AZ exklusiv: Kühnen macht sich Sorgen um Kerber und Zverev

Ex-Davis-Cup-Chef Patrik Kühnen analysiert in der AZ das deutsche Tennis-Debakel von Wimbledon und macht sich vor allem Sorgen um Zverev. Über Kerber sagt er: "Sie hatte keine Energie."
| Thomas Becker
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In Wimbledon überraschend früh gescheitert: Die deutschen Topspieler Alexander Zverev und Angelique Kerber.
AZ-Montage, Friso Gentsch/Tim Ireland/AP/Ben Curtis/dpa In Wimbledon überraschend früh gescheitert: Die deutschen Topspieler Alexander Zverev und Angelique Kerber.

Patrik Kühnen gewann als Spieler drei Mal den Davis Cup, stand 1988 im Viertelfinale von Wimbledon, später war er Kapitän des Davis-Cup-Teams. Die AZ hat mit ihm über die schwierige Situation der deutschen Tennis-Asse gesprochen.

AZ: Herr Kühnen, die zweite Woche des Grand-Slam-Turniers von Wimbledon beginnt ohne deutsche Beteiligung – ein Armutszeugnis für den Deutschen Tennisbund?
PATRIK KÜHNEN: So pauschal kann man das nicht sagen, sondern muss die Fälle individuell anschauen.

Na dann: Alexander Zverev, raus in Runde eins, gegen Jiri Vesely, Nummer 124 der Welt.
Sascha hat seine Lage selbst geschildert. Das ist eine beunruhigende, schwierige Situation, die ihn enorm belastet. Um als Sportler Top-Leistungen zu bringen, musst du den Kopf frei haben und dich voll aufs Tennis konzentrieren können. Sobald da Dinge im Raum stehen, die dich beschäftigen, ziehen die dir den Fokus weg. Deshalb ist er derzeit einfach nicht in der Lage, sein bestes Tennis zu spielen. Im Tennis muss man in jeder Sekunde eine Entscheidung treffen – da braucht es einen klaren Kopf. Alles, was ablenkt, ist ein Störfaktor.

Kühnen über Zverev: "Man spricht über- statt miteinander"

Juristischer Streit mit dem Ex-Manager, der Vater, der offenbar nicht völlig gesund ist und ein VIP-Trainer, der nur sporadisch an seiner Seite ist – klingt nicht so, als würden sich Zverevs Probleme so schnell lösen lassen.
Ich kann das nur von außen betrachten. Mein Eindruck: Man spricht über- statt miteinander. Das ist problematisch. Und die Trainer-Geschichte um Ivan Lendl? Ich höre hier und da etwas, aber ich weiß nicht, was an den Spekulationen dran ist. Aus Zverevs Sicht landet all das ja im selben Topf.

Ihre Prognose? Wie geht’s weiter mit Alexander Zverev?
Vielleicht gibt es doch die Möglichkeit, dass er mit seinem Ex-Manager redet. Es wäre ihm zu wünschen, dass er schnellstmöglich Klarheit schaffen kann.

Nächstes Sorgenkind: Angelique Kerber. Raus in Runde zwei gegen Lauren Davis, Nummer 95 der Welt – und das als Titelverteidigerin...
Das war überraschend, vor allem nachdem sie in Mallorca im Halbfinale und in Eastbourne im Finale stand. Die Leistungen kamen zum richtigen Zeitpunkt. Rasen ist ihr bester Belag, von daher konnte man davon ausgehen, dass sie in Wimbledon gut spielt. Aber nach dem gewonnenen ersten Satz hat sie den Faden verloren, und ab Mitte des zweiten Satzes war sie nur noch defensiv, hat keine Länge mehr in die Schläge reinbekommen. Sie hat der Gegnerin das Spiel sozusagen überlassen.

Mehr oder weniger kampflos.
Eigentlich kennen wir von ihr, dass sie sich aus Spielen, in denen es nicht so läuft, rausfightet, mit Biss und Kampfgeist. Das ist ausgeblieben. Sie hat die Kurve nicht mehr gekriegt, wie sie es in der Vergangenheit so oft getan hat. Sie hatte keine Energie, konnte sich auch nicht erklären, warum. Ein schwieriges Jahr für Angie.

Kühnen: Görges und Struff "machen richtig Spaß"

Ihre Prognose: Wie geht es bei Kerber weiter?
Schwer zu sagen. Sie zieht sich ja immer zurück, analysiert alles, was ja wichtig ist, um auf solche Situationen künftig besser vorbereitet zu sein.

Als letzte Deutsche haben sich Julia Görges gegen Serena Williams und Jan-Lennard Struff gegen Michail Kukuschkin verabschiedet – in Runde drei.
Die beiden machen richtig Spaß. Struff ist in der Form seines Lebens, hat in diesem Jahr mit Cilic, Dimitrow, Coric, Tsitsipas und Shapovalov schon viele große Namen geschlagen. Man sieht das an seiner Körpersprache: Er hat jetzt den Glauben, dass er die Großen schlagen kann. Für Julia gilt das Gleiche. Sie hat das Spiel auf Rasen verinnerlicht, geht viel ans Netz, macht 90 Prozent ihrer Netzangriffe zu Punkten – das ist eine Hausnummer.

Die größte Überraschung ist die 15-jährige Cori Gauff. Kannten Sie die vorher?
Ich hatte von ihr gehört, sie aber noch nicht spielen sehen. Sie ist für ihr Alter unglaublich reif. Auch nach drei vergebenen Matchbällen gegen Venus William spielt sie offensiv weiter – das ist ein Indiz dafür, dass sie sehr cool ist und in sich ruht. Eine Cinderella-Story. Das ist die Nächste, die in die Weltspitze stürmt.

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