Schluss mit Kronprinzessin!

 Julia Irmen boxt am Freitag um den WM-Titel – gegen die Bezwingerin von Christine Theiss. Hier spricht die 29-jährige Kickboxerin über den Kampf und ihr Privatleben.
von  AZ
Von der Kronprinzessin zur Kickbox-Queen? Julia Irmen soll in die Fußstapfen der zurückgetretenen Chrissie Theiss treten.
Von der Kronprinzessin zur Kickbox-Queen? Julia Irmen soll in die Fußstapfen der zurückgetretenen Chrissie Theiss treten. © Rauchensteiner

Julia Irmen boxt am Freitag um den WM-Titel – gegen die Bezwingerin von Christine Theiss. Hier spricht die 29-jährige Kickboxerin über den Kampf und ihr Privatleben.

AZ: Frau Irmen, alles ist bereitet für Ihre Krönungszeremonie als neue Kickbox-Queen, jetzt müssen Sie nur noch Olga Stavrova im WM-Kampf am Freitag besiegen. Jene Stavrova, die der alten Regentin, der inzwischen zurückgetretenen Christine Theiss, die einzige Niederlage der Profikarriere zugefügt hat.

JULIA IRMEN:
Ja, bis jetzt war ich ja so ein bisschen die Kronprinzessin, jetzt ist es Zeit für den nächsten Schritt. Christine hat das Image des Kickboxen total gewandelt, hat diesem Sport erst eine Lobby gegeben. Nahezu alle Sportarten, außer Fußball, sind von Persönlichkeiten abhängig. Das war im Tennis mit Boris Becker und Steffi Graf so, im Skispringen mit Martin Schmitt und Sven Hannawald, im Frauenboxen mit Regina Halmich. Chrissie ist unsere Halmich. Das Frauenboxen hat die Lücke, die Halmich hinterlassen hat, nie richtig schließen können – ich hoffe, dass ich im Kickboxen die Lücke nicht ganz so groß werden lasse.

Wieviele Tipps haben Sie sich denn in den letzten Tagen und Wochen von Theiss geholt?
Viele! Wir gehen oft zusammen mit unseren Hunden spazieren. Es geht dabei um mentale Vorbereitung. Ich habe oft mit Chrissi gesparrt, da will man schon wissen, hey, ist mein Aufwärtshaken härter als der von Stavrova?

Machen wir eine kleine Zeitreise zum ersten Theiss-Kampf gegen Stavrova, bei dem Theiss zu Boden ging und ihren Titel verlor.
Ich saß direkt am Ring. Dieser Niederschlag hat sich in meinem Kopf eingebrannt. Ein Schock, so, als hätte ich diesen Hammer selber abbekommen. Am liebsten hätte ich sie, wie beim Wrestling, abgeklatscht und für sie den Job erledigt. Ich muss zugeben, in keinem ihrer Kämpfe hatte ich mehr Respekt vor ihr als bei dieser Niederlage. Sie hat einen Hammer abbekommen, bei dem auch viele Männer am Boden geblieben wären. Aber sie ist über die Runden gekommen. Wie, weiß nur sie. Ihr Kopf war nach dem Treffer nicht da, aber ihr Herz hat sie getragen. Da stand ein 1,75 Meter großes Herz im Ring.

Sie selber gelten als Emotionsmensch. Sie funktionieren nur, wenn Ihr gesamtes Umfeld in Ordnung ist.
Ich versammle vor Kämpfen alle um mich, Eltern, Schwiegereltern, Ehemann, Sohn. Ich brauche diese familiäre Wand, dieses Schutzschild. Zwei Tage vor einem Kampf kommt immer meine beste Freundin, die auch bei uns übernachtet. Wir schauen dann DVDs.

Ihr Lieblingsfilm?
„Million Dollar Baby“, das Boxerdrama mit Clint Eastwood, ein grandioser, bewegender, mitreißender Film.

Wie erlebt eigentlich Ihre Mutter Ihre Kämpfe?
Am Anfang hat sie schon die Hände vors Gesicht geschlagen und nur zwischen den Fingern durchgeschaut. Aber sie ist abgehärtet, sie hat mit mir schon ganz andere Dinge mitgemacht, die mit Kampfsport nichts zu tun haben.

Ihre Krankenakte ist lang...
Es gibt nicht viele Dinge, von denen ich nicht runtergefallen bin. Nicht viele Knochen, die ich nicht schon gebrochen hatte. Nicht viele Körperteile, die nicht mit irgendwas durchbohrt wurden. Das alles aufzuzählen würde den Platz in Ihrer Zeitung sprengen.

Dann konzentrieren wir uns doch aufs traurige Highlight.
Mein Hechtsprung mit 13. Ich wollte meiner Oma zeigen, dass ich schon einen Köpfer kann, leider bin ich viel zu viel abgesprungen und mit Nase und Kopf voll auf dem Beckenrand des Pools aufgeschlagen. Das sah aus, als würde dort der Film „Der Weiße Hai“ abgedreht werden, aus meinem Kopf schoss eine Blutfontäne. Ich habe mir einen Schädelbasisbruch zugezogen. Gegen das, was meine Mama so mit mir durchmachen musste, ist Kickboxen harmlos.

Interview: Matthias Kerber