Paralympics-Star Teuber: Der Mann ohne Grenzen

Münchner Rad-Star plant bei den Spielen in London einen weiteren Medaillen-Coup. In der AZ erzählt er von seinen bewegten Leben nach dem Unfall 1987, der sein Leben vollkommen veränderte
von  Matthias Kerber
Geschafft: Michael Teuber auf der Spitze des Vulkans „El Teide“ auf Teneriffa.
Geschafft: Michael Teuber auf der Spitze des Vulkans „El Teide“ auf Teneriffa. © az

MÜNCHEN Drei Mal Gold, ein Mal Silber bei Paralympics, 18 WM-Titel, 9 Weltrekorde. Das Sportlerleben des Münchner Radstars Michael Teuber ist eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. Am Donnerstag (1000-Meter-Zeitfahren) und Freitag (3000-m-Verfolgung) und dann am 5. September (Einzel) und 6.9. (Straße) will der 44-Jährige bei den Paralympics in London seiner eindrucksvollen Edelmetallsammlung Zuwachs bescheren.

Doch seine größten Erfolge sind nicht die Vielzahl an Titeln und Rekorden. Sein größter Erfolg ist, dass ihn dieser 1.August 1987 nicht nur nicht gebrochen hat, sondern dass er ihn noch stärker machte. An diesem Tag war er mit einem Freund und dessen damaliger Freundin unterwegs zum Surfurlaub nach Portugal. 3000 Kilometer waren es. Der Freund und der 19-jährige Teuber, der in diesem Monat gerade zum „Jungen des Monats” der Zeitschrift „Mädchen” gewählt worden war, wechselten sich als Fahrer ab.

Den Freund übermannte in Frankreich der Sekundenschlaf, er donnerte ungebremst in ein Betonrohr. Der Bekannte und dessen Freundin Susanne stiegen fast unverletzt aus dem Wrack. Teuber, der Surf-Pionier, war aber eingeklemmt. „Ich spürte meine Beine nicht”, erinnert sich Teuber. Er kam ins Krankenhaus, erst in Frankreich, dann nach Murnau. Da erhielt er die Schockdiagnose. Querschnittsgelähmt – von der Hüfte abwärts. Der Rollstuhl würde für den Rest seines Lebens sein Begleiter sein müssen.

„In Frankreich hatten sie mir noch Hoffnung gemacht. In Murnau nicht mehr. Das war schon wie der Vorschlaghammer, der brutal auf einen einschlägt. Danach gab es diese dunklen, düsternen Momente. Aber ich habe mich doch recht schnell gefangen”, erinnert sich Teuber.

Er fing sich nicht nur, er kämpfte wildentschlossen. In seinem Oberschenkel gab es einen Restreflex. Teuber quälte sich erbarmungslos, das Lebenslos Rollstuhl wollte er so nicht akzeptieren. Stück für Stück konnte er sich von dem Rollstuhl emanzipieren. Nach drei Jahren war es soweit, da war Teuber auf den Rollstuhl nicht mehr angewiesen. „Darauf bin ich auch ungemein stolz, das ist die größte Leistung meines Lebens.”

Es folgten andere Glücksmomente. Susanne, die mit im Unglücksauto gesessen war, und er wurden ein Paar. Aus Liebe. „Ich hab nie Mitleid für ihn empfunden, sondern ihn als Mensch bewundert”, sagt sie. Im Jahr 2000 machte er ihr einen Heiratsantrag. Und wer Teuber („wilde Hunde waren wir schon vor meinem Unfall, wilde Hunde sind wir noch heute”) kennt, der weiß, dass so ein Moment zelebriert gehört. In 2500 Metern Höhe nach der Besteigung des Croz Altissimo vor einer steil abfallenden Felswand stellte er die Frage der Fragen – und bekam vor „unserer Antragswand” (Susanne Teuber) das Ja-Wort. Bald wurde Susanne schwanger. Auch das ist ein Sieg für Teuber. „Es ist kein Geheimnis, dass bei Querschnittsgelähmten Blasen- und Darmtätigkeit, aber auch die Sexualfunktionen oft gestört sind. Das war bei mir nicht anders. In den Jahren, in denen ich mich kaum bewegen konnte, war ich auch sexuell kaum aktiv. Impotenz ist nichts Ungewöhnliches. Deswegen waren wir noch glücklicher als andere Eltern, dass unsere Marieann geboren wurde.”

Der Münchner ist ein Getriebener. Getrieben von einer Mission. Er will Berührungsängste abbauen, Selbstverständlichkeit zwischen Behinderten und Nichtbehinderten schaffen. „Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler, dessen Tochter ja selber blind ist, hat mal von Teilhabe gesprochen. So sehe ich das auch”, sagt Teuber, „ich will, dass Behinderte am Alltag teilnehmen, dass sie ein Teil der Normalität sind. Ich mag schon nicht, wenn man uns als Behinderte bezeichnet, weil dann die Behinderung vollkommen in den Vordergrund rückt. Ich bevorzuge den Ausdruck ’Menschen mit Behinderung’, denn wir sind in erster Linie Menschen.”

Der Rad-Star ist Botschafter der „Laureus Sport for good”-Foundation. Diese will, durch die Kraft des Sports, die Menschen zusammenbringen und denen, die durch äußere Umstände benachteiligt sind, egal, ob sozial, ökonomisch oder etwa durch Behinderung, Chancen im Leben geben. Für Laureus ging Teuber zusammen mit Tennis-Ikone Martina Navratilova die Besteigung des Kilimandscharo an. „Ich habe den Vulkanriesen, der mehr als 5000 Meter über die Serengeti hinausragt, auf einem Flug zum ersten Mal gesehen, seitdem war die Besteigung ein Traum, den ich mir erfüllen wollte”, sagt Teuber, der die Tortur dazu nutzte, Spenden für Laureus zu sammeln. „Sport hat die Kraft die Welt zu verändern, hat Laureus-Schirmherr Nelson Mandela gesagt. Die Welt verändern, das beginnt für mich im Kleinen. Wenn jeder seine Welt ein bisschen ändert, werden sich die Mosaiksteine zusammensetzen”, sagt Teuber. „Der Sport hat eine einzigartige Kraft. Er kann Menschen verbinden, ein Team aus Personen bilden, die so erst einmal nicht viel miteinander zu tun haben. Hier werden alle Barrieren aufgehoben. Es gibt nicht reich oder arm, nicht weiß oder schwarz, nicht die Leute ohne Handicap und die Behinderten. Es gibt nur Menschen.”

Michael Teuber, ein Sieger, ein Grenzgänger, ein Vorbild und ein Botschafter – und vor allem ein Mensch. Ein Mensch, der sich weigert, sich von einer Behinderung behindern zu lassen – ein Mann ohne Grenzen.