Cortinas Abschied: "Ich weine jeden Tag"

Das große Abschieds-Interview mit EHC-Trainer Pat Cortina: Er verrät, dass er die Eishalle meidet, er schwärmt von München – und hofft, dass durch Red Bull alles „besser, schöner, erfolgreicher wird”
von  Matthias Kerber

AZ: Herr Cortina, Ihre Ära als Trainer des EHC München endet nach sieben Jahren, es ist – wie Andrea Bocelli und Sarah Brightman in ihrem großartigen Abschiedslied sangen – „Time to say goodbye”.


PAT CORTINA: Ja, aber mir gefällt das deutsche „Auf Wiedersehen” viel besser als „goodbye”. Denn das heißt Abschied, ich aber hoffe, dass es ein Wiedersehen gibt. Ich kann gar nicht genug betonen, wie sehr mir der EHC, die Stadt, die Menschen in München am Herzen liegen. Ich bin seit 25 Jahren Trainer, aber ich habe mich nirgendwo heimischer, nirgendwo willkommener, nirgendwo besser gefühlt als hier. Und das, obwohl ich in Italien gearbeitet habe, wo ja die Wurzeln meiner Familie liegen. Das sollte für alle Menschen in der Welt Testament dafür sein, wie offen, wie warmherzig, wie tolerant die Münchner, die Deutschen sind, dass ich mich als Ausländer immer als einer der ihren fühlen durfte. Ich würde dazu gerne eine kleine Geschichte erzählen.


Bitte.


Meine Familie hat ja bis vergangenes Jahr in Südtirol gelebt. Es war hart, sie jedes Mal wieder verlassen zu müssen, wenn ich zurück zur Arbeit fuhr. Aber sobald ich die Autobahn verließ und wieder in München war, ging es mir gut, der Schmerz war gelindert, weil ich mich hier so wohl fühle. Ich hätte meine Familie auch in keine andere Stadt nachgeholt. Trainer führen oft ein Vagabundendasein, aber München soll der Ort sein, wo die Familie Cortina jetzt – und hoffentlich für sehr lange Zeit – ihre Wurzeln hat.


Wie würden Sie München beschreiben?


Eine natürliche Schönheit. Und wie alle echten natürlichen Schönheiten muss sie nicht prahlen mit ihrem Glanz. Sie ist auf ihre Art bescheiden, sie protzt nicht, sie weiß, dass sie es nicht nötig hat. Wer ihre Schönheit nicht erkennt, der ist auch nicht würdig, dass sie sich ihr öffnet.


Eine echte Liebeserklärung.


Ohne Wenn und Aber. Ich habe hier die schönste Zeit meines Trainerdaseins verbracht. Ich habe – etwa mit Manager Christian Winkler – Menschen getroffen, die mein Leben bereichert haben. Es ist nicht leicht, wenn man älter ist, wenn man viel unterwegs ist, noch echte Freunde zu finden. Er ist ein Freund. Unsere Freundschaft wird bestehen, unabhängig davon, wie oft man sich sieht, man spricht. Uns verbindet mehr als nur die Arbeit. Ich wünsche dem EHC auf seinem Weg nur das Allerbeste und hoffe, dass die Zukunft, jetzt, da mit dem Einstieg von Red Bull eine neue Ära beginnt, besser, schöner und noch erfolgreicher ist. Es bricht mir das Herz, dass ich dem EHC nicht zum Abschied die Teilnahme an den Playoffs schenken konnte. Aber ich kann versichern, dass ich alles dafür getan habe.


Klingt so, als hätten Sie nicht nur eine heimliche Träne vergossen.


Ich will hier ganz, ganz offen sein. Ich weine diese Tränen jeden einzelnen Tag. Ich habe es noch nicht über das Herz gebracht, wieder in die Eishalle zu gehen. Der Gedanke ist momentan zu schmerzhaft. Irgendwie versuche ich, meinen Kopf im Moment freizukriegen. Eigentlich versuche ich, ihn überhaupt erst wieder zu finden. Die Entscheidung, den Posten des Bundestrainers anzunehmen, war die härteste in meinem Leben, weil es eben hieß, den EHC zu verlassen. Aber alle beim EHC haben mich darin bestärkt, diesen Schritt zu gehen. Mit Worten und mit Taten. So wie es echte Freunde tun. Sie wollen, dass du weiterkommst, selbst wenn es für sie selber einen Verlust bedeutet. Ich hoffe, dass ich den Schritt nie bereuen werde. Daher will ich den Fans jetzt „Auf Wiedersehen sagen” und nicht „Goodbye”.