Gisela Schneeberger im Interview: "Schweigen macht krank!"

Am Mittwoch zeigt die ARD den Film „Bergfried“. Gisela Schneeberger spielt eine Frau, die in einem Dorf isoliert ist, weil sie weiß, was einige der Männer im Zweiten Weltkrieg verbrochen haben. Ein AZ-Interview.
von  Interview: Adrian Prechtel
Durch ihre charmante Ausstrahlung eine der beliebtesten Schauspielerinnen: Gisela Schneeberger, hier beim Bayerischen Fernsehpreis.
Durch ihre charmante Ausstrahlung eine der beliebtesten Schauspielerinnen: Gisela Schneeberger, hier beim Bayerischen Fernsehpreis. © dpa

München - Gisela Schneeberger wurde 1948 bei Eichstätt geboren. Die Schauspielerin und Kabarettistin wurde mit der TV-Serie „Fast wia im richtigen Leben“ an der Seite von Gerhard Polt berühmt und ist seither eine der großen Film- und TV-Schauspielerin („Franzi“). Zum Interview mit der Abendzeitung im Bayerischen Hof fährt Gisela Schneeberger mit dem Fahrrad vor: „Geht am schnellsten“ sagt sie, „gerade, wenn man dazu neigt, immer etwas knapp zu kommen“.

Leicht erhitzt geht es also los: über München, politisches Engagement, aber erstmal über den Film „Bergfried“, ein Vergangenheits-Drama um ein österreichisches Dorf der 80er Jahre, das schweigt, obwohl noch gilt: „Die Mörder sind unter uns“. Bis ein junger Italiener auftaucht, der zu Frieda (Gisela Schneeberger) vertrauen fasst.

AZ: Frau Schneeberger, in „Bergfried“ spielen Sie eine ungewöhnliche Frau: die Ex-Lebensgefährtin eines Kommunisten in einem Dorf, als alle Faschisten waren und manche Alte in den 80er-Jahren noch sind. Ihr Lebensgefährte wurde auf ein Himmelfahrtskommando geschickt, aber Sie lieben ihn Jahrzehnte nach seinem Tod noch immer.

GISELA SCHNEEBERGER: Ich mag die Rolle der Frieda. Im Dorf ist sie Außenseiterin. Sie ist misstrauisch, hat etwas Herbes, aber doch ein gutes Herz.

Und der kommunistische Aspekt?

Ich bin ja in den 68ern groß geworden. Ich war ständig auf Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg der Amerikaner oder gegen die Nachrüstung. Fidel Castro haben wir unreflektiert ziemlich toll gefunden, wie auch Mao. Auch wenn ich im Rückblick heute manches anders sehe, bereue ich diese kritische linke Grundhaltung überhaupt nicht. Nur durch extreme Forderungen entstehen auch Veränderungen. Das gilt übrigens auch für den Feminismus.

Sie scheinen eine so sympathische Figur zu sein, dass man Sie nie richtig böse besetzt.

Da täuschen Sie sich. Schon in den 90er Jahren habe ich in einer Ingrid-Noll-Verfilmung eine verkorkste Mörderin gespielt. Zuletzt eine wirklich böse Schwiegermutter. Aber es stimmt schon: Im deutschen Fernsehen sind die Bösewichter meistens doch die Männer. Und das sind oft immer dieselben Schauspieler. Da fällt mir ein: Nächstes Jahr spiele ich eine Maisfeldmörderin, die ganz harmlos dreinschaut.

Als die Provinz-Telefonsex-Komödie „Eine ganz heiße Nummer“ so erfolgreich war, wollte man eine Fortsetzung. Sie haben abgelehnt, weil Ihnen das Buch nicht gut genug war.

Ja, aber wir sind schon wieder im Gespräch. Nur, wenn man eine Fortsetzung macht, muss die sogar noch besser sein als das erste Werk, sonst sind Fortsetzungen peinlich.

Oliver Berben plant eine Serie über München der 70er. Helmut Dietls „unvollendete Erinnerungen“ sind gerade veröffentlicht und er bekommt eine Ausstellung. Nostalgie scheint in der Luft zu liegen.

Das gilt nicht nur für München und kommt vielleicht daher, weil sich alles so schnell ändert, dass wir gar nicht mehr hinterherkommen. Da sehnen wir uns dann nach der „guten alten Zeit“ zurück.

Sie wohnen in der Maxvorstadt seit den 70ern. Hier spürt man den Veränderungsdruck doch besonders krass.

Ja, damals waren da Geschäfte aller Art, heute gibt es nur noch Bars und Cafés. Vielleicht ist der Druck auf München besonders groß, weil es hier wirtschaftlich so gut läuft. Und es stimmt: Da, wo noch die „Münchner Geschichten“ spielen, überhaupt innerhalb des Mittleren Rings, gibt es kaum noch Münchner, weil alles unbezahlbar wird.

„Bergfried“ ist ein Film, der für Dorf- und Landnostalgie keinen Raum lässt, weil – noch in den 80ern galt: Die Nazis und Mörder sind unter uns!

Das war ja auch einer der Motoren für unsere Rebellion in den 60ern und 70ern. Wir haben gemerkt, dass unsere Lehrer und Politiker zum Teil noch alte Nazis waren. Und die Journalistin Beate Klarsfeld hat ja sehr ausdauernd nachgewiesen, wie unbehelligt Leute wie Klaus Barbie weiterlebten.

Der Film von Jo Baier zeigt, dass auch die Kindergeneration noch mit der Vergangenheit der Eltern zu kämpfen hat.

Ja, man sagt ja auch, dass auch wenn die Eltern schweigen, die Kinder das psychisch mitbekommen und leiden. Ein Tabu sitzt immer mit am Familientisch. Meine Mutter hat schon früh mit uns über das Ganze gesprochen, weil auch sie naiv und unpolitisch Hitler verehrt hatte. Sie war dann ganz entsetzt über sich, als das Ausmaß der Verbrechen immer bekannter wurde, so dass sie dann sehr politisch wurde.

Sie spielen ja eine Frau, die verschlossen ist und mit der Dorfgemeinschaft wenig verkehrt.

Ich kenne solche Frauen von früher auf dem Land. Einer ist zum Beispiel mit 23 Jahren ein Fuhrwerk übers Bein gefahren. Sie hatte seitdem ein Holzbein, hat keinen Mann gefunden, war zurückhaltend und ohne Selbstbewusstsein. Ich habe sie dann ein bisschen betreut, auch im Altenheim. Und ihre große Sehnsucht war, einmal die Berge sehen. Das habe ich ihr zusammen mit meinem Nachbarn dann zu ihrem 90. Geburtstag erfüllt. Sie selbst hätte sich sowas nie gegönnt!

Solche Verhältnisse gibt es auf dem Land ja so nicht mehr.

Durch das Internet, die größere Mobilität und den wachsenden Wohlstand hat sich das komplett verändert. Ich hab das auch bei den Dreharbeiten in Niederbayern zur „Ganz heißen Nummer“ gemerkt: Die sind heute völlig am Puls der Zeit.


„Bergfried“, Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD