Interview

EM-Gespräch mit Willy Michl: "Löw ist der Häuptling Hat-es-versucht"

Am 71. Geburtstag spielt Willy Michl heute im Innenhof des Deutschen Museums. Zur EM hat der Isar-Indianer seine ganz eigene Meinung.
von  Thomas Becker
In seinen Pass hat er sich "Sound of Thunder" (Klang des Donners) eintragen lassen: Isar-Indianer und bayerischer Barde Willy Michl.
In seinen Pass hat er sich "Sound of Thunder" (Klang des Donners) eintragen lassen: Isar-Indianer und bayerischer Barde Willy Michl. © imago images/Lindenthaler

München - EM-Gespräch mit Willy Michl: Der 70-jährige Münchner Liedermacher gilt als der Erfinder des bayerischen Blues.

AZ: Herr Michl, wie sieht's mit Ihrer Fußballexpertise aus? Haben Sie früher gekickt?
WILLY MICHL: In der Kindheit schon, aber es hat keinen Spaß gemacht. Ich habe nie analysiert, wieso - aber das Warum ist für mich sowieso ein Begriff, den ich aus meiner Diktion gestrichen habe. Vielleicht lag's aber auch daran, dass ich eher Einzelgänger bin, kein Teamplayer. Ich kann das, aber ich hab' keinen Bock drauf. Außerdem war mir das zu ruppig. Ich hab' lieber Basketball gespielt. Da war ich relativ gut. Das Allerschlimmste war Handball: Härte zehn! Das hat mir gar nichts gegeben. Ich war halt Skifahrer und Kletterer. Da war ich gut. Klettern hab' ich nur wegen des Gitarrespielens aufgehört.

Willy Michl: Vorm Sechzger-Stadion gewohnt, mit Bayern-Granden befreundet

Waren oder sind Sie Fan eines Klubs?
Es hat mich immer sehr gefreut, dass München zwei Mannschaften in der Bundesliga hatte.

Stadiongänger?
Natürlich! Ich hab' ja unterhalb vom Sechzger-Stadion gewohnt, in der Schönstraße, und bin da oft am Samstag raufgegangen und hab' den Sechzgern zugeschaut.

Ein Blauer also.
Ich war kein Anhänger! Wenn auf dem Oktoberfest die einen "Sechzig!" und die anderen "Bayern!" riefen, fand ich das witzig. Aber es gab damals in den 60ern und 70ern ja noch nicht so eine Aggression zwischen den Fans. Später hatte ich dann Freunde beim FC Bayern.

Ach!
Der Lothar (Matthäus, d.Red.) war mit mir befreundet, der Auge (Klaus Augenthaler, d. Red.) und der Pflügler Hansi kamen immer in mein Konzert, mit dem Uli (Hoeneß, d.Red.) bin ich über die Alpen geflogen, beim schlimmsten Gewitter.

Freunde und echte Fans von Willy Michl: Die ehemaligen Bayern-Stars Klaus Augenthaler (v.l.), Lothar Matthäus und Hansi Pflügler.
Freunde und echte Fans von Willy Michl: Die ehemaligen Bayern-Stars Klaus Augenthaler (v.l.), Lothar Matthäus und Hansi Pflügler. © imago images/Kicker/Liedel

"Ich bin keiner, der das schwarzrotgoldene Fahnderl rausholt"

Warum das denn?
Da haben wir den Uli und einen Tennisspieler in Bergamo abgeholt.

Abgeholt?
Der Rudi Neumeier, ein BMW-Händler, hatte die Fluglinie Neumeier Air, und da bin ich oft als Co-Pilot geflogen.

Wie bitte?
Ich wollte ja mal den Flugschein machen, und der Rudi hat mich in diese Welt eingewiesen. Ich konnte diese Maschine sogar starten, bei 80 Meilen. Darf man aber nicht zu stark anziehen, weil die mit 16 Grad abhebt. In Zürich haben wir den Baron von Finck abgeholt, Boris Becker, den Lothar. Der hat mich auch nach Mailand eingeladen, als er da gespielt hat. Karl Heckl, der damalige Vorstands-Chef der Bayern, war Willy-Michl-Fan: Bei den Jahrestreffen hab' ich an der Säbener Straße gesungen, auch mein FC Bayern-Lied.

