Einen Stürmertyp wie Haaland gibt es nicht oft

Ein Norweger erklärt den Haaland-Hype: Der ehemalige Bundesliga-Stürmer Jörn Andersen im AZ-Interview über Dortmunds neuen Superknipser – und den Verzicht der Bayern wegen Lewandowski.
von  K. Kaufmann
Erling Haaland
Erling Haaland © Rauchensteiner/Augenklick

AZ-Interview mit Jörn Andersen (56): Der Norweger spielte in der Bundesliga u.a. für Eintracht Frankfurt. In der Saison 1989/1990 holte er sich als erster ausländischer Profi die Torjägerkanone.

AZ: Herr Andersen, haben wir mit Erling Haaland womöglich den nächsten Superstar der Bundesliga gesehen?
Jörn Andersen:
Ich habe es verfolgt, denn sein Auftritt war natürlich auch hier in Norwegen ein Thema. Das war schon ein ganz starkes Debüt von ihm. Er ist physisch stark, schnell und er weiß, wo das Tor steht – ein echter Vollstrecker eben. Er hat also alle Voraussetzungen dazu, ein ganz großer Bundesliga-Stürmer zu werden. Aber abwarten. Jetzt kennt ihn die Liga, es wird in den nächsten Spielen sicher nicht einfacher für ihn.

Der Junge ist mit 19 Jahren vor dem Tor so eiskalt wie ein norwegischer Gletscher. Woher kommt‘s?
Er ist in einer Fußball-Familie aufgewachsen, sein Vater war Profi in England und hat ihm viele Tipps gegeben. Außerdem hat er in Norwegen eine super Ausbildung genossen, hier ist er zum Star geworden.

Dortmunds Haaland könnte bei Topclubs mehr Geld verdienen

Trotz des Hypes um seine Person wirkt er nicht abgehoben.
Der Junge hat einen klaren Kopf. Er ist zuerst nach Salzburg gegangen und nicht gleich zu den großen Vereinen. Auch jetzt seinen Wechsel nach Dortmund habe ich sehr gelobt – das habe ich auch seinem Vater gesagt, als ich mit ihm gesprochen habe. Ihm und seinem Management geht es anscheinend wirklich um die sportliche Entwicklung und nicht nur ums Geld.

Was macht Haaland so einzigartig? Halb Europa hat sich ja angeblich um ihn gerissen.
So einen Stürmertyp wie ihn gibt es nicht so oft. Da ist Robert Lewandowski, vielleicht noch ein Luis Suárez (FC Barcelona, Anm. d. Red.). Es gibt schnelle Stürmer und es gibt große Stürmer, aber Haaland hat beides, er ist schnell und physisch stark. Diese Spieler werden von den Topklubs händeringend gesucht.

Anscheinend nicht vom FC Bayern. Dabei wäre er für 20 Millionen fast ein Schnäppchen gewesen.
Bayerns Sportdirektor Hasan Salihamidzic hat gesagt, sie brauchen Haaland nicht, weil sie Lewandowski haben. Aber für diesen Preis hätte Bayern ihn vielleicht doch holen und dann ausleihen sollen. Man weiß ja nicht, wie lange Lewandowski noch spielen wird. Also, so ein Spieler wie Haaland für 20 Millionen – warum Bayern da nicht zugegriffen hat, verstehe ich auch nicht.

"Ein zweiter norwegischer Toschützenkönig würde mich freuen"

Martin Ödegaard (21) steht bei Real Madrid unter Vertrag, Haaland jetzt in Dortmund. Warum bringt Norwegen mittlerweile so viele gute Fußballer hervor?
Das liegt an der Mentalität. Wir sind generell ein sehr sportbegeistertes Land, sehr ehrgeizig. Zu meiner Zeit gab es in Norwegen nicht so viele Möglichkeiten, Fußball zu spielen – gerade im Winter. Aber das hat sich stark verändert. Mittlerweile gibt es bei uns auch Kunstrasenplätze und Rasenheizung. Ich bin mir sicher, dass in nächster Zeit noch weitere gute Spieler aus Norwegen nachkommen werden, weil das Land jetzt diesen Schritt gemacht hat.

Haben sich mit der Haaland-Verpflichtung Dortmunds Titelchancen deutlich erhöht?
Soweit sind die Dortmunder ja nicht weg von der Tabellenspitze. Und wenn Haaland jetzt einen Lauf bekommen sollte, kann das noch etwas werden. Die Chancen des BVB auf den Titel sind mit dem Wechsel auf jeden Fall gestiegen.

Sie haben 1990 mit 18 Toren als erster ausländischer Spieler in der Bundesliga die Torjägerkanone geholt, trauen Sie ihrem Landsmann zu, in ihre Fußstapfen zu treten?
Ja, auf jeden Fall traue ich ihm das zu. Ein zweiter Norweger, der in Deutschland Torschützenkönig wird – das würde mich sehr freuen.

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