Michaela May: In diesen Wirtshäusern spüre ich noch "das alte München"

Ganz entspannt kommt Michaela May zum Interviewtermin mit der AZ - mit dem Rad, wie so viele Wege in München eben am angenehmsten sind. Im Café Tribeca, einem dieser unaufgeregten Orte zwischen Kaffeegeruch, Nachbarschaftsleben und Großstadtflair in Gern, trifft die Redaktion die 71-jährige Schauspielerin zum Gespräch. Derzeit ist sie im Film "Ein Münchner im Himmel" zu sehen.
Michaela May über Günther Maria Halmer: "Lange Freundschaft ist in unserem Beruf sehr selten"
Bei Espresso, leisen Gesprächen und dieser typischen Münchner Gelassenheit entsteht schnell eine Atmosphäre, in der nichts gestellt wirkt, sondern Gespräche einfach passieren - persönlich, nah und ohne große Bühne.
AZ: Frau May, der Tod von Günther Maria Halmer war für Sie sicher sehr traurig. Sie kannten ihn seit "Münchner Geschichten" - also seit über 50 Jahren.
MICHAELA MAY: Günther war ein außergewöhnlicher Schauspieler, aber für mich vor allem ein tiefer und treuer Freund. Eine so lange Freundschaft ist in unserem Beruf sehr selten. Umso schöner war es, dass wir auch nach all den Jahren noch gern miteinander gespielt haben und uns immer verbunden geblieben sind.
Wie haben Sie ihn immer wahrgenommen?
Günther war keiner, der allem und jedem gefallen wollte. Wenn ihm etwas nicht passte, hat er das gesagt. Und wenn man bei ihm durchs Raster gefallen ist, dann war es vorbei. Deshalb bin ich bis heute glücklich, dass ich nie durchs Raster gefallen bin (lacht).
Zwei prominente Todesfälle: "Habe das Gefühl, jetzt gehen sie alle"
Was hat diese Freundschaft über so viele Jahrzehnte stabil gehalten?
Viel zu verdanken ist das auch seiner Frau Claudia. Sie hat unsere Freundschaft privat immer gepflegt. Ich bin gar kein großer Anrufer, aber Claudia hat uns über die Jahre zusammengeschweißt. Beruflich hatten wir ohnehin immer wieder miteinander zu tun. Für mich ist das ein unersetzlicher Verlust. Zuletzt der Elmar (Wepper, d. Red.) und jetzt der Günther - langsam habe ich das Gefühl, jetzt gehen sie alle.
Was selten geworden ist: "Das ist für mich das alte München"
Wo hatten Sie zuletzt das Gefühl: Genau so fühlt sich das alte München an?
Am Viktualienmarkt. Wenn ich mit den Standlfrauen rede oder bei Fisch Witte bin. Das kenne ich noch aus meiner Jugend mit meiner Oma. Dieses Ratschen am Standl, Zeit haben beim Einkaufen, fragen, wie es dem Mann geht - das ist für mich das alte München. Zeit füreinander haben - das ist selten geworden. Auch in manchen Wirtshäusern spüre ich das noch. Im Fraunhofer oder im Hirschgarten zum Beispiel. Und in der Burg Pappenheim oder im Bratwurstherzl. Da habe ich immer noch das Gefühl: Das ist München.

