Union schick im Europacup - Auch Kruse hat Zeit für Kuopio

Conference League: Was für viele Fußball-Fans nach einem unnötigen Wettbewerb klingt, kann für den 1. FC Union Berlin einen besonderen Reiz entwickeln.
von  Von Arne Richter, dpa
Der 1. FC Union Berlin um Taiwo Awoniyi (l) und Max Kruse ist in der Conference League gefordert.
Der 1. FC Union Berlin um Taiwo Awoniyi (l) und Max Kruse ist in der Conference League gefordert. © Andreas Gora/dpa

Rani Khedira stand mucksmäuschenstill. Keita Endo blickte etwas schüchtern über die eigene Schulter. Beim Anprobetermin für die extra angefertigten Maßanzüge bei einem Herrenschneider wurde so manchem beim 1. FC Union Berlin die Tragweite des eigenen Erfolges richtig klar.

Mit dem feinen Zwirn geht es für die Eisernen auf Europa-Tournee. Noch heißt der Gegner in den Playoffs zur Conference League nur Kuopio PS. Doch in der letzten Qualifikationsrunde zum neuen Fußball-Europapokal spielen die Berliner als Lohn für ihre überraschend starke Bundesliga-Saison um die Chance auf Duelle gegen klangvolle Namen wie AS Rom, Tottenham Hotspur oder Feyenoord Rotterdam.

"Die Vorfreude ist groß. Wir haben Bock auf den Wettbewerb", sagte Abwehrchef Robin Knoche vor dem Hinspiel am Donnerstag (18.00 Uhr/Sport1) in Helsinki. Mit beschwingtem Schritt marschierte Kapitän Christopher Trimmel bei der Abfahrt Richtung Flughafen zum Teambus. "Da hinein?", fragte er, und schon war der Koffer verstaut.

Finale in Tirana

"Da hinein!", das wird Max Kruse sagen, wenn es in Helsinki ums Tore schießen geht. Seine Donnerstags-Dates hat der Union-Star längst umorganisiert. "Ich bleibe zu Hause. Donnerstags kann ich eh nicht, da habe ich keine Zeit", hatte Kruse seinem Trainer Urs Fischer noch spaßeshalber zugerufen, nachdem er mit seinem Last-Minute-Siegtor am letzten Bundesliga-Spieltag gegen RB Leipzig (2:1) Platz sieben und das Europa-Ticket selbst gebucht hatte.

Auch Kruse hat sich mittlerweile informiert. So uninteressant wie von vielen behauptet ist der Wettbewerb nicht. Wie in Champions League und Europa League spielen in der Gruppenphase vom 16. September an 32 Teams in acht Gruppen. Mit Platz zwei ist man in der folgenden K.o.-Runde gegen einen Dritten aus der Europa League, als Gruppensieger automatisch im Achtelfinale. Das Finale findet am 25. Mai 2022 in der albanischen Hauptstadt Tirana statt.

So weit will Trainer Fischer noch nicht denken. Er findet sogar, Kuopio sei eine schwieriger Gegner. Schließlich hätten die Finnen in FK Astana aus Kasachstan ein Team ausgeschaltet, das vor einigen Jahren mal Champions League spielte - so die Union-typische Logik, die nur ein Leben als Außenseiter kennt.

Fischer will kein Favorit sein

"Favorit? Jetzt haben wir schon wieder die Favoritenrolle. Ein Wahnsinn", rief Fischer, als er auf die eigentlich selbsterklärende Ausgangslage gegen ein Team ohne Spieler mit einem Millionen-Marktwert angesprochen wurde. Knoche schloss sich mit der vorsichtigen Wortwahl an. "Die Rollenverteilung ist völlig egal. Wir wollen nicht überheblich wirken. Das ist eine K.o.-Runde. Die Chancen stehen 50:50", sagte der ehemalige Wolfsburger.

Die Union-Fans lassen sich in ihren Träumen ohnehin nicht aufhalten. Trotz Einlassverbot für Gästefans brachen mehrere hundert nach Helsinki auf. Wie vor 20 Jahren, als die letzte - ziemlich kurze - Europatournee in Finnland begann. Haka Valkeakoski wurde in der ersten Runde des UEFA-Pokals, an dem die Berliner als unterlegener DFB-Pokalfinalist teilnehmen durften, ausgeschaltet. In Runde zwei war gegen Litex Lowetsch in Bulgarien damals schon Schluss. Kruse und Co. wollen ihre schicken Anzüge aber möglichst lange tragen.

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