Margot Käßmann: "Öffentlichkeit eher eine Belastung"

Mit ihrem Buch "Mehr als Ja und Amen" hat Margot Käßmann viele Menschen begeistert. Mit spot on news spricht sie im Interview.
von  (hub/spot)
Kleine und große Schritte zu einer besseren Welt: "Mehr als Ja und Amen" von Margot Käßmann
Kleine und große Schritte zu einer besseren Welt: "Mehr als Ja und Amen" von Margot Käßmann © Adeo

Plädoyer für eine bessere Welt: Mit ihrem Buch "Mehr als Ja und Amen" hat Margot Käßmann viele Menschen begeistert. Mit spot on news spricht sie im Interview.

Deutschland - Wie können wir die Welt verbessern? Die bekannte evangelisch-lutherische Theologin und Pfarrerin Margot Käßmann hat in ihrem Buch "Mehr als Ja und Amen" (Adeo, 272 Seiten, 17,99 Euro) große und kleine Schritte aufgezeigt. Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news verrät die 55-Jährige, was sie über Barack Obama denkt, wie sich der Umgang mit dem Tod verändert hat und dass sie ihre Bekanntheit auch als Belastung sieht.

"Mehr als Ja und Amen: Doch, wir können die Welt verbessern" von Margot Käßmann gibt es hier

"Mehr als Ja und Amen. Doch wir können die Welt verbessern" ist zum Bestseller geworden. Ist das Buch Ihr persönlich wichtigster Beitrag, die Welt zu verbessern?

Margot Käßmann: Im Alltag versuche ich, kleine Beiträge zu leisten, in meinem Einkaufsverhalten etwa, als Schirmherrin der Kampagne gegen Rüstungsexporte, im Engagement für das Bleiberecht für eine Familie aus dem Iran. Das alles sind kleine Schritte. Mir geht es nicht um einen moralisch erhobenen Zeigefinger, sondern um eine Ermutigung, nicht zu verzagen angesichts der enormen Probleme, und am eigenen Ort zu schauen, was ich tun kann.

Sie plädieren dafür, dass Menschen durch kleine Schritte in ihrem eigenen Umfeld versuchen, etwas zum Guten zu verändern. Um für viele Menschen eine Verbesserung zu erreichen, muss die Politik aber eingreifen. Sind Sie enttäuscht, dass eine Partei, die sich "christlich" auf die Fahnen schreibt, so wenig gegen zunehmende Einkommensunterschiede zwischen Armen und Reichen oder gegen die geringe Wertschätzung von alten Menschen tut?

Käßmann: Es gibt Christinnen und Christen in allen Parteien und ich erwarte von Ihnen, dass sie entschieden für die Schwachen im Land: Alleinerziehende, Alte, Menschen mit Behinderungen und mit geringem Einkommen, Flüchtlinge eintreten.

Edward Snowden hat die Welt verändert - brauchen wir mehr Menschen mit seinem Mut? Sind Sie vom Friedensnobelpreisträger Obama persönlich enttäuscht?

Käßmann: Barack Obama hatte eine riesige Erwartungslast zu tragen, das Nobelpreiskomitee war da etwas merkwürdig schnell in der Entscheidung. In der Tat brauchen wir Menschen, die persönlich Verantwortung übernehmen und für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung eintreten.

Facebook und Dieter Bohlen sind vielen jungen Menschen näher als die Bibel. Wird unsere Welt in Zukunft noch oberflächlicher?

Käßmann: Es war schon immer so, dass die Älteren behaupten, früher sei alles besser gewesen. Ich sehe, dass Facebook den Begriff "Freundschaft" hohl werden lässt, aber ich habe großes Vertrauen in die Urteilsfähigkeit der nachwachsenden Generation.

Auch Papst Franziskus will die Welt vor allem für die Armen besser machen. Kann er zum Vorbild für alle Christen werden?

Käßmann: Auf jeden Fall! Ökumene wächst auch durch "Praktisches Christentum".

Sie sprechen sich auch dafür aus, mehr über den Tod zu reden. Das Buch "5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen" der australischen Sterbebegleiterin Bronnie Ware ist auch in Deutschland zum Bestseller geworden. Öffnen sich die Menschen mehr für dieses Thema?

Käßmann: Den Eindruck habe ich. Patientenverfügung, Betreuungsvollmacht, die Debatte um Organtransplantation und aktive Sterbehilfe, aber auch eine Messe zur Bestattungskultur und Trauerakademien sind Hinweise darauf. Und das ist gut so, denn wenn wir Sterben und Tod tabuisieren, ignorieren wir, was viele tief bewegt.

Eines der Dinge, die Sterbende laut Ware bedauern, ist, zu viel gearbeitet zu haben. Sie plädieren ebenfalls für eine Entschleunigung unseres Lebens. Wie gut gelingt es Ihnen, sich Zeit für sich selbst zu nehmen?

Käßmann: Seit meinem Rücktritt gelingt mir das viel besser. Ich kann gut allein sein und finde in meinem Häuschen an der Ostsee die Ruhe, die ich brauche, um seelisch Kraft zu schöpfen.

Als öffentliche Person erreichen Sie mit Ihren Botschaften viele Menschen, gleichzeitig schreiben Sie auch, Sie konnten private Angelegenheiten wie ihre Scheidung oder Ihre Brustkrebs-Erkrankung nicht verheimlichen. Haben Sie Ihre Bekanntheit jemals bereut?

Käßmann: Ganz bestimmt! Ich habe immer versucht, Persönliches, was nicht zu verbergen war, und Privates, das niemanden etwas angeht, zu trennen. Aber für mich ist Öffentlichkeit eher eine Belastung, ich bin sehr froh, dass ich heute zurückgezogener leben kann.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch, man solle inne halten und sich fragen: Wie würde ich mein Leben rückwärts gesehen, gern gelebt haben? Sind Sie mit Ihrem bisherigen Weg zufrieden?

Käßmann: Ich bin sehr, sehr dankbar für mein Leben: Dass ich als Frau in einem freien Land und ohne Krieg aufwachsen konnte, vier Töchter und eine Enkeltochter habe und einen Beruf ausüben darf, der mit Menschen und Glauben zu tun hat. Das alles ist ein Privileg, das ist mir bewusst.