Die Explosion der Bombe lässt Wände wackeln. Es raucht, es lodert, es brennt. Die Schwabinger AZ-Reporterin Annette Zoch hat das Drama aus nächster Nähe verfolgt

München - Am Ende warten alle auf den Knall. Und als er dann kommt, trifft er Schwabing mit einer Wucht, die wohl keiner erwartet hat.

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Keinen der mehr als 3000 Menschen, die in Schwabing bis in die Nacht ausharren – entweder in einer der Notunterkünfte, bei Freunden und Verwandten auf dem Sofa oder eingesperrt in der eigenen Wohnung, weil die in der erweiterten Sperrzone lag, einen Kilometer ring um die Feilitzschstraße: Schwabing im Ausnahmezustand – wegen der 250-Kilo-Bombe.

Als der Kriegs-Koloss dann explodiert um 21.54 Uhr, bebt Schwabing. Und meine Wohnung in der Leopoldstraße. Ich bin im Schlafzimmer, das geht nach hinten raus. Seit 17 Uhr schon sind wir alle in der Sperrzone auf Geheiß von Polizei und Feuerwehr in unseren Wohnungen. „Bleiben Sie weg von den Fenstern“, haben die Uniformierten gesagt.
Fast fünf Stunden warten die Anwohner, dann tut es einen Wahnsinns-Schlag. Als würde ein Bulldozer gegen das Haus fahren.

Der Liveticker von Dienstag zum Nachlesen

Der Boden bebt, es klirrt in den Schränken. Die Druckwelle stemmt sich durch dicke Wände und ist in der Bauchgegend spürbar. Obwohl alle lang gefasst waren auf die Detonation, löst ihre Heftigkeit Überraschung aus. Und, ja, auch: Angst. Wer hat geahnt, dass es so stark sein würde?

Vom Wohnzimmerfenster in der Leopoldstraße sind gelb-orangene, riesige Schwaden zu sehen über der Feilitzschstraße, es lodert. Dann steigt schnell dichter, dunkler Rauch auf.
Der U-Bahnhof, seit dem Nachmittag gesperrt, scheint unbeschädigt geblieben zu sein. Nieselregen setzt ein. Es riecht immer noch verbrannt. Dachstühle sind in Brand geraten. Das Szenario ist gespenstisch.

Bombe in Schwabing: Die Bilder des Tages

So hat es am Nachmittag auch schon begonnen: Auf der Leopoldstraße verscheuchen Polizisten Passanten und Radfahrer, je später es wird, desto vehementer. „Hey, stehenbleiben! Umdrehen! Wir meinen das Ernst, das ist hochgefährlich hier“, rufen die Polizisten. Dann kommen die Lautsprecher-Fahrzeuge. „Achtung, Achtung“, scheppert es blechern durch die Straßen. „Suchen Sie die nächstgelegenen geschlossenen Räume auf."

Genug zu Essen im Haus? Dringende Besorgungen? Ist jetzt egal – die Polizei lässt niemanden mehr raus. Auch Menschen, die sich am Fenster zeigen, werden verscheucht. THW-Fahrzeuge rasen heran, Löschzüge. Die Straßen werden leer. Münchner, die auf dem Weg von der Arbeit nach Hause sind, drücken sich in Kneipen herum oder bleiben in der Innenstadt.

In den Notunterkünften, die schon seit Montagabend bereit gestellt worden sind, ist die Stimmung noch angespannter. Zum Beispiel in der Katholischen Akademie an der Mandlstraße. Seit Stunden müssen die Menschen hier schon ausharren. Viele haben dort übernachten müssen: Alle Menschen, die im Umkreis von 800 Metern an der Bombe wohnen (siehe Grafik oben rechts auf dieser Seite).

„Dass der Einsatz so lange wird, hätten wir nicht gedacht“, sagt Einsatzleiterin Tatjana Kuss. Die Betroffenen tragen es weitgehend mit Fassung (siehe Seite 9)
Zehn Minuten hatten die Anwohner am Abend zuvor Zeit, ein paar Sachen zu packen. Eine Zahnbürste, Unterwäsche, Deo, was zum Lesen. Andere wurden völlig überrascht: „Wir waren spazieren, und als wir heimkamen, war unser Haus abgesperrt", erzählt Schwabingerin Ruth.
Die Mittvierzigerin und ihr Mann Georg wohnen direkt an der Münchner Freiheit. Die Unterkunft hier finden sie bedrohlich nahe an der Bombenstelle. Ab Dienstag, 17 Uhr, dürfen keine Evakuierten mehr ins Freie.

Auch in der zweiten Sammelstelle im Willi-Graf-Gymnasium ist die Stimmung gereizt. An Bierbänken im Schulflur sitzen mürrisch dreinschauende Münchner. Viele haben gerötete Augen. „Der Einsatz ist eben doch größer als gedacht", sagt Gabriel Bücherl vom Bayerischen Roten Kreuz. Gestern Abend suchte die Feuerwehr schon mal vorsorglich nach neuen notunterkünften - für Schwabinger, die wegen der erweiterten Sperrzone nicht heimgekommen sind.

Am Dienstagmittag hatte Schwabing schon gespenstisch ausgesehen, wie ein Krisengebiet. Es waren immer noch mehr Einsatzfahrzeuge hinzugekommen. Kieslaster, ein Traktor mit Heuballen. Mehrere große Fahrzeuge vom Technischen Hilfswerk. Ein Laster ist mit Sandsäcken beladen. Helikopter kreisen über der Stadt, aus hunderten Polizeifunkgeräten knarrt es.
„Es ist tatsächlich so, dass jederzeit die Bombe hochgehen kann“, sagt der Feuerwehrsprecher Alexander Purkl bereits am Nachmittag. „Das ist natürlich eine hohe Gefahr.“ Polizisten gehen von Tür zu Tür, klingeln Leute raus. "Gehen Sie in die Sammelstelle, da sind sie sicher", heißt es. Ein Shuttle-Bus der MVG steht an der Kreuzung zur Ungererstraße. „Und wo fahren die hin?“, fragt eine Rentnerin mit Krücken unsicher. "Die fahren zum Willi-Graf-Gymnasium, gehen sie nur rein, da werden sie versorgt!", sagt eine Polizistin.

Erst Minuten nach der Explosion löst sich die Spannung allmählich. Noch immer dürfen die Schwabinger nicht auf die Straßen. Und etliche, die in den Notunterkünften ausgeharrt haben seit so vielen Stunden, müssen dort weiter bleiben – zumindest für diese Nacht: Die Schwabinger, die unmittelbar an der Explosionsstelle leben, dürfen nicht zurück in ihre Wohnungen. Die Häuser müssen erst bei Tageslicht auf ihre Sicherheit überprüft werden.

Dann erst wird sichtbar sein, was die Bombe mit Schwabing angestellt hat. Die Folgen dürften heftig sein. Die Erinnerungen an sie sind es jetzt schon.

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