Was für ein FC Bayern-Lied?
"Schon in ihrer Jugend ernährt man sie mit Bier, und wenn sie ausgewachsen sind, sind sie stärker wie die Stier'. Wenn sie dann nach Norden kommen, sagen die Girls gleich ganz benommen: Obacht geben, die Bayern kommen!" In den 80ern war das. Ich weiß also schon, was Fußball ist, habe von Jugend an alle wichtigen Turniere geschaut. Aber ich bin keiner, der das schwarzrotgoldene Fahnderl rausholt, wenn Deutschland Weltmeister wird. Zu denen gehöre ich nicht.

Michl: "Für mich ist Fußball kein Kriegsersatz"

Derzeit macht die EM auch als Superspreader-Event Schlagzeilen. Wie haben Sie die Pandemie erlebt?
Die schlimmste Zeit meines Lebens! Noch schlimmer als die Bundeswehr. Gebirgsfernmelder in Murnau: Das war schon schlimm. Aber jetzt Corona: Am 3. Oktober habe ich mein letztes Konzert gegeben - und jetzt wieder am Freitag im Innenhof des Deutschen Museums: neun Monde!

Noch sehr viele Monde länger war Jogi Löw Bundestrainer. Werden Sie ihn vermissen?
Er war ein sehr sympathischer und auch erfolgreicher Trainer. Der ist Weltmeister geworden, hat einen guten Job gemacht. Dass man nicht 15 Jahre ununterbrochen an der Weltspitze sein kann, ist doch klar. Der Löw hat's halt probiert. Aber ich sehe den Fußball aus einer ganz anderen Ebene.

Die da wäre?
Der normale Zuschauer sieht das als reinen Wettbewerb zwischen den Nationen. Für mich ist Fußball kein Kriegsersatz und auch nichts, was dem Nationalismus dienen sollte, sondern: Jeder indigene Mensch seit Jahrtausenden weiß, dass es sich um das Aufwerfen des Balles handelt.

Das was?
So nannten das die Sioux, also die Dakota und Lakota. Es gibt andere Völker, die spielen mit Schlägern...

...und die in Südamerika mit abgeschlagenen Köpfen.
Eine furchtbare Zeit! Azteken, Mayas: ganz grausame Völker. Die waren mindestens genauso grausam wie die Conquistadores. Diese Zeremonie diente dazu, die Geister zu bitten, dass das Volk in Gesundheit, Glück und Freude weiterleben konnte. Beim Fußball muss eine Mannschaft verlieren, aber der Verlierer ist genauso hoch zu ehren wie der Sieger, denn er hat mit seiner Kraft und seiner Kreativität dafür Sorge getragen, dass Millionen von Menschen sich das anschauen und ihren Geist vereinen können. Und das führt doch zu einer positiven Ebene zwischen den Völkern! Insofern ist für mich der Verlierer des Fußballspiels kein schäbiger, kläglicher Versager, sondern derjenige, der ein oder zwei Tore weniger geschossen hat. Dass ein Zuschauer erwartet, dass sein Team gewinnt, ist grundsätzlich respektlos. Deshalb ist es vernünftig, wenn Jogi Löw seine Würde als Bundestrainer jetzt niederlegt.

Welchen indianischen Namen würden Sie ihm geben?
Hat es versucht.

Und Nachfolger Hansi Flick?
Geht früher. Ich glaube, dass zwischen Hansi und Salihamidzic überhaupt keine Brüderschaft war. Da mangelte es an Liebe, Respekt und Ehre.

"Ich glaube, dass zwischen Hansi und Salihamidzic überhaupt keine Brüderschaft war": Michl über Flick und Brazzo (l.).
"Ich glaube, dass zwischen Hansi und Salihamidzic überhaupt keine Brüderschaft war": Michl über Flick und Brazzo (l.). © picture alliance/dpa