Serie

Willi Holdorf bei Olympia 1964: Der taumelnde König von Tokio

Reporter-Legende Hartmut Scherzer war bereits bei Olympia 1964 in Tokio dabei. In der AZ erinnert er sich an die größten Momente dieser Spiele. Heute: der legendäre Sieg von Zehnkämpfer Willi Holdorf.
von  Hartmut Scherzer
Als erster, aber völlig entkräftet torkelt Willi Holdorf über die Ziellinie.
Als erster, aber völlig entkräftet torkelt Willi Holdorf über die Ziellinie. © imago images/Horstmüller

Wie betrunken torkelt Willi Holdorf auf den letzten zehn Metern.  Der "Sterbende", so die dramatische Metapher des französischen Journalisten Edouard Seidler in seiner preisgekrönten Reportage über die Olympischen Spiele 1964 in Tokio, taumelt quer über die Aschenbahn.

Der wie um sein Überleben kämpfende deutsche Athlet erreicht die Ziellinie des 1500-Meter-Laufs hart an der Balustrade. Dann bricht er zusammen.

Holdorf: Der erste deutsche Olympiasieger im Zehnkampf

Willi Holdorf ist nach diesem legendären Drama der erste deutsche Olympiasieger im Zehnkampf, der König der Athleten. Der Este Rein Aun im roten Trikot der Sowjetunion hebt den Rivalen auf, der nichts vom Gold-Gewinn weiß. Noch halb bewusstlos - und noch immer schwankend - klammert sich Holdorf an ihn.

Holdorf bricht nach dem Lauf zusammen und muss sogar gestützt werden.
Holdorf bricht nach dem Lauf zusammen und muss sogar gestützt werden. © imago/Horstmüller

Ich habe die Szene von der Pressetribüne im Medji-Nationalstadion aus beobachtet. Weil es ein "german final" sei, hat der amerikanische Sportchef der Nachrichtenagentur United Press International seinen deutschen Reporter zusätzlich - und zum ersten Mal - zu den Leichtathleten geschickt.

"The balding german" (balding: schütteres Haar) führt nach dem ersten Tag des Zehnkampfs. "He could win" - er könnte gewinnen. Medaillenchancen hat auch Hans-Joachim Walde. Horst Beyer ist der dritte Deutsche. Es ist der frühe Abend des 20. Oktober - kühl und feucht. Am Himmel hängt der gelbe Vollmond. Das Flutlicht ist eingeschaltet. Nur ein paar tausend schweigsame Japaner haben ausgeharrt. Deutsche Olympia-Teilnehmer und die Jungen und Mädchen des deutschen Jugendlagers machen sich lautstark bemerkbar.

Zur Siegerehrung - barfuß nach Zehnkämpfer-Brauch und ohne Trainingsanzug - springt Holdorf aufs Treppchen, rutscht aus und wäre fast auf Willi Daume gestürzt. Der deutsche NOK/DSB-Präsident hängt ihm die Goldmedaille um den Hals, dann Rein Aun das silberne und Hans-Joachim Walde das bronzene Schmuckstück. Horst Beyer, der Sechste, schwärmt: "So schön hat Musik noch nie in meinen Ohren geklungen, wie Beethovens Ode an die Freude."

Willi Holdorf zeigt seine Zehnkampf-Goldmedaille.
Willi Holdorf zeigt seine Zehnkampf-Goldmedaille. © imago images/Horstmüller

Holdorf beendete mit nur 24 Jahren seine Karriere

Die Mannschaft tritt 1964 noch gesamtdeutsch mit der DDR auf, mit neutraler Hymne und Fahne (die Olympischen Ringe auf Schwarz-Rot-Gold). Auf der anschließenden Pressekonferenz - eine eher interne deutsche Plauderrunde - fragt Holdorf plötzlich: "Wo ist Aun?" Der Este fühlte sich offenbar nicht gefragt und war einfach davon geschlichen.

Zusammen mit Harry Valérien war ich - als einer der wenigen Journalisten - bis zum internen deutschen Pressegespräch mit dem Sieger und dem Dritten geblieben. In Tokio beendete Willi Holdorf mit nur 24 Jahren seine Karriere.

Willi Holdorf nach dem Triumph: "Da steht die Welt still"

56 Jahre später: Willi Holdorf, der am 17. Februar 2020 80 Jahre alt geworden ist, sagt am Telefon, als wir uns für eine Reportage für den 29. Juni um 11 Uhr bei ihm zu Hause in Achterwehr bei Kiel verabreden: "Ich habe achtzig Jahre lang Glück und Spaß gehabt. Da kann es mir jetzt auch mal nicht so gut gehen. Komm trotzdem."

Letzten Juni mit 80 Jahren gestorben: Willi Holdorf.
Letzten Juni mit 80 Jahren gestorben: Willi Holdorf. © imago images/Sven Simon

Willi Holdorf legt zum Gespräch im großräumigen, hellen Wohnzimmer der weißen Traumvilla mit Panoramafenster ein Buch auf den Couchtisch, das im Oktober 2014 zum 50. Jahrestag seines historischen Triumphes von Tokio erschien. "Der Titel gefällt mir nicht", bedauert er. "Da steht die Welt still". Ein Zitat, das Holdorf im Interview mit dem Autor so dahingesagt hatte.

Holdorf kann sich auch 50 Jahre später an jedes Detail erinnern

Das Gesicht ist hager und ernst. Kaum ein Lächeln. An den epischen Wettkampf 1964, an jedes Detail, kann er sich erinnern, "als wäre es gestern gewesen". Mit seiner Frau Sabine wollte er zu "Tokyo 2020" fliegen. Wegen Niklas Kaul, weil er dem Weltmeister zutraute, nach 56 Jahren "als zweiter Deutscher" Olympiasieger zu werden. (Anmerkung: Im Trikot der DDR wurde der Rostocker Christian Schenk 1988 in Seoul als zweiter Deutscher Olympiasieger).

Nach einer knappen Stunde frage ich nach seiner Gesundheit. Die Antwort ist ein Schock. "Nicht so gut. Ich habe ein Karzinom am Übergang der Speiseröhre zum Magen. Ich werde künstlich ernährt. Das kannst Du ruhig erwähnen."

Zum Abschied umarme ich Willi Holdorf auf dem Sofa und flüstere ihm ins Ohr: "Kämpfe wie vor 56 Jahren!" Er antwortet ruhig: "Ja. Wenn es geht, will ich nächstes Jahr zu den Olympischen Spielen nach Tokio fliegen."

Sechs Tage nach meinem Besuch ist Willi Holdorf gestorben, am 5. Juli 2020.