Olympia-Start in Tokio: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Neue Sportarten, neues Motto - am Freitag werden in Tokio die Sommerspiele eröffnet. Die Bevölkerung ist angesichts der Corona-Krise gegen die Ausrichtung. Die AZ beantwortet die wichtigsten Fragen.
von  Matthias Kerber
Bevor am Freitag die Sommerspiele in Tokio eröffnet werden, klärt die AZ die wichtigsten Fragen.
Bevor am Freitag die Sommerspiele in Tokio eröffnet werden, klärt die AZ die wichtigsten Fragen. © picture alliance/dpa/kyodo

Tokio - Die Geister, die ich rief, werd' ich nun nicht los - dieses legendäre Zitat aus dem Zauberlehrling von Johann Wolfgang von Goethe könnte das inoffizielle Motto der Olympischen Spiele in Tokio sein, die am Freitag eröffnet werden. Denn die japanische Bevölkerung ist sich in der Ablehnung der Spiele angesichts der Corona-Krise einig. Nur 22 Prozent der Japaner befürworten nach einer neuen Umfrage die Austragung in Tokio. Die Impfrate in Japan mit seinen 126 Millionen Bewohnern, beträgt nur etwa 20 Prozent.

Präsident Bach mutiert zur Hassfigur

Der Deutsche Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees IOC, der mantramäßig behauptet, dass die Spiele keine Gefährdung der Bevölkerung bedeuten würden, ist im Land des Lächelns zur Hassfigur mutiert.

Bachs Statement "unser gemeinsames Ziel sind sichere Spiele. Für alle - für die Athleten, die Delegationen und vor allem für das chinesische Volk" passte zu dem Gesamtbild, das er und das IOC abgegeben haben. Dass er sich schnell korrigierte und "japanisches Volk" sagte, konnte weder Ansehen noch Ehre retten. Die AZ beantwortet die wichtigsten Fragen rund um die Olympischen Spiele, die aufgrund der Corona-Krise zu Geisterspielen werden.

Wie ist der Umgang mit Corona?

Über 90 Prozent der Athleten sind geimpft, trotzdem hat es schon vier positive Befunde im Athletendorf gegeben. Das japanische Leitmedium "The Asahi Shimbun", erklärte die Blase, in der sich die Athleten aufhalten sollen, bereits "als geplatzt". Gerade an den Flughäfen herrscht angesichts des Bürokratie-Monsters, das zur Corona-Bekämpfung erschaffen wurde, Chaos. In einer langen Kolonne ziehen Sportler, Trainer, Journalisten anderthalb Kilometer lang von Station zu Station.

In der Heimat mühsamst beglaubigte Testergebnisse werden akribisch geprüft, dann wird ins Röhrchen gespuckt, dann eines der unzähligen Formulare ausgehändigt. Stundenlang dauert die Prozedur. Es kostet Zeit und Nerven - auf allen Seiten. Zu dem Formalitäten- und Formular-Ungeheuer kommt die Abschottung in der Hotel-Olympiadorf-Sportstätte. "Man muss sich das wirklich wie in einem großen Gefängnis vorstellen", sagte Bob Hanning, Vizepräsident des Deutschen Handballbundes. Die Vorschriften sind so unüberschaubar, dass viele Journalisten auf die Reise verzichtet haben.

Ist Corona das einzige Problem?

Nein. Japan ist Erdbebengebiet. Die Erde bebt dort circa 5.000 Mal im Jahr. Sieben Erdbeben mindestens der Stärke sechs haben Japan 2021 heimgesucht. Zudem ist Taifun-Saison, dazu kommt die extreme Hitze. "Es ist wahnsinnig heiß hier, zwischen 30 und auf dem Platz auch mal 40 Grad", sagte Hockey-Olympiasieger Tobias Hauke. Und all das bei drückendender Luftfeuchtigkeit. Aufgrund ernsthafter Gesundheitsbedenken wurden die Marathon- und Geherwettkämpfe ins kühlere Sapporo verlegt.

Wer wird die deutsche Fahne tragen?

Die Entscheidung fällt am Donnerstag. Erstmals in der Olympischen Geschichte wird pro Nation einem Mann und einer Frau die Ehre zuteil. Nominiert sind: Tobias Hauke, Patrick Hausding (Wasserspringen), Dimitrij Ovtcharov (Tischtennis), Richard Schmidt (Rudern), Andreas Toba (Turnen), Laura Ludwig (Beachvolleyball), Elisabeth Seitz (Turnen), Annekatrin Thiele (Rudern), Isabell Werth (Reiten).

Warum hat sich das olympische Motto verändert?

Künftig heißt es nicht mehr nur "schneller, höher, stärker", sondern "schneller, höher, stärker - gemeinsam". Der Zusatz geht auf einen Vorschlag von Bach zurück, der dies mit einer stärkeren Verpflichtung zu mehr Solidarität begründete.

Nimmt Japans Tenno Naruhito an der Eröffnungsfeier teil?

Ja, das gab nun das Kaiserliche Haushofamt bekannt. Ehefrau, Kaiserin Masako, wird der Zeremonie aber aus Rücksicht auf die Organisatoren, die versuchen, eine Corona-Ausbreitung zu verhindern, fernbleiben.

Wie sieht es mit den deutschen Medaillenchancen aus?

Der Deutsche Olympische Sportbund befürchtet einen signifikanten Medaillenrückgang. "Die Prognosen weisen eher auf ein schwächeres Abschneiden als in Rio hin", sagte Dirk Schimmelpfennig, Vorstand Leistungssport des DOSB. "Danach werden von unserem Team acht bis zehn Medaillen weniger als 2016 erwartet." Deutschland war 2016 in Rio mit 42 Medaillen (17 Gold, 10 Silber und 15 Bronze) das fünftbeste Land. Sichere Goldanwärter gibt es wenige. In der Leichtathletik ist es Speerwerfer Johannes Vetter, der seit 19 Wettkämpfen unbesiegt ist. "Das Ziel ist Gold, ganz klar!"

Auch Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo gehört zu den Gold-Kanidaten, obwohl sie in dieser Saison nicht so stark war. Große Hoffnungen sind mit den Basketballern, Fußballern, Handballern und beiden Hockey-Teams verbunden. Und natürlich den deutschen Reitern. "Wir haben mit unseren Mannschaften Eisen im Feuer, die zu Medaillen geschmiedet werden könnten", sagte Schimmelpfennig.

Gibt es neue Sportarten?

Fünf neue Bewerbe wurden ins Programm aufgenommen: Baseball/Softball, Karate, Klettern, Skateboard, Surfen. Damit gibt es bei diesen Spielen 33 Sportarten und 339 Entscheidungen.

Was kosten die Spiele?

Vor der Verschiebung von 2020 auf 2021 hatte das Organisationskomitee Kosten in Höhe von 11,3 Milliarden Euro ausgewiesen. Der unabhängige Prüfungsausschuss für die japanischen Staatsausgaben, hat diese Summe inzwischen mehr als doppelt so hoch eingeschätzt.

Die ungeliebten Spiele sind also auch noch ein Milliardengrab - die Geister, die ich rief, werd' ich nun nicht los. Und sie sind auch noch unverschämt teuer.