Sky-Serie "The Undoing": Großartiger Groschenroman

Mord, Intrigen, Stars: In der packenden Sky-Serie "The Undoing" glänzen Nicole Kidman und Hugh Grant als New Yorker Jetset-Ehepaar.
von  Florian Koch
Abgründe hinter der Fassade: Nicole Kidman als Grace und Hugh Grant als Jonathan.
Abgründe hinter der Fassade: Nicole Kidman als Grace und Hugh Grant als Jonathan. © Niko Tavernise / Sky

Immer erreichbar. Immer im Austausch. Bis das digitale Lebenszeichen am Abend plötzlich ausbleibt. Kein "Bin gut angekommen" auf dem Display erscheint. Für viele digital dauervernetzte Paare eine Horrorvorstellung.

Nicole Kidman und Hugh Grant: Eine Ehe mit Abgründen

Als Grace (Nicole Kidman) das Smartphone ihres Mannes Jonathan (Hugh Grant) dann auch noch versteckt im Schlafzimmer-Nachttisch findet, mit dem Hinweis auf Dutzende verpasste Anrufe, fängt sie sofort an zu zittern, wird verkrampft ein Hotel nach dem anderen in Cleveland angerufen, wo doch ihr Jonathan - ihre smarte, zuverlässige Stütze im hektischen Alltag - auf einer Ärztetagung einen Vortrag halten soll. Doch alle Jonathans, zu denen sie durchgestellt wird, reagieren mit Verwunderung. Niemand ist ihr Mann.

Als die Panik Grace zu verschlingen droht, wird der gemeinsame Sohn Henry (Noah Jupe) aktiv, tröstet instinktiv die besorgte Mutter. Die als geschulte Paarpsychologin bereits längst zu ahnen glaubt, dass jetzt alles anders wird in ihrem so behüteten, scheinbar perfekten Upper-Class-Leben an der Upper East Side in Manhattan.

"The Undoing": Mord in der High-Society

Vor dem Knalleffekt am Ende der ersten Episode der sechsteiligen US-Krimiserie "The Undoing", der auch viel über unsere Abhängigkeit vom technisch überwachten, dauerkontrollierten Alltag aussagt, hatte es bereits ein weiteres Ereignis mit Sprengstoffcharakter gegeben: einen Mord an einer jungen Mutter: Elena (Matilda De Angelis). Ihr älterer Sohn geht an die gleiche elitäre Privatschule wie Grace's Sohn Henry. Doch mehr noch verbindet Grace mit dieser aparten Latina einige bizarre Treffen zuvor, die die dänische Meisterregisseurin Susanne Bier glossierend zugespitzt in Szene setzt.

Als sich Grace und andere High-Society-Damen bei einer Wohltätigkeitsauktion für die Privatschule ihrer Kinder im feudalen Ambiente treffen, gesellt sich auch Elena dazu. Nur: Sie stammt aus einem völlig anderen Milieu, aus Harlem. Mit Entsetzen, aber stillschweigend wird ihr ach so vulgäres Verhalten zur Kenntnis genommen. Elena wagt es doch, ihr Kind am Tisch zu stillen, um damit aber vor allem, geht es nach den neidischen Lästerschwestern, zu zeigen, was für schöne Brüste sie noch hätte.

Groschenroman-Atmosphäre in Skys neuer Miniserie

Die Miniserie "The Undoing" basiert auf Jean Hanff Korelitz' Buch "You Should Have Known" und macht sich nicht nur in diesen Momenten genüsslich lustig über die arrogante Abgehobenheit der oberen Zehntausend. (Nur scheinbar) perfekte Ehe, (fast) perfekter Mord, ein verdächtiger Ehemann und ein Lügengeflecht: Als Zuschauer muss man sich auf diese Groschenroman-Szenerie einlassen, um am "Wer war es?"-Krimirätsel Spass zu haben.

Susanne Bier, die in Dänemark noch wesentlich komplexere Beziehungsdramen entfalten durfte, merkt man an, dass sie vor allem bei der Arbeit mit ihrem Starensemble (Donald Sutherland spielt den Vater von Grace, einen eiskalten Tycoon) Gefallen fand. Kidman, die "The Undoing" auch mitproduzierte und den Titelsong singt, dominiert nahezu jede Einstellung. Ihre stets in edlen, fast zu aufdringlichen Roben gekleidete Figur droht zwischen Wahrheit und Lüge nicht mehr unterscheiden zu können.

Krimi-Sechsteiler mit Rätselspaß und gealtertem Hugh Grant

Dieses unmittelbare Verrutschen der Lebenswirklichkeit, diese Unmöglichkeit noch normal funktionieren zu können, wenn die Umgebung und die sozialen Medien aufs "Wir haben einen Schuldigen"-Gaspedal treten, fangen Bier und ihr Kameramann Anthony Dod Mantle (Oscar für "Slumdog Millionär") in starken Bildern zwischen extremer, aufdringlicher Nähe und kühler Distanz ein, während rührende Erinnerungen mit einem Weichzeichner verfremdet werden.

Eine Schau ist auch Kidmans Gegenüber: ein sichtlich ergrauter und im Gesicht zerknitterter Hugh Grant, der immer noch sein spitzbübisch charmantes Lächeln besitzt, dass er nun auch einsetzt, um gefallen zu wollen. Nur wer kann diesem Jonathan noch trauen? Immerhin, sein Sohn fällt ihm, als er dann doch auftaucht und längst ein Hauptverdächtiger im Mordfall ist, wieder in die Arme. Und dieser Henry, das macht dieser in erster Linie auf Krimispannung setzende Reißer immer klar, ist dann auch der Hauptleidtragende im Ehe-Überlebens-Kampf der Eltern. Was den konstruierten Sechsteiler aus der Schmiede des Serienerfinders David E. Kelley ("Ally McBeal", "Big Little Lies") wieder realistischer erdet. 


"The Undoing" erscheint auf Sky Atlantic. Die letzten beiden Episoden werden ab 15. Dezember, 20.15 Uhr, freigeschaltet.