Interview

Heiner Brand: "Für das deutsche Team ist alles möglich"

Bereits am Samstag starten die Handballer in ihre Gold-Mission. Zuvor spricht in der AZ der ehemalige Bundestrainer Heiner Brand über die Corona-Spiele in Tokio und die Aussichten für die DHB-Mannschaft.
von  Martin Wimösterer
Wo alles begann: Beim Heim-Turnier im Frühjahr in Berlin qualifizierten sich die deutschen Handballer endgültig für Olympia.
Wo alles begann: Beim Heim-Turnier im Frühjahr in Berlin qualifizierten sich die deutschen Handballer endgültig für Olympia. © dpa

AZ: Herr Brand, wie groß ist bei Ihnen die Vorfreude auf die Olympischen Spieleß
HEINER BRAND: Sie ist gar nicht da. Für mich ist das noch sehr weit weg. Ich tu mich schwer mit Olympia in dieser Situation. Die Zuschauer auf den Tribünen, das Miteinander im Olympischen Dorf - all das Vertraute wird es in der bekannten Form nicht geben. Aus den bekannten Gründen.

Hätten die Spiele mit Blick auf die Corona-Lage abgesagt werden müssen?
Ich will mich da nicht festlegen. Es gibt sicher Gründe dafür. Weil es ein Risiko ist. Auch wenn sie sagen, dass es keines ist - aber das sehen viele Japaner anders. Auf der anderen Seite sollte man die Perspektive der Sportler sehen. Ich habe es am eigenen Leib erfahren, wie weh das tut, wenn einem die Spiele ausfallen, auch wenn es damals eine andere Ursache hatte.

Heiner Brand, Ex-Bundestrainer der Handballer.
Heiner Brand, Ex-Bundestrainer der Handballer. © Matthias Balk/dpa

"Wenn Olympia wegfällt, ist es sehr bitter"

Sie sprechen vom Boykott des Westens der Spiele 1980 in Moskau.
Ja, 1980. Ich hatte mich sehr auf Olympia gefreut - wir hatten eine sehr gute Gelegenheit, eine Medaille zu gewinnen. Ich hatte gerade das Examen gemacht, was mich sehr gefordert hatte. Auch körperlich war ich ausgelaugt. Das merkte ich aber während und nach dem Turnier. Dennoch war die Enttäuschung bei uns als Mannschaft über die genommene Gelegenheit sehr groß. Bei Einzelsportlern war sie sicherlich aber noch einmal eine Stufe höher. Wenn ich da an den Guido Kratschmer, den Zehnkämpfer denke, der alles darauf eingerichtet hatte. . . Wenn Olympia wegfällt, ist es sehr bitter, gerade für Athleten aus vermeintlich kleineren Sportarten. Olympia ist das Höchste für jeden Sportler.

Sie sind als Privatmann 2016 zu den Spielen nach Rio gereist. Hatten Sie sich das auch für Tokio 2020 überlegt?
Durch die Corona-Pandemie war das sehr weit weg und spätestens, als es hieß, dass keine ausländischen Zuschauer kommen könnten, war mir die Entscheidung abgenommen. Ansonsten wäre es eine Überlegung wert gewesen. Ich habe Rio sehr genossen und habe viel für mich mitgenommen.

Sie haben am Rande des Turniers auch eine Art Bildungsreise gemacht.
So kann man das sagen. (lacht) Das hätte ich in Japan auch gerne gemacht. Es ist schon lange her, dass ich dort war. Was heißt lange. . . 1997, als ich Bundestrainer wurde, habe ich mir die Weltmeisterschaft dort angeschaut. Deutschland war nicht qualifiziert. Und 1979, nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft, waren wir in China und auch in Japan.

"Genieße die zurückkehrende Freiheit"

Wie sind Sie durch die Pandemie gekommen?
Ich war vorsichtig und habe mich an die Vorgaben gehalten. Zusammenkünfte nur im kleinen Kreis, zum Beispiel zwei Ehepaare miteinander. Wenn man nicht raus durfte, bin ich auch nicht raus. Mittlerweile bin ich zweimal geimpft und genieße die zurückkehrende Freiheit.

Die Olympioniken in Tokio folgen strenger Disziplin.
Was ich gehört habe, muss man nun schon sehr Acht auf die Abstände geben. Wenn ich da an die Olympischen Spiele denke, bei denen ich war: Wenn man da in der Mensa neben Roger Federer oder einer anderen Sportgröße steht - das ist schon ein Erlebnis, besonders für Sportler aus kleinen Sportarten. Es werden andere Olympische Spiele sein. Die Pandemie betrifft ja auch die Wettkämpfe und die Veranstaltungen. Ich stelle mir einen Einmarsch vor und da sind nur Funktionäre im Stadion dabei - das wäre makaber.

Für die deutsche Nationalmannschaft "ist alles möglich"

Ein Nachteil für die Handballer: Ihr Wettbewerb begleitet fast das ganze Turnier. Konnten Sie bei Ihren Teilnahmen als Spieler wie Trainer überhaupt die Stadt und andere Wettkämpfe erleben?
Hin und wieder hatte man mal einen freien Tag zwischen den Spielen. Als Trainer muss man einen Mittelweg finden, das ist wichtig. Die Jungs können nicht den Kopf nur für Wochen über beim Handball haben. Doch die Abwechslung ist es auch, die die Olympischen Spiele zu einer größeren Herausforderung machen als andere große Turniere. Es kann die Schwierigkeit entstehen, die Konzentration zu halten, wenn Sportler ins Olympische Dorf zurückkehren und ihre Erfolge feiern. Das hebt die Stimmung, aber das kann auch zur Ablenkung werden. Das fällt aber nun aus.

Was ist für die deutsche Nationalmannschaft drin in Tokio?
Da ist alles möglich! Durch diesen Modus ist es sportlich vielleicht einfacher als bei anderen Turnieren, ins Finale zu kommen. Du musst erst einmal nur Vierter werden. Im Viertelfinale gegen den Ersten der anderen Gruppe hat man immer die Möglichkeit weiterzukommen. Klar, die Dänen und einige andere sind stark, aber ich sehe keine Ausnahmemannschaft in diesem Jahr. Im Lauf des Turniers ist alles möglich.