Matthias Sammer zum Finale 96: "Völlig abgedreht"

EM-Helden – die AZ-Serie über die deutschen Europameister: Heute erinnert sich Matthias Sammer an den Triumph 1996 und die Party mit Boris Becker.
| Thomas Becker
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DFB-Sportdirektor Matthias Sammer.
dpa DFB-Sportdirektor Matthias Sammer.

EM-Helden – die AZ-Serie über die deutschen Europameister: Heute erinnert sich Matthias Sammer an den Triumph 1996 und die Party mit Boris Becker

AZ: Herr Sammer, Sie waren maßgeblich am letzten Titelgewinn eines DFB-Teams beteiligt. Welche Erinnerungen haben Sie an die EM 1996?

MATTHIAS SAMMER: Pragmatisch gesagt: den Titel gewonnen zu haben. Ansonsten: Die Vorbereitung war holprig, auch die Spiele im Turnier – und Verletzungssorgen: Jürgen Kohler gleich im ersten Spiel, Muskelfaserriss Jürgen Klinsmann im Viertelfinale, Thomas Helmer lief im Ganzkörperverband durch die Gegend, Kreuzbandriss Steffen Freund, Innenbandriss Dieter Eilts, Andi Möller und Stefan Reuter gesperrt im Finale, Olli Kahn bekam sogar eine Rückennummer hinten drauf gebastelt, für alle Fälle – und trotzdem haben wir den Titel geholt. Schon verrückt.


Da war viel Wille im Spiel.

Es wird ja immer über die deutschen Tugenden diskutiert. Eigentlich will man davon heute nichts mehr hören, weil sie sofort mit Rumpel-Fußball assoziiert werden, mit Anschreien. Das ist so ein negativ besetzter Begriff! Diejenigen, die in der Vergangenheit gespielt haben, werden das mit Verwunderung zur Kenntnis nehmen. Dass wir Anfang 2000 auch extreme fußballerische Defizite hatten, darf ja nicht dazu führen, dass man in Gegenwart und Zukunft diese Willenseigenschaften damit verbindet schlecht Fußball zu spielen.


Was für eine Mannschaft war das 96er-Team?

Es gab sicher Mannschaften, die eine bessere Optik hatten, aber wir waren mental die Stärksten. Wir haben vielleicht nicht so geglänzt. Wir hatten von allem etwas – sonst kannst du so ein Turnier nicht gewinnen.


Sie waren der überragende Mann, wurden Fußballer des Jahres, standen im All Star Team der EM. War ’96 Ihr bestes Jahr?


’94 bis ’96 war sicher die Blüte. Leider habe ich ’97 dann diese Infektion bekommen, und mit 30 war meine Laufbahn leider beendet.


Zum Turnier: das Halbfinale in England gegen England. „Achtung! Surrender!” in den Zeitungen. Was war das für eine Partie?


Die Engländer waren völlig euphorisiert, auf dem Platz und auf den Rängen. Ein Gegner, den du erst mal aufhalten musst. Wir lagen schnell zurück, Stefan Kuntz hat zum Glück den Ausgleich gemacht, wir haben dagegen gehalten, unsere Klasse ausgespielt.


Dann das Elfmeterschießen.

Und alle treffen! Das ist schon auch eine gewisse Stärke, die in der Erinnerung davon lebt, nie aufzugeben, nicht zu verkrampfen, sondern sich das Ergebnis sportlich zu erarbeiten. Das ist uns gelungen – ein Wahnsinns-Erlebnis.


Das Finale ’96: Happy End mit Golden Goal, davor Ihr Zweikampf mit Karel Poborsky, der zum 0:1 führte...


Der war nicht im Strafraum, und berührt hab’ ich ihn auch nicht! Er hatte unglaublich Schwung, ich wollte ihn begleiten mit seiner Dynamik, war mir ziemlich sicher, dass ich die Situation im Zweikampf klären kann. Deshalb war es trotzdem ein ärgerlicher Fehler, den ich auf meine Kappe nehme.


Elfmeterschütze war Patrick Berger, Ihr Mannschaftskollege bei Borussia Dortmund.

Der hat sich die Unverschämtheit erlaubt, den Elfer auch noch reinzuschießen. Wir waren wütend, gingen auf dem Zahnfleisch, aber Berti Vogts bewies ein goldenes Händchen, als er Oliver Bierhoff brachte. Der köpfte uns in die Verlängerung und setzte dann zu diesem Gewaltschuss an, den sich Petr Kouba dann selbst reingeschmissen hat. Doch in all dem Jubel hatte der Linienrichter die Fahne oben.


Wie das?

Ein paar von uns sind schon völlig abgedreht dem Oliver Bierhoff hinterher, aber ich hatte gesehen, dass der Linienrichter da mit der Fahne oben stand. Schiedsrichter Pairetto ist zu ihm hin, sprach vier, fünf Sekunden mit ihm – und beendete das Spiel. Da sind dann alle Dämme gebrochen.


Wie war die Sieger-Party?

Ordentlich! Landmark-Hotel in London, eine schöne Erinnerung. Wobei ich nicht der Typ bin, der ausflippt. Das bin ich vorher auf dem Spielfeld.


Wie lange ging die Feier?

Sehr lange! Morgens um fünf wurde es den Engländern zu bunt. Da ging das Licht an und die Stühle wurden uns unterm Hintern weggezogen. Boris Becker war auch dabei, der hat noch versucht, mit den Leuten zu reden – keine Chance, die waren stocksauer.

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