Jemen-Krieg ohne Ende in Sicht

Drei, vier oder gar fünfmal sind einige Familien vertrieben worden, die im Krieg im Jemen ins Kreuzfeuer kamen. In einer Offensive greifen die Huthi-Rebellen jetzt nach dem ganzen Norden - oder nach dem ganzen Land.
| Johannes Sadek, dpa
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Polizisten stehen im November 2021 am Ort eines saudi-geführten Luftangriffs in Sanaa.
Polizisten stehen im November 2021 am Ort eines saudi-geführten Luftangriffs in Sanaa. © Hani Al-Ansi/dpa
Sanaa

Die Bilanzen des Krieges kommen täglich, meist gegen Mittag: Acht Zivilisten bei Raketenangriff auf eine Schule getötet. Mehrere Brücken durch Sprengsätze zerstört. Fünf Frauen bei Beschuss getötet. Funkmast bei Luftangriff zerstört. Zwei Kinder durch Handgranate getötet.

Beim Civilian Impact Monitoring Project, das zivile Opfer des Bürgerkriegs im Jemen zählt, sind Tod und Verwüstung zum Alltag geworden - verpackt in knappe, sachliche Einzeiler.

Lebensmittelrationen für Notleidende werden gekürzt

Seit Jahren wird der Jemen von einem bewaffneten Konflikt zerrissen. Er spielt an der schmalen Küstenebene, in Städten und Dörfern, in rauen Bergen und Wüstenplateaus. Staat und Wirtschaft sind weitgehend kollabiert, Millionen Familien halten sich nur noch mit dem Essen, Medizin und Bargeldzahlungen von Hilfsorganisationen über Wasser. Trotz Hungerkrise muss nun aber das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) Lebensmittelrationen für Notleidende im Land kürzen. Dem WFP fehlt Geld.

Durch den Krieg kamen dem Analyseprojekt ACLED zufolge mehr als 145.000 Menschen ums Leben. Zählt man auch indirekte Kriegsfolgen dazu, sind es laut UN eher doppelt so viele Todesopfer.

Ein Ende des Leids ist 2022 nicht in Sicht - im Gegenteil. Die vom Iran unterstützen Huthi-Rebellen greifen bei Kämpfen in diesen Wochen nach Marib, der letzten Stadt, die im Norden noch von der Regierung kontrolliert wird. Es ist ein Versuch, womöglich das ganze - in Trümmern liegende - Land einzunehmen. Das Militärbündnis um Saudi-Arabien, das die Huthis zurückdrängen will, reagiert mit schweren Bombardements. Ende Dezember erklärte die Koalition, allein in diesem Jahr 30.000 Kämpfer der Huthis getötet zu haben. Diese rücken derzeit von Süden und Westen weiter an Marib heran.

Chancen auf eine politische Lösung sinken

"Die Eskalation der letzten Wochen gehört zu den schlimmsten, die wir im Jemen seit Jahren erlebt haben", warnte kürzlich der UN-Vermittler für den Jemen, Hans Grundberg. "Die Bedrohung für das Leben von Zivilisten nimmt zu." Die anhaltenden Kämpfe um Marib untergraben Grundberg zufolge auch die Chancen auf eine politische Lösung des Konflikts. "2021 endet tragisch für die Jemeniten."

Für Familien wie die von Salih al-Asudi ist es ein Dauerlauf um das eigene Überleben im Zyklus immer neuer Vertreibungