Joachim Gauck: Der Richtige

Schon 2010 war er bei den Deutschen beliebter als Christian Wulff: Joachim Gauck galt und gilt als idealer Kandidat für den Posten des Bundespräsidenten. Ein Porträt
von  John Schneider
Hand aufs Herz: Den Job hat er sicher. Joachim Gauck bedankt sich am Freitag in Koblenz nach einer Lesung beim Publikum.
Hand aufs Herz: Den Job hat er sicher. Joachim Gauck bedankt sich am Freitag in Koblenz nach einer Lesung beim Publikum. © dapd

Schon 2010 war er bei den Deutschen beliebter als Christian Wulff: Joachim Gauck galt und gilt als idealer Kandidat für den Posten des Bundespräsidenten. Der 72-jährige ehemalige DDR-Bürgerrechtler ist integer und freiheitsliebend. Ein Porträt

Ein Mann des Dialogs war er schon immer, er gilt als integer und redlich, beliebt und unparteiisch: Schon vor gut anderthalb Jahren war Joachim Gauck (72) für viele der Kandidat der Herzen. Gauck war bereits vor der Bundespräsidentenwahl 2010 bei den Deutschen beliebter als Christian Wulff. Er schien perfekt dem Anforderungsprofil eines Bundespräsidenten zu entsprechen. Der in Rostock geborene evangelische Pastor und Bürgerrechtler war durch seine Rolle in der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit in den Jahren 1990 bis 2000 bundesweit bekannt geworden.

Die Stasi-Unterlagen-Behörde bekam im Volksmund sogar seinen Namen. Dabei war sein eher pragmatischer Kurs im Umgang mit ehemaligen Stasi-Mitarbeitern zunächst auch stark kritisiert worden. Im Jahr 2000 wurde er nach zwei Amtszeiten an der Spitze der „Gauck-Behörde“ von Marianne Birthler abgelöst.

Für Joachim Gauck war das die Chance, sich als Publizist und Vorsitzender der Vereinigung „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ gesellschaftspolitisch zu engagieren. Eines seiner Ziele: die Errichtung eines Zentrums gegen Vertreibungen in Berlin.

Freiheit ist immer eines seiner großen Themen gewesen. Manchmal gewürzt mit etwas Pathos. Zum Tod der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley sagte er: „Deutschland hat eine Liebhaberin der Freiheit verloren, und ich wünschte mir, sie würde viele Menschen anstecken mit dieser Liebe zur Freiheit und auch dazu, eine eigene Meinung zu haben und sie laut und deutlich zu vertreten.“

Ein Grund für seine Freiheitsliebe liegt in seiner Vergangenheit: Sein Vater, ein Kapitän, verschwand für lange Zeit in einem Lager in Sibirien, als Gauck sechs Jahre alt war. Gauck verweigerte sich den Jugendorganisationen der DDR und als evangelischer Pastor erlebte er später, wie das DDR-Regime brutal gegen Kirchenmitglieder vorging. Als sich 1989 in der Bevölkerung der Widerstand gegen die Führung formierte, führte Gauck als Sprecher des Neuen Forums in Rostock Demonstrationen an.

Liiert ist Gauck seit elf Jahren mit der Nürnberger Journalistin Daniela Schadt. „Schmeiß' gleich dein Handy weg“, soll sie Joachim Gauck nach dem Rücktritt Horst Köhlers als Bundespräsident geraten haben. Warum? „Dich fragen sie doch als ersten“, war sie sich sicher.

Und sie behielt Recht. Gefunkt hatte es zwischen den beiden, als Gauck in Nürnberg eine Stasi-Ausstellung eröffnete. Verheiratet sind die beiden nicht. Dafür müsste sich der ehemalige Pastor erst scheiden lassen. Von der Mutter seiner vier erwachsenen Kinder lebt der 72-Jährige getrennt. Die Ehe ging in den Wende-Turbulenzen um 1990 in die Brüche, als Gauck einer der führenden DDR-Bürgerrechtler war.

„Schnelle Hochzeit ausgeschlossen, spätere nicht unbedingt“, hatte Gauck für den Fall des Sieges bei der Bundespräsidentenwahl gesagt. Vielleicht erinnert er sich ja jetzt daran.
Daniela Schadt wird aber wohl nicht so oft das Licht der Öffentlichkeit suchen wie ihre glamouröse Vorgängerin Bettina Wulff. „Ich muss nicht überall mit und als schmückendes Beiwerk dienen“, sagte die 51-Jährige einmal.

Schon bei der Wahl 2010 war Gauck nur denkbar knapp gescheitert. Damals fuhr er noch auf dem Ticket der rot-grünen Opposition. Doch selbst seinen politischen Gegnern fiel es schon damals schwer, Argumente gegen den charismatischen Freiheitsprediger zu finden.

Das war jetzt nicht anders. Dennoch blieb Joachim Gauck bis zuletzt völlig gelassen. „Mein Terminkalender ist gut gefüllt und ich bin ein beschäftigter, glücklicher Mann“, erklärte er noch am Freitagabend, kurz nach nach Wulffs Rücktritt.

Was er in seinem neuen Amt nicht zu tun gedenkt, hat er bereits 2010 erklärt: „Ich würde in der Tradition all derjenigen Bundespräsidenten stehen, die sich gehütet haben, die Politik der Bundesregierungen zu zensieren. Mancher wünscht sich ja einen Bundespräsidenten wie einen Kaiser, als letzte Instanz über allem – das darf er nicht sein.“ Er sieht seine Rolle anders: „Als Repräsentant des ganzen Volkes kann der Bundespräsident zwischen den Regierten und den Regierenden vermitteln und zu einer besseren Verständigung zwischen ihnen beitragen.“