"Der Fußballgott hat das Zeug zum Satiriker!"

EM-Gespräch: Der Kabarettist Alfred Dorfer über das Duell zwischen Österreich und Ungarn, Fußball, Philosophen, Werte und Romantik.
| Von Matthias Kerber
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„Die Zeiten sind für Fußballromantiker wie mich nicht einfach“, sagt der österreichische Kabarettist und Satiriker Alfred Dorfer (l.)
www.peterridgaud.com/ho „Die Zeiten sind für Fußballromantiker wie mich nicht einfach“, sagt der österreichische Kabarettist und Satiriker Alfred Dorfer (l.)

Der 54-jährige Österreicher Alfred Dorfer ist Kabarettist, Schauspieler und Fußballfan (Austria Wien). 2008 erhielt er den Bayerischen Kabarettpreis. Am 5. und 6. August tritt er im Lustspielhaus auf.

AZ: Herr Dorfer, dem vielzitierten Fußball-Gott kann man einen sehr speziellen Humor attestieren, dass er beim ersten EM-Spiel Österreichs nach Ewigkeiten gleich Ungarn als Gegner zückt. Was sagt der Satiriker dazu?

ALFRED DORFER: Gleich eine Frage mit historischer Bedeutung zu Beginn. Ja, eigentlich ist uns der Sieg aufgrund der geschichtlichen Verbundenheit der ehemaligen Königshäuser gewiss. Der Fußballgott hat definitiv das Zeug zum Satiriker.

Lange Jahre hätte man in Österreich angesichts des Wirkens des Fußballgottes und der ewigen Erfolglosigkeit der österreichischen Nationalmannschaft eher zum Atheisten werden können.

Der Herr Fußballgott hat die Fans bei uns immer wieder auf die Probe gestellt. Der Erfolg kam eigentlich erst mit Nationaltrainer Marcel Koller, der ja sehr umstritten war, der aber seinen Weg gegangen ist und auf vermeintliche Sorgenkinder wie Arnautovic gesetzt hat. Er hat sich mit seiner Schweizerischen Sturheit gegen alle durchgesetzt.

Ein Vorwurf bei Amtsantritt war, dass Koller die österreichische Liga nicht kennt.

Wenn man ein Zyniker wäre, könnte man nur antworten, was bringt ihm das Wissen um die Liga, wenn da eh keiner der Nationalspieler spielt, sondern alle aus anderen Ligen kommen? Siehe David Alaba.

In der Flüchtlingskrise schirmen sich Ungarn und Österreich ab. Auch da könnte man zynisch sagen, das gefährdet den Erfolg der Nationalmannschaft auf lange Sicht.

Wenn man die Startelf der Nationalmannschaft anschaut, wird man nicht viele deutsch klingende Namen finden. Wir in Österreich leben im Fußball intensiv von den Sekundos, den Einwanderern der zweiten Generation. Ungarn hat sich in der Flüchtlingskrise als erstes abgekapselt. Die Stimmung ist bei uns in Österreich gekippt und man kann mit der Botschaft einer gewissen Hermetik heute bei uns Wahlen gewinnen. Wobei der Österreicher schon gerne hilft, zumindest solange die Leute bloß nicht herkommen. Wennst fern bleibst, mögen wir dich und helfen. Aber am liebsten nur dann.

Der Österreicher ist ja von der berühmten Raunzermentalität geprägt. Auf kaum etwas wurde so geschimpft, wie auf die Nationalmannschaft. Jetzt herrscht Hochstimmung.

Das darf man nicht missverstehen. Das Geraunze ist nur stillgelegt, nicht abgestorben. Bei uns kommt nach dem Raunzen immer die Euphorie, der Glaube, wir können jetzt die EM gewinnen. Um es klar zu sagen: Nein, wir gewinnen nicht. Und das wird die EM auch beweisen.

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Das Schmierentheater bei der Uefa, bei der Platini als Präsident erst gesperrt wurde und letztlich zurücktritt, muss den Satiriker erfreuen, oder?

Gerade Platini hat sich gerne als Anti-Blatter inszeniert, dass dieses Kartenhaus jetzt so gar nicht geräuscharm zusammenstürzt, birgt komödiantische Züge. Aber manchmal muss man als Satiriker sagen: Ich halt mich raus, das kann ich gar nicht besser machen als die, die es gerade aufführen. Die Fifa ist eine Art Unterhaltungsmafia. Der Fußball wird inszeniert. Ich war kürzlich bei einem Spiel zwischen Arsenal und Liverpool im Stadion. Da herrscht eine Atmosphäre wie in der Oper. Höflich, gediegen, das war nicht das meine.

Einige Romantiker gehen in die unteren Ligen, schauen nur noch Spiele dort. Bis sie feststellen, dass die Qualität des Fußballs dort der Liga angemessen ist.

Die Entproletarisierung tut dem Fußball nicht gut?

Als ich aufgewachsen bin, war Fußball noch schmutzig, das hat wehgetan, das war – so komisch es klingt – romantisch. Die Zeiten sind für Fußballromantiker wie mich nicht einfach. Aber ich denke, dass es eine leichte Gegenbewegung gibt. Anders als in Italien, wo Künstler und Intellektuelle nie ein Problem damit hatten, sich zu einem Fußballklub zu bekennen, wurde im deutschsprachigen Raum immer die Nase gerümpft. Wie kann man als denkender Mensch Fußball-Fan sein?

Der Intellekt hat eben keine Füße.

Treffend formuliert, aber jetzt traut man sich langsam, zum Fansein, zum Proletariersein zu stehen.

Sie sind Verehrer von Ernst Happel, dem legendären, viel zu früh verstorbenen, kettenrauchenden, tyrannischen Trainer. So eine Figur kann es heute gar nicht mehr geben.

Das ist die große Heuchelei. Ein autoritärer Trainer wird als Anachronismus betrachtet, der steht für Werte, die nicht zeitgemäß sind. Aber Bestechlichkeit, Korruption, Betrug und Verrat, das geht immer? Diese Werte kommen anscheinend nie aus der Mode.

In Ihrem Stück „Ballverlust“ setzen Sie sich mit Philosophen und Fußball auseinander. Albert Camus sagte: „Alles, was ich über Moral und Verantwortung weiß, verdanke ich dem Fußball.“ Man muss sich große Sorgen um seine Moral machen?

Das Hintersinnige ist ja, dass Camus in Algerien Fußball gespielt hat, er hat also 1980 in Gijon erleben müssen, welche Moral im Fußball herrscht. Er war der Leidtragende seiner Aussage.

Beim sogenannten Nichtangriffspakt zwischen Österreich und Deutschland, als die Länder genau so spielten, dass beide weiterkommen und Algerien ausscheidet.

So sieht es aus.

Was unterscheidet für Sie den Patriotismus vom Nationalismus?

Nationalismus ist konsequent weiter gedachter Patriotismus. Ich will nicht nur ein Trottel sein, sondern ein echter Volltrottel. Aber ich gebe zu, wenn Österreich gegen Irland spielt, bin ich Patriot und will, dass Österreich gewinnt. Ich bin also Trottel. Die EM, jedes Sport-Großereignis, fußt auf dem Gedanken des Patriotismus. Nationalismus beginnt für mich da, wo man auf den Patriotismus Dinge stülpt, die über die Welt des Fußballs hinausgehen, wo generelle Urteile über Andersdenkende, Andersseiende gefällt werden. Da beginnt der Nationalismus – und damit auch die Verwerflichkeit.

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