Interview

Machtwechsel in den USA? "Auch mit Biden wäre nicht alles wieder gut"

Sollte der Demokrat ins Weiße Haus einziehen, würde sich zwar der politische Umgangston ändern - viele Probleme blieben jedoch bestehen, sagt ein LMU-Experte
von  Ralf Müller
Joe Biden, demokratischer Präsidentschaftskandidat und ehemaliger US-Vizepräsident, spricht bei einer Wahlkampfveranstaltung auf dem Festplatz Iowa State Fairgrounds.
Joe Biden, demokratischer Präsidentschaftskandidat und ehemaliger US-Vizepräsident, spricht bei einer Wahlkampfveranstaltung auf dem Festplatz Iowa State Fairgrounds. © Andrew Harnik/AP/dpa

München - Der gebürtige Würzburger Michael Hochgeschwender(58) ist Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte, Empirische Kulturforschung und Kulturanthropologie an der LMU. Mit der AZ hat er über die US-Wahl gesprochen.

Der gebürtige Würzburger (58) ist Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte, Empirische Kulturforschung und Kulturanthropologie an der LMU. Michael Hochgeschwender
Der gebürtige Würzburger (58) ist Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte, Empirische Kulturforschung und Kulturanthropologie an der LMU. Michael Hochgeschwender © LMU

AZ: Herr Professor Hochgeschwender, nachdem 2016 alle Demoskopen fälschlicherweise einen Sieg von Hillary Clinton bei den US-Präsidentenwahlen vorhergesagt haben, wagt jetzt kaum einer eine Voraussage. Sie vielleicht?
MICHAEL Hochgeschwender: Es kann zwischen einem knappen Sieg von Donald Trump und einem Erdrutsch-Sieg für Joe Biden alles rauskommen. Entscheidend sind die Umfragen in den Battleground-States. Da geht es momentan hin und her. Im Unterschied zu 2016 liegt der demokratische Bewerber Biden in Umfragen stabiler als damals Clinton, bei der es große Ausschläge gab. Biden ist stets acht bis zehn Prozentpunkte vor Trump. Das deutet darauf hin, dass er Chancen hat, zu gewinnen - ganz vorsichtig ausgedrückt.

Chaos nach US-Wahl? "Trump wird es nicht zu diesem Exzess kommen lassen"

Acht bis zehn Prozent Vorsprung reichen nicht für eine sichere Prognose?
So kurz vor den Wahlen wie derzeit war 2016 Hillary Clinton im Sturzflug. Sie hat vorher dauernd geführt, aber sie brach zwei Wochen vor der Wahl total ein. Das passiert bei Biden derzeit nicht. Das spricht eher für die Chancen von Biden.

Trump hat ja bereits mehrmals angedeutet, er würde eine Niederlage nicht akzeptieren. Was nehmen Sie für diesen Fall an?
Ich persönlich halte ihn eigentlich nicht für mutig und bin nicht sicher, ob er es zu diesem Exzess kommen lassen wird. Er wird auf alle Fälle alle Tricks versuchen, um das Weiße Haus nicht räumen zu müssen. Je deutlicher ein Sieg von Biden wäre, desto eher wird er freiwillig das Weiße Haus räumen. Je knapper der Wahlausgang, desto eher wird es zum Supreme Court gehen.

Also ist viel von dem, was Trump von sich gibt, Theaterdonner?
Wobei die Gefahr besteht, dass der Theaterdonner von manchen ernst genommen wird. Ich gehöre nicht zu denen, die glauben, dass in den USA ein Bürgerkrieg ausbricht, aber es kann durchaus zu Unruhen kommen. Es gibt auf beiden Seiten gewalttätige Gruppen. Wenn man das Land halbwegs friedlich halten möchte, ist die Rhetorik von Trump nicht die richtige. Aber das ist nicht das Interesse, das Trump hat. Er will großartig dastehen und versucht, sich selbst als unbesiegbar zu inszenieren. Das könnte zum Problem werden.

"Gewalttätige Unruhen können zum Flächenbrand werden"

Wie man sehen kann, sind in den USA da und dort schwer bewaffnete Gruppen unterwegs. Das sieht doch ein bisschen nach Bürgerkrieg aus.
Ein Bürgerkrieg setzt wie beim amerikanischen Bürgerkrieg 1861 bis 1865 voraus, dass beide Seiten Militär und relativ abgrenzbare Gebiete haben. Das gibt es heute nicht. Viel wahrscheinlicher sind terroristische Aktionen, gewalttätige Unruhen, die man in den USA als "Riots" bezeichnet. Die können größere Ausmaße haben und zum Flächenbrand werden, aber das ist noch kein Bürgerkrieg. Das sind Dinge, die man mit der Polizei und notfalls mit dem Militär unter Kontrolle bringen kann. Wichtig ist, dass sich das Militär sehr eindeutig aufseiten der Verfassung positioniert hat.

