Interview

Christoph Süß, was ist eigentlich queres Denken?

Christoph Süß wundert sich über vermeintlich kritische Menschen, denen Fakten egal sind und die an der Seite von Neonazis demonstrieren. Der "quer"-Moderator sieht trotzdem nicht schwarz, denn das sei eine Minderheit
von  Thomas Becker
Der 52-jährige TV-Moderator, Kabarettist, Schauspieler und Musiker Christoph Süß aus München hat Philosophie studiert und kam über Werbespots zum Fernsehen.
Der 52-jährige TV-Moderator, Kabarettist, Schauspieler und Musiker Christoph Süß aus München hat Philosophie studiert und kam über Werbespots zum Fernsehen. © Stephanie Probst/BR

So lang schon? Tatsächlich, seit 1998 moderiert er das Polit- und Satiremagazin "quer" beim Bayerischen Rundfunk. Und fad wird es nie. Christoph Süß hat diverse Ministerpräsidenten "begleitet". Ansonsten ist Süß, der auch mehrere Bücher verfasst hat, eine Art Allzweckwaffe des BR, unter anderem moderiert er die Verleihung des Bayerischen Fernsehpreises.

AZ: Herr Süß, da macht man kurz Sommerpause, und plötzlich treibt ein Rudel Spinner Unfug mit dem von Ihnen mit wunderbaren Inhalten gefüllten Begriff "quer". Was ging Ihnen bei den Querdenker-Demos durch den Kopf?
CHRISTOPH SÜSS: Erstmal zum Querdenker: Wir haben da keine Rechte angemeldet. Der Begriff gehört uns nicht. Ich denke, dass die Querdenker eher Querempfinder sind und mit dieser Empfindung auf die Straße gehen. Und das scheint ihnen offenbar wichtiger zu sein als Fakten und rationale Überlegungen. Das liegt ja leider im weltweiten Trend, ist nicht erfreulich, aber es scheint vielen Leuten so zu gehen.

Nach der Sommerpause haben Sie sich mit den Worten "The real Querdenker sind wieder da" zurückgemeldet und moniert, dass der Begriff quer aufgrund illegitimer Inanspruchnahme zuletzt etwas gelitten habe. In der nächsten Sendung gingen Sie darauf gar nicht mehr, obwohl die Querdenker-Demo praktisch vor der Haustür des BR stattgefunden hatte. Um den Damen und Herren keine Plattformen mehr zu bieten?

Einmal genügt auch. Das Problem ist: Die emotionalisieren auch diejenigen, die nicht Querdenker sind, mit zum Teil obskuren Ansichten und ohne klare Abgrenzung von Faschisten und Neo-Faschisten. Aber es ist trotzdem eine extreme Minderheit in unserer Gesellschaft. Wir sollten nicht immer nur auf die gucken, die aus der Reihe tanzen, auch auf eine unangenehme Art und Weise. Impulse sind immer gut. Es ist ja sehr schön, wenn Leute sagen: "Ich hab' da eine andere Meinung." Aber man muss denen nicht über Gebühr Aufmerksamkeit schenken.

War das zuletzt in der Berichterstattung der Fall?
Ich habe das Gefühl, dass man da in die Falle getappt ist. Weil es eben so pittoresk ist und man gesagt hat: "Boah, schau mal, wie krass!" Da die Esoteriker, da drüben die Neonazis: Das ist alles irgendwie so skurril. Und was die Abteilung QAnon von sich gibt, ist ja über alle Maßen skurril, und zum Teil auch sehr ärgerlich, wie ich finde. Dann gibt man denen viel Raum, weil es natürlich auch was Besonderes ist. Dadurch stellt man aber eine Überproportion her, als wäre ein ganz großer Teil der Menschen verwirrt und würde irgendwelchen Verschwörungstheorien anhängen.

Süß: "Im Ausland blickt man auf Deutschland als einen Leuchtturm der Rationalität"

Das stimmt ja nicht.
Nein, das ist einfach falsch. Es gibt Untersuchungen dazu, die sagen eher das Gegenteil: Wir sind eine rationale Gesellschaft, die zum größten Teil aus disziplinierten und vernünftigen Mitgliedern besteht, die Demokratien gut finden - eine schöne Sache, aber halt langweilig. Das ist ja keine Schlagzeile: "Wow, Deutsche sind immer noch Demokraten!"