"Münchens Charme kann nicht verschwinden": Dennoch fehlt Michaela May mittlerweile etwas
Schwabing hat doch viel von seinem ursprünglichen Charme verloren.
Münchens Charme kann nicht verschwinden. Die Lage dieser Stadt ist unerreichbar: die Seen, die Berge, Italien in der Nähe, die Biergärten, das Oktoberfest, das Leben draußen. Die Menschen haben immer noch Lust, zusammenzusitzen und Zeit miteinander zu verbringen. Diese Sehnsucht füreinander ist geblieben. Das ist etwas sehr Bayerisches. Trotzdem ist vieles glatter geworden. Schwabing war unser Hotspot - P1, Big Apple, Picknick, das waren meine ersten Kneipen. Was mir heute fehlt, sind die kleinen Läden in der Hohenzollern- und Leopoldstraße. Früher gab es fantasievolle Geschäfte, Künstler, verrückte Mode, echte Typen. Heute können sich oft nur noch große Ketten die Mieten leisten.
"Künstler hatten früher billigen Lebensraum"
War München früher frecher?
Ja. Künstler hatten damals billigen Lebensraum. Dadurch konnte sich diese freche Bohème entfalten. Wenn man das alles wegrationalisiert wie den Kunstpark Ost - wo soll die Frechheit herkommen? Künstler inspirieren eine Stadt. Wenn sie keinen Raum mehr haben, dann stirbt etwas ab.
Ist München für Sie persönlich ein Stück Heimatverlust geworden?
Viele Orte und auch Menschen verschwinden, das empfinde ich schon als traurig. Aber heimatlos fühle ich mich nicht. Heimat sind für mich vor allem die Menschen - meine Freunde und meine Familie, die mich über all die Jahre begleitet haben. Dadurch fühle ich mich München nach wie vor sehr verbunden.
"Heute mischt sich alles mehr - auch der Humor"
Hat denn München seinen Humor behalten oder ist dieser inzwischen vorsichtiger geworden?
Das Problem ist: Es gibt nicht mehr so viele Münchner. Früher gab es Stammtische wie bei meinen Großeltern im Bratwurstglöckl. Da wurde der bayerische Humor noch zelebriert. Heute mischt sich alles mehr - auch der Humor. Den ursprünglichen bayerischen Humor findet man eher noch draußen auf dem Land. Man muss schon etwas in die Peripherie gehen.
Gibt es Orte in München, wo Sie heute noch diese Originale treffen?
Am Viktualienmarkt, wo ich die Marktfrauen teilweise kenne. Überall da, wo noch echtes Münchnerisch gesprochen wird. Das ist leider selten geworden. Ich gehe gerne ins Ruffini. Es sind einzelne Blüten in manchen Läden, wie in meinem Lieblingsblumenladen. Aber so wie früher - ein Laden für Kleidung, wo ich jemandem vertraue - das gibt es kaum noch.
"München ist weicher als Berlin"
Wie hat sich München insgesamt verändert?
München ist irgendwie weicher als Berlin. Die Menschen gehen nicht so rau miteinander um - das merkt man meist schon, wenn man ins Taxi steigt.
Es gibt diese ganz typischen München-Momente.
Mit den Füßen in die Isar gehen. Ich liebe dieses Isar-Flimmern. Oder frühmorgens im Nymphenburger Park, wenn der Nebel über den Wiesen liegt. Da spüre ich meine Wurzeln. Da fühle ich mich ganz daheim.
Was den "Monaco Franze" so besonders gemacht hat
Der 'Monaco Franze‘ ist bis heute eine Kultfigur.
Der Monaco war ein Antiheld. Kein Muskelprotz, kein Angeber. Einer, der sich leise in die Herzen der Frauen hineingeschmeichelt hat. Er kam nie protzig daher, sondern eher beiläufig. Er passte nicht in das normale Männerbild - genau das hat ihn so besonders gemacht.
Gibt es eine Szene oder einen Satz, der Sie bis heute zum Schmunzeln bringt?
Wenn wir tanzen und ich zu ihm sage: "Mei Franzi, wie vor 15 Jahren." Oder: "Geduld ist bitter, aber ihre Frucht ist süß." Das vergesse ich nie. Und dann gibt es die Szene, in der er in meine Wohnung will und ich sage, dass nicht aufgeräumt ist. Da antwortet er: "Das macht gar nichts, Lilly. Bei mir ist es auch nicht aufgeräumt." Dann kommen wir rein - und plötzlich steht da meine kleine Edeltraud. Und er fragt: "Seit wann hast du eine kleine Edeltraud?" Danach muss er erst einmal beim Wickeln helfen. Solche Szenen vergesse ich nie.
"Helmut Fischer würde noch immer im Augustiner sitzen"
Würde der Monaco heute noch in Schwabing zurechtkommen?
Ja. Er würde immer seine Nische finden. Helmut Fischer würde noch immer im Augustiner sitzen, Menschen beobachten und sich seine Ecke suchen. Er würde sich die Menschen suchen, die ihn interessieren - die anderen würde er links liegen lassen.
"Hatten mehr Raum, Dinge auszuprobieren"
Was fehlt Ihnen heute am meisten aus dieser Zeit?
Solche Drehbücher. Helmut Dietl hat sie mit Zeit und Beobachtung geschrieben. Heute fehlt oft diese Zeit – auch beim Drehen. Wir hatten mehr Raum, Dinge auszuprobieren.
Sie spielen im aktuellen Kinofilm "Ein Münchner im Himmel". Was ist daran typisch münchnerisch?
Die Raffinesse des Bayerischen. Das Bayerische ist eine Haltung, ein anderes Denken. Meine Oma hat immer gesagt: "Der Bayer ist ausg‘fuchst!" (lacht) Erst einmal länger überlegen und dann einen charmanten Weg finden.
Michaela May freut sich über weniger Autos in der Stadt: Tram als Alternative
Kann München eigentlich himmlisch sein oder holt einen der Mittlere Ring dann schnell wieder ein?
Eine Stadt hat viel mit den Menschen zu tun, die man kennt. Weniger mit Straßen. Ich habe in München viele Wurzeln geschlagen. Deshalb bleibe ich hier. Und ich finde es schön, dass die Stadt immer weniger Autos zulässt. Ich habe die Tram 17 für mich neu entdeckt.
Ehemann von Michaela May ist Bernd Schadewald
Sie sind glücklich verheiratet. Zuletzt sprachen Sie darüber, dass Ihr Mann Ihre große Liebe ist. Was bedeutet Liebe und Leidenschaft für Sie heute?
Die Neugier aufeinander. Ehrlichkeit. Gemeinsam lachen und weinen können. Den anderen immer wieder neu entdecken – wie meine Liebe zu München.

Wenn Sie der jungen Michaela May heute begegnen würden – was würden Sie ihr sagen?
Lass dir Zeit. Schau genau hin und such dir die Menschen aus, die es wert sind.
Michaela May reicht es: Situation in den Kindergärten muss sich verändern
Eine letzte Frage: Was würden Sie gerne in München verändern?
Wenn ich etwas ändern würde, dann vor allem die Situation in den Kindergärten – das merke ich bei meinem Enkelkind. Es gibt viel zu wenig Erzieher, die dann oft auch noch krank sind, weil sie überarbeitet sind. Und jetzt sollen die Eltern auch noch mit höheren Gebühren belastet werden! Das betrifft vor allem die Mittelschicht – da geht die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter auseinander. Das tut der Münchner Gemütlichkeit nicht gut, wenn sich nur noch die Großkopferten leisten können, in dieser Stadt zu leben. Und das fängt bei der Familienpolitik an!