Gibt es am meisten Ärger, wenn Trump knapp verliert?
Ja. Wenn er deutlich verliert, also Pennsylvania, Florida, Georgia und Texas an die Demokraten abgeben muss, dann war es das. Dann wird Trump ein paar böse Reden halten, aber keinerlei Chancen haben. Wenn es so knapp wird wie 2000 zwischen Bush und Gore, wird es endlos Ärger geben und dann geht es gar nicht anders, als über den Supreme Court zu arbeiten.

. . .der dann eine klare republikanische Mehrheit hätte.
Dennoch sind es in erster Linie Richter und keine Parteisoldaten. Sie werden die Spannbreite dessen, was ihnen zur Verfügung steht, sicher in einem konservativen Sinne ausnutzen. Aber sie werden nicht das Recht beugen, damit Trump Präsident bleibt. Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Die Senatswahlen stehen im Schatten der Präsidentenwahl, sind aber wichtig. Was kann Trump noch bewirken, wenn die Republikaner die Mehrheit im Senat verlieren?
Wenn man sich die Umfragen ansieht, besteht eine Chance, dass die Demokraten einige Senatssitze übernehmen und dann eine Mehrheit von 51 zu 49 erhalten. Wenn die Demokraten den Kongress übernehmen würden, hätte Trump, wenn er wiedergewählt würde, ein echtes Problem.

"Auch Biden wird amerikanische wirtschaftliche Interessen an die erste Stelle setzen"

Es sieht so aus, als ob fast die ganze Welt - vielleicht mit Ausnahme Russlands und Nordkoreas - auf eine Abwahl Trumps hofft. Machen wir uns etwas vor, wenn wir uns einreden, mit einem Präsidenten Biden wäre wieder alles gut?
Auf keinen Fall wäre alles gut. Schon unter Obama war nicht alles gut. Was sich ändern würde, ist die Tonlage. Vieles, was jetzt an bösem Blut da ist, ist auch ein Produkt der Tonlage. Aber die Deutschen wissen genau, dass die Amerikaner bestimmte Interessen haben und dass sie erwarten, dass wir beispielsweise mehr Geld für Rüstung ausgeben. So ganz vernünftig ist das auch nicht, denn die Amerikaner geben jetzt schon mehr Geld für Rüstung aus als die nächsten zehn Staaten zusammen. Dennoch haben wir zugestimmt, dass wir mehr Geld für Rüstung ausgeben - und machen es partout nicht. Da muss man sich nicht wundern, dass es Ärger gibt. Die Frage ist nur, muss man den Ärger wie Trump austragen, indem man alles kaputt macht?

Wird Protektionismus auch von Biden gepflegt werden?
Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass ökonomischer Nationalismus zunehmend um sich greift. Für Deutschland, das vom Welthandel profitiert, ist das ein Problem. Auch Biden wird amerikanische wirtschaftliche Interessen an die erste Stelle setzen. Auch dabei geht es um den Ton. Mit Biden wird man zumindest wieder reden können, auch wenn nicht alles Sonnenschein werden wird.

Haben wir in Deutschland von Donald Trump ein halbwegs objektives Bild oder ist es gefiltert durch "Fake Medias"?
Wir haben schon ein leicht gefiltertes Bild. Unsere Medien-Eliten sind eher mit den liberalen Medien-Eliten in den USA verbandelt - und nicht mit Fox News. Wenn man Fox News sieht oder konservative Blogs liest, bekommt man ein ganz anderes Bild über den heldenhaften Trump. Aber selbst die schaffen es nicht, aus ihm einen großartigen Präsidenten zu machen. Es bleibt eben die Tatsache, dass Trump unglaublich viel lügt, dass er Dinge verkündet, die schlicht nicht stimmen. Man muss alles, was er sagt, genau prüfen, ob es stimmt. Und meistens stimmt es nicht. Dieses Bild ist durchaus korrekt: Er lügt notorisch. Das tun viele Politiker, Trump tut es in einer besonders drastischen Weise, weil er selbst offenkundige Dinge in Frage stellt. Das zeichnet keinen großen Präsidenten aus.