Wissen Sie, ob diese Anti-Corona-Demos auch im Ausland Wellen geschlagen haben? Schüttelt man da den Kopf über die crazy germans?
Wie das aktuell ist, weiß ich nicht. Wenn man aber ein bisschen liest bei Naomi Klein oder anderen Leuten mit internationalem Denken, schauen die eher auf Deutschland als einen Leuchtturm der Rationalität. Wer aus Amerika oder Brasilien auf Deutschland und Europa blickt, erkennt: "Die versuchen einen green deal! Hammer! Ob das dann klappt, sei dahingestellt. Aber die versuchen das jetzt mal! Bei denen gibt es rationale Politiker und rationale Bürger, die rationale Forderungen haben." Dann schauen die sich ihre eigenen Leute an und denken: "Oh, fuck!" Es gibt keinen Grund in große Zufriedenheit auszubrechen. Aber der Vorteil ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der kritisches Denken nicht nur möglich ist, sondern sogar noch etwas bewirken kann. Weil es hier noch eine bürgerliche Schicht gibt, die tatsächlich über Einfluss und Macht verfügt und die Politik dazu nötigen kann, Dinge zu tun.

Zum Beispiel?
In Bayern hat eine große Bewegung von Leuten dafür gesorgt, dass der Kampf gegen das Artensterben Regierungsprogramm wird. Da kann man fragen, ob das so läuft, wie es soll, aber im Prinzip hat es funktioniert. Das ist toll. Eine rationale Bevölkerung mit einem rationalen Anliegen, und eine Regierung, die dann sagt: "Ja, finden wir auch gut. Schauen wir mal, was geht." Dafür beneiden uns vermutlich viele Menschen, die in Trumps Amerika leben.

Süß: "Online-Kollegen halten Beleidigungen und Drohungen von mir fern"

Aber wenn man sieht, wie diese rechten Gesellen durch die Demos fast salonfähig werden: Das tut schon weh. Muss man das aushalten?
Das tut zweifellos weh, das muss man auch nicht aushalten. Da ist es auch Aufgabe der Journalisten - was hinreichend geschehen ist - da drauf zu zeigen und zu sagen: "Das geht nicht. Das ist eine Nazi-Demo." Auch die Organisatoren sind verfassungsfeindlich eingestellt. Der Pressesprecher verbreitet Reichsbürgerparolen. Wer dann trotzdem immer noch für sich entscheidet, dass das ganz egal ist, der darf danach auch nicht beleidigt sein und muss die Kritik aushalten.

Bekommen Sie nach einem Beitrag wie dem über die Querdenker-Demo besonders viel Feedback?
Natürlich ist sowas eine Einladung, uns zu kritisieren. Und das ist auch gut so, wir wollen ja mit den Leuten im Gespräch bleiben. Jedenfalls solange sie an echtem Austausch interessiert sind. Etwas anderes sind Beleidigungen und Drohungen. Da halten die Online-Kollegen viel von mir fern. Nur wenn außergewöhnlich intensive Scheußlichkeiten passieren, dringt das auch zu mir. Bislang drang nichts zu mir, also gab es wohl nur das übliche "Ihr solltet alle verhaftet werden!"

Wie kam es vor 22 Jahren zum Sendungstitel? "Quer" war ja für BR-Verhältnisse doch eher ungewöhnlich.
Das war von Anfang an das Grundprogramm, auch als die Sendung noch gar nicht so genau wusste, was sie ist. Die Idee von Wolfgang Mezger, der das Ganze maßgeblich erfunden hat, war: Wir wollen uns zu den Hauptströmungen der Politik und der Gesellschaft querstellen. Nicht im Sinne einer Blockade, sondern fragend: "Ist das so? Ist das richtig? Ist das rational? Ist das kohärent?" Wir wollten den Mainstream hinterfragen. So sehen sich die Querdenker tatsächlich ja auch. Aber ich glaube, dass sie das auf eine nicht-rationale Weise machen.


"quer" läuft jeden Donnerstag um 20.15 Uhr im Bayerischen Fernsehen