Henry Maske: "Klitschko ist ein Berg"

In Moskau will Wladimir am Samstag seinen Titel gegen Alexander Powektin verteidigen. Hier spricht Henry Maske über das Duell, die Chancen des Russen – und Klitschkos Klasse im Ring.
von  Matthias Kerber

In Moskau will Wladimir am Samstag seinen Titel gegen Alexander Powektin verteidigen. Hier spricht Henry Maske über das Duell, die Chancen des Russen – und Klitschkos Klasse im Ring

AZ: Herr Maske, am Samstag kämpfen mit Wladimir Klitschko und Alexander Powetkin zwei Olympiasieger um die WM-Krone der schweren Jungs. Bisher waren diese Duelle der Gold-Jungs meist große Kämpfe – Ali gegen Frazier, Ali gegen Foreman etwa. Was erwarten Sie als Olympiasieger von diesem „Machtkampf in Moskau”?

HENRY MASKE: Diese Kämpfe hatten oft eine spezielle Aura. Auch hier treffen zwei Boxer aufeinander, die viel Respekt voreinander haben. Sie haben eine fast identische Boxschule durchlaufen. Sie definieren den Kampf vom Kopf her, während der Großteil der Amerikaner über den Aktionismus, den Willen kommt. Für Boxer wie Wladimir sind daher oft amerikanische Gegner dankbarer zu boxen als Europäer.

Spielt es eine Rolle, dass Klitschko das erste Mal seit Jahren nicht selbst der Veranstalter seines Kampfes ist, er also nicht alle Details diktieren und kontrollieren kann?

Ich denke, dass dies eine Rolle spielen könnte, wenn Powetkin es schaffen sollte, in Klitschko zu Beginn des Kampfes Zweifel erwachsen zu lassen. Ob er dazu in der Lage ist, ist eine andere Frage. Es ist so, dass Wladimir in den ersten Runden oft nicht so viel Sicherheit ausstrahlt, er Verhaltensweisen an den Tag legt, die ihn nicht so dominant erscheinen lassen, wie er ist. Er zieht sich zurück, er klammert.

Wladimir sagte ja mal selber, dass sein Bruder Vitali ein geborener Kämpfer sei, er selber es erst lernen musste, er ein Schauspieler war, ehe er ein echter Boxer wurde.

Ich denke, dass Wladimir seinen Charakter nicht radikal geändert hat, aber er hat seinen Boxstil dem Charakter angepasst. Vitali ist sicher der Härtere, der große Bruder, der nicht nur von Anfang an Verantwortung übernehmen musste, sondern dies auch zu hundert Prozent wollte. Die unterschiedlichen Charaktere sieht man auch im Ring. Vitali ist sicher rein boxerisch nicht so fein, so technisch versiert, aber er stellt sich rein, fordert den Gegner heraus und sagt: du musst erstmal an meinem Arsenal vorbeikommen, Wladimir agiert da vorsichtiger.

Sie sprachen Powetkin, der ja zwei Mal vor Klitschko gekniffen hat, an und die Zweifel, die Sie haben, dass er Wladimir in Bedrängnis bringen kann. Zuletzt gegen Marco Huck gewann er zwar nach Punkten, sah dabei aber sicher nicht wie ein Sieger aus.

Powetkin war in einem körperlichen Zustand, der zeigte, dass er dem Sport, dem Gegner nicht den nötigen Respekt entgegenbrachte. Sein körperlicher Zustand war beschämend. Dass er am Ende entkräftet durch den Ring taumelte, da kann ich nur sagen: Eine schallendere Ohrfeige kann es für einen Olympiasieger nicht geben. Auch wenn Huck was anderes erzählt, ich glaube niemand wird ernsthaft glauben, dass Marco gegen Wladimir eine Chance hätte. Aber er hatte mehr als nur eine Chance gegen Powetkin! Er stand am Rande des Sieges. Powetkin war körperlich und strategisch auf den Kampf nicht vorbereitet.

Jetzt steht ein ganz anderes Kaliber vor ihm!

Klitschko ist wie ein Berg. Um Wladimir schlagen zu können, muss Powetkin als kleinerer Mann dauernd in den Gefahrenbereich Klitschkos rein. Diese Führhand ist nicht nur eine Führhand, die erschüttert richtig. Mit jedem Schlag. Das haben alle erfahren müssen! Wir alle dachten, dass David Haye in der Lage sein könnte, Wladimir in Schwierigkeiten zu bringen. Aber er konnte den Berg Klitschko nicht im Ansatz erklimmen, da war ein extremer Klassenunterschied.

Das war Hasenfuß-Boxen von Seiten Hayes.

So sieht es aus.

Wie schwer ist es für Wladimir, dass er jetzt ohne die verstorbene Trainerlegende Emanuel Steward antreten muss? Stattdessen ist sein Ex-Sparringspartner Johnathon Banks, der als Boxer zuletzt enttäuschte, sein Coach.

Ich kann nur für mich sprechen, da ich Banks’ Qualitäten nicht so gut kenne. Aber für mich wäre es nicht leicht. Klar entwickelt man im Laufe der Jahre ein Gespür für die richtige Taktik, das ist bei Wladimir sicher auch so. Aber mir war es stets wichtig, mich mit dem Trainer auszutauschen. Damit er die Taktik um Feinheiten anreichert. Denn Boxen ist ein Sport, der, da ja das Gegenüber immer zu einem gewissen Maße unberechenbar bleibt, von Nuancen lebt. Ob Banks die Fähigkeiten besitzt, dieses verbale Sparring mit Wladimir zu betreiben, ihn im Gespräch und Training auf ein höheres Level heben zu können, kann ich nicht beurteilen.

Wladimir und Vitali sind die beherrschenden Schwergewichte dieser Ära, die große öffentliche Anerkennung wird ihnen aber nicht zuteil. Würden Sie sie in einem Atemzug mit Größen wie Joe Louis, Muhammad Ali sehen?

Interessant ist immer nur das, was nicht mehr da ist, und wenn man den Leuten so zuhört, war ja früher sowieso alles besser. Wenn man sich genauer damit auseinandersetzt, sieht man, dass Ali zu seiner Zeit nicht hofiert wurde. Da hat keiner geschrieben, dass er der Größte ist. Der einzige, der das sagte, war er selber. Er war in den 70er Jahren fast ein Staatsfeind, als er sich weigerte in den Vietnamkrieg zu ziehen, ihm wurde übel mitgespielt, die große Aussöhnung des amerikanischen Volkes mit Ali kam erst 1996, als er in dieser großartigen Geste das Olympische Feuer entzündete. Erst da sprach jeder vom Größten. Ich denke, die Klitschkos haben ihren Platz in der Box-Geschichte als die Größten ihrer Zeit sicher.