWM-Türkis. Dann folgen 13 Zeichnungen samt Erklärung. Die ersten sieben Regeln kennt jedes Kind: Vor dem Baden duschen, Nichtschwimmer nur bis zum Bauch ins Becken, Rücksicht nehmen, niemanden ins Wasser stoßen oder tauchen und nur ins Wasser springen, wenn es frei ist. Und tief genug.

Dann kommt Regel acht: „Keine Alltagskleidung im Schwimmbad“, lautet sie. Regel Nummer neun zeigt drei Frauen. Die erste trägt Bikini, die zweite Badeanzug, die dritte lange Ärmel und Kopftuch. Darunter ist der Text zu lesen: „Egal, welche Badekleidung eine Frau trägt, sie ist zu achten und zu respektieren“.

Wenn Kugler über die neuen Regeln spricht, ist sie sehr vorsichtig. Die Regel mit der Badebekleidung etwa sei „ein wahnsinnig heikles Thema, uns war bewusst, dass wir Anstoß erregen könnten“. Die Aussage sei hier: „Eine Frau ist als Frau zu akzeptieren, egal was sie trägt“, sagt Kugler. Das würde von manchen Gästen nicht respektiert. Unter dieser Weltsicht litten auch die Schwimmmeisterinnen. Deshalb gibt’s jetzt Regel Nummer zehn: „Den Anweisungen des Personals ist Folge zu leisten, egal ob Mann oder Frau.“

Viel Zündstoff bietet wohl auch Regel Nummer zwölf: „Keine verbale und körperliche sexuelle Belästigung gegenüber Frauen in jeglicher Bekleidung.“ In der Zeichnung ist eine Hand zu sehen, die in Richtung Frauen-Hinterteil greift. Es ist die Hand eines Weißen – und das ist kein Zufall. „Dunkelhäutige begehen ja nicht mehr Verstöße“, sagt Christine Kugler. Das wollte man mit einem „ausgewogenen Verhältnis“ zwischen Ausländern und Deutschen in den Zeichnungen klar darstellen.

Dafür holten sich die SWM Hilfe von der städtischen Gleichstellungsstelle, der Anti-Diskriminierungsstelle und der Stelle für Interkulturelle Zusammenarbeit. Die wandten das Gleichheits-Prinzip auch gleich bei Regel Nummer drei an: In einer ersten Skizze schubste erst ein Dunkelhäutiger eine Blondine ins Wasser – insgesamt einer zu viel. Er wurde in der Zeichnung später durch einen Weißen ersetzt.

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