Nuklearexperte: Endlager erst 2050 in Betrieb

Ende 2022 soll die Ära der Atomkraft in Deutschland enden. Doch wegen des fehlenden Endlagers werden an den AKW-Standorten noch lange hoch radioaktive Abfälle gelagert werden müssen, sagt ein Fachmann.
| dpa
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Im Atommülllager Asse lagern seit mehr als 50 Jahren Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen, die geborgen werden müssen, weil Wasser eindringt.
Im Atommülllager Asse lagern seit mehr als 50 Jahren Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen, die geborgen werden müssen, weil Wasser eindringt. © Ole Spata/Ole Spata
Augsburg

Hoch radioaktive Abfälle aus den deutschen Atomkraftwerken werden wegen eines fehlenden Endlagers voraussichtlich noch weit über ein halbes Jahrhundert an den AKW-Standorten verbleiben müssen.

Davon geht der Ingenieur und Nuklearexperte Michael Sailer aus, der bis 2019 die Entsorgungskommission des Bundes leitete. Damit würde dann auch die genehmigte Betriebsdauer der 16 Zwischenlager in Deutschland weit überschritten werden. Sailer geht davon aus, dass die Einlagerung der Nuklearabfälle in das geplante Endlager erst um das Jahr 2080 abgeschlossen werden kann.

Nach dem Aus für das ehedem geplante Endlager im niedersächsischen Gorleben hat sich der Bund per Gesetz zur Auswahl eines neuen Standorts bis 2031 verpflichtet. "Danach kommen Genehmigungsverfahren und Bau", sagte Sailer der Deutschen Presse-Agentur in Augsburg. "Das wird geschätzt 20 Jahre dauern, dann haben wir 2050." Anschließend könne das Endlager in den Probebetrieb gehen.

Genehmigungsdauer bis 2045/46

"Wir haben 16 Zwischenlager in Deutschland, in denen hoch radioaktiver Müll gelagert wird", sagte Sailer. "Bei den meisten läuft die Genehmigungsdauer 2045/46 ab" - wie auch auf der Webseite des Betreibers nachzulesen, der Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ). Nach vernünftiger Schätzung könne es ungefähr 30 Jahre dauern, bis alle Behälter aus den Zwischenlagern ins Endlager gebracht seien. "Das heißt, dass die Einlagerung im Endlager von 2050 bis 2080 dauern wird", sagte Sailer, der bis 2019 auch dem Freiburger Öko-Institut vorstand.

Die dahinter stehende Kalkulation: "Wir werden insgesamt in den 16 Zwischenlagern etwa 1800 bis 1900 Castoren haben, die in das Endlager gebracht werden müssen", sagte der Ingenieur. Dort müssten abgebrannte Brennelemente und verglaste Abfälle in einer geschützten Anlage in die Endlagerbehälter umgefüllt werden.

Laut Standortauswahlgesetz (StandAG) soll das Endlager so sicher sein, dass Mensch und Umwelt eine Million Jahre lang vor Strahlung geschützt sind. "In einer Abschätzung gehe ich davon aus, dass in einen Endlagerbehälter nur ein Drittel der Abfälle eines Zwischenlagerbehälters passen wird", sagte Sailer. "Also könnten es etwa 6000 Endlagerbehälter werden."

Realistisch müsse man davon ausgehen, "dass nur etwa ein Behälter pro Tag im Endlager eingelagert werden kann, das muss ja alles doppelt und dreifach gecheckt werden", so Sailer.

Zwischenlager für 40 Jahre

Genehmigt sind die Zwischenlager der Atomkraftwerke jedoch nur für eine Betriebsdauer von 40 Jahren. "Über diese 40 Jahre hinaus haben wir keine Erfahrungswerte, und es gibt eigentlich auch keine Möglichkeit der Vorausberechnung." Das ist nach Einschätzung des Ingenieurs problematisch. "Eine Schwachstelle ist das Dichtungssystem zwischen Behälterkörper und Deckel."

"Das zweite Problem ist die Überwachung der Dichtungssysteme. Das ist eine höchst komplizierte feinmechanische Anlage, die mit ganz kleinen Bauteilen die Druckdifferenz misst", sagte Sailer. Da müsse man sich zwei Dinge fragen: "Wie lange hält die? Und wenn ich Teile austauschen muss, gibt es überhaupt noch Hersteller, die das können? Das ist eine Technologie, die man heute sonst nicht mehr braucht."

Sailer forderte die Politik auf, sich frühzeitig mit einer Verlängerung der Zwischenlagerung zu beschäftigen. "Es wäre fatal, wenn man erst 2040 mit den Forschungen und Überlegungen zur Zwischenlagerung beginnen würde." Sailer zufolge wird es Jahre dauern, bis es halbwegs belastbare Ergebnisse gibt. "Aus meiner Sicht wäre es auch gut, wenn man die Genehmigungsverfahren für die Verlängerung der Betriebsdauer zehn Jahre im Voraus beginnt."

Sailer appellierte an die BGZ, an den Standorten das Gespräch mit den Bürgern zu suchen. "Meine Erfahrung ist, dass aus der Öffentlichkeit manchmal wenig zielführende Fragen kommen, manchmal kritische Fragen - aber auch viele Fragen, die sich die Fachleute nicht gestellt haben, die sich aber als fachlich wichtig herausgestellt haben."

© dpa-infocom, dpa:211018-99-634671/5

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