Kommentar

Nagelsmann legt's drauf an: So könnte der Liebling der Bosse die fehlende Qualität im Kader aufdecken

Julian Nagelsmann ist dafür bekannt, den Kader seiner Teams in der Breite voll auszunutzen. AZ-Redakteur Sebastian Kratzer meint, dass der Neu-Trainer so die abgewanderte Qualität in den vergangenen beiden Jahren gnadenlos aufdecken wird.
von  Sebastian Kratzer

Die Chefetage an der Säbener Straße ist zufrieden. Nach dem holprigen Abgang von Hansi Flick haben die Bayern-Bosse in Julian Nagelsmann ihren Wunschtrainer gefunden. 

Bayern-Bosse loben Nagelsmanns Schweigen

Besonders eine Tatsache scheint die Führungsriege dabei zu begeistern: Die Zurückhaltung von Nagelsmann in Sachen Neuzugänge in dieser Saison. Ein Trainer, "der alle finanziellen Seiten immer mitberücksichtigt", wie Sportvorstand Hasan Salihamidzic bei dessen Vorstellung erklärte. Ehrenpräsident Uli Hoeneß, dessen Wort im Aufsichtsrat immer noch eine kräftige Meinung besitzt, schlug in eine ähnliche Kerbe. 

"Er hat auch für die wirtschaftlichen Hintergründe absolutes Verständnis", erklärte Hoeneß im "Doppelpass". Aufgrund der Corona-Krise nehmen sich die Münchner in diesem Sommer auf dem Transfermarkt zurück. Verständlich, wenn man beispielweise auf die großen Vereine in Spanien und die dortige Schuldenlage blickt. Dennoch ist klar: Kaum ein Verein in Europa hat in den vergangen beiden Jahren so viel an individueller Qualität einbüßen müssen.

Abgänge wiegen schwer - Transfers zünden nur selten

Bei einem absoluten Top-Klub in Europa kommt es selten vor, dass die gesamte Stamm-Innenverteidigung den Verein in einer Transferperiode verlässt. Mit den Abgängen von David Alaba und Jérôme Boateng ist dem FC Bayern genau das passiert. Zwar wurde mit Dayot Upamecano für Ersatz gesorgt und auch Lucas Hernández dürfte seine Sache gut machen, dennoch ist der Qualitätsabfall in der Breite spürbar. 

Auch im vergangenen Sommer, kurz nachdem die Champions League in Lissabon gewonnen wurde, brachen Eckpfeiler der erfolgreichen Mannschaft weg. Mittelfeld-Ass Thiago wechselte nach Liverpool, Dauerläufer Ivan Perisic wurde trotz machbarer Ausstiegsklausel nicht aus Mailand losgeeist. Die Rückkehr von Edel-Joker Philippe Coutinho zum FC Barcelona lag auch an der viel zu hohen Kaufoption, die sinnhafterweise nicht gezogen wurde. Doch auch seine fehlenden Qualitäten von der Bank machten sich im Laufe der vergangenen Saison bemerkbar, als die A-Elf auf dem Zahnfleisch ging.

Stattdessen verpflichteten die Münchner kurz vor Transferschluss eine Reihe an Ergänzungsspielern. Während Eric Maxim Choupo-Moting als Lewandowski-Ersatz immerhin überzeugte und Marc Roca teilweise gute Ansätze zeigte, entwickelten sich Bouna Sarr und Douglas Costa zu absoluten Transferflops. Keiner der genannten Spieler entfachte auch nur ansatzweise einen Konkurrenzkampf – genau das, was den FCB in Lissabon so stark machte.

Rotation auf dem Rücken der jungen Spieler

Ein Blick auf den aktuellen Kader zeigt: Auch in dieser Saison stellt sich die erste Mannschaft so gut wie selbst auf. Spieler, die um einen Stammplatz kämpfen wie Kingsley Coman, Corentin Tolisso und Niklas Süle könnten bei passenden Angeboten sogar noch verkauft werden. Selbst dann wäre unklar, ob die Münchner nochmal auf dem Transfermarkt nachlegen. Viel Auswahl bleibt Nagelsmann also nicht, wenn er seine geliebte Rotationsmaschine während der Englischen Wochen anwerfen will.

Während bei RB Leipzig besonders die Breite des Kaders herausstach und dem 33-Jährigen auf fast allen Positionen mindestens zwei ähnlich gute Alternativen zur Verfügung standen, muss er in München kreativ werden. "Wir haben genügend Spieler – irgendwann müssen auch die jüngeren in die Bresche springen, es gibt keine ewige Vorlaufzeit", erklärte er bei seiner Antritts-PK. Was vielversprechend klingt, ist gleichzeitig auch mutig. Viele der Bayern-Youngster haben zwar einiges an Qualität – doch sind sie schon bereit, in den wichtigen Spielen zu performen?

Es wird sich letztlich zeigen, ob Nagelsmann in der heißen Saisonphase ausschließlich auf junge Spieler im Verletzungsfall zurückgreifen wird. Oder ob er dann nicht doch sein Schweigen bricht und nach Fehlschlag des Experiments mehr Qualität in der Breite fordert. Denn eines ist klar: Wenn einer die Versäumnisse der Bayern-Bosse auf dem Transfermarkt endgültig aufdecken kann, dann ist es Julian Nagelsmann und seine Rotation.