Alle wollen nach Europa - Millionen von Menschen sind auf der Flucht. Was bewegt diese Menschen?

München Weltweit sind 15,4 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg oder Vertreibung. Das zeigt der aktuelle Bericht der UN-Flüchtlingskommission (UNHCR). Die meisten von ihnen kommen aus Afghanistan, Somalia und dem Irak. In Deutschland lebten Ende 2012 fast 600 000 Flüchtlinge, von denen der Großteil über das Asylverfahren aufgenommen wurde. Nach Pakistan und dem Iran ist Deutschland damit weltweit das Land, in dem die meisten Flüchtlingen unterkamen.

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Von Januar bis September diesen Jahres haben mehr als 74 000 weitere Flüchtlinge in Deutschland Asyl beantragt. Das entspricht einer Erhöhung von fast 85 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Aufgrund des Bürgerkriegs in Syrien wird die Zahl voraussichtlich noch weiter steigen. Allein in München kommen täglich bis zu 100 Asylbewerber an, bayernweit werden bis zum Jahresende 18 000 untergebracht werden müssen. Dringend werden noch Unterkünfte gesucht. Es gibt jedoch auch Menschen auf der Flucht, die nicht in diese Statistiken einfließen, aber auch unter großer Not leiden.

Was sind Flüchtlinge?

Wenige Kilometer vor der Küste von Lampedusa ertrinken sie. Vor den Augen der Welt werden ihre toten Körper aus dem Meer geborgen. Sie alle hatten ihre Heimat hinter sich gelassen, aber sie kamen aus unterschiedlichen Lebenssituationen und hatten verschiedene Beweggründe. Für uns Europäer sind sie alle gleich – wir nennen sie „Flüchtlinge“. In der Öffentlichkeit und in der Politik werden sie als eine Art Bedrohung, eine Invasion inszeniert. Eigentlich sollten wir Flüchtlingen Schutz gewähren, aber im Moment scheint es eher, als wolle Europa sich vor den Flüchtlingen schützen. Aber was treibt sie eigentlich an, diese Flüchtlinge?

Verfolgung

Die Genfer Flüchtlingskonvention erkennt vor allem die als Flüchtlinge an, die wegen Rasse, Religion, Nationalität, der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung von Verfolgung bedroht sind. Diese „offiziellen Flüchtlinge“ werden in den Statistiken aufgeführt. Kennzeichnend für den Begriff des Flüchtlings ist die unfreiwillige Wanderung.

Armut

Es gibt noch viele andere Menschen, die ihre Heimat unfreiwillig verlassen. Sie lassen ihr Haus, ihre Familie und vertraute Umgebung hinter sich, weil sie verzweifelt sind. Verzweifelt aufgrund der Armut und dem Leid, das in ihrer Heimat herrscht. Hannes Stegemann, Westafrikareferent bei Caritas International, hat selbst 30 Jahre in Afrika gelebt und kennt die Probleme der Menschen. „Sie suchen vergeblich nach Arbeit. Die Verzweiflung ist groß, sonst würden sie nicht die lebensgefährliche Flucht in Kauf nehmen.“

Krieg

Die tatsächlichen Kriegsflüchtlinge fliehen eher selten über große Distanzen, sondern meistens in die Nachbarländer. Nur ein Bruchteil von ihnen kommt nach Europa. 81 Prozent der weltweiten Flüchtlinge bleiben der Studie der UN-Flüchtlingskommission zufolge in den Entwicklungsländern. 28,8 Millionen Menschen waren im Jahr 2012 „Binnenflüchtlinge“, das heißt sie waren innerhalb ihres Heimatlandes auf der Flucht.

Hoffnungslosigkeit

Die Bevölkerung in Afrika ist besonders jung: 41 Prozent sind jünger als 15 Jahre. Gerade den jungen Menschen bieten ihre Heimatländer kaum Ausbildungsmöglichkeiten, keine Arbeitsplätze und insgesamt wenig ökonomische Perspektiven. Sie machen sich auf den lebensgefährlichen Weg, um den „gelobten Kontinent Europa“ zu erreichen, in der Hoffnung auf Arbeit, ein besseres Leben.

Das Bedrohungsszenario

Das „Bedrohungsszenario“, das in Europa geschaffen wird, hält Stegemann für kontraproduktiv. „Die Menschen haben ja eine Heimat und in die wollen sie auch gerne wieder zurückkehren“, sagt er. Die Migration sei ein Ventil. Wenn Europa dieses aber zunehmend verschließe, würde sich die wirtschaftliche Situation in Afrika wesentlich verschlechtern.

Die Rückkehr der Migranten bedeutet viel für die Armutsbekämpfung und Entwicklung in den Herkunftsländern. Sie bringen nicht nur Geld mit zurück in die Heimat, sondern auch Erfahrungen, Qualifikationen und Kontakte. Und wer in der Fremde bleibt, unterstützt häufig Daheimgebliebene finanziell.

Wanderung ist ein gesellschaftliches Phänomen und gehört zu der Natur des Menschen. Es hat immer wieder Völkerwanderungen gegeben, viele Europäer sind zum Beispiel nach Amerika ausgewandert. Wanderungsbewegungen kann man nicht steuern und man sollte sie nicht unterbinden. Denn sie fördern Entwicklung. Flüchtlinge und Migranten werden uns als „illegale Einwanderer“ präsentiert, die die Festung Europa stürmen. Tatsächlich brauchen Erstere Schutz und Hilfe. Letzteren sollte die Wanderung ermöglicht werden. Nur so können sich ihre Herkunftsländer weiterentwickeln.

 

Interview: Was der Experte sagt

AZ: Warum fliehen so viele Menschen?

RUPERT NEUDECK (Er ist einer der bekanntesten humanitären Helfer Deutschlands): Die Politik muss da etwas auseinander halten. Einmal gibt es die Kriegsflüchtlinge, zum Beispiel Syrien. Das viel größere Problem sind aber die Armutsflüchtlinge. Sie kommen aus den afrikanischen Staaten, die den Anschluss an die Globalisierung der Weltwirtschaft nicht geschafft haben.

Ist die EU daran Schuld?

Wir dürfen nicht immer fragen: Was haben wir verschuldet? Sondern es gibt in Afrika souveräne Regierungen in souveränen Staaten, die sich um ihre junge Generation kümmern müssen und dafür sorgen müssen, dass die Wirtschaft läuft und dass Berufs- und Schulausbildung stattfindet.

Was ist sinnvoller: an der EU-Flüchtlingspolitik zu arbeiten oder den Herkunftsländern zu helfen?

Das ist für mich keine Alternative, das muss beides zusammen passieren. Wichtig ist, das Europa die Flüchtlingspolitik als gemeinsame Aufgabe versteht. Deshalb muss es eine europäische Quote geben, damit alle sich an der Last beteiligen.

Wie stellen Sie sich diese vor?

Es gibt 28 Länder in der EU. Die Flüchtlinge müssen auf die Länder aufgeteilt werden, je nach Größe und Einwohnerzahl.

Was kritisieren Sie an dem Umgang der EU mit den Flüchtlingen?

Wenn vor unseren Augen Menschen ersaufen, dann dürfen italienische Fischer nicht kriminalisiert werden, wenn sie den Menschen helfen. Damit verrät sich Europa. Wenn Europa eine Solidargemeinschaft ist, dann muss sie den Anrainerstaaten am Mittelmeer jetzt helfen.

 

 

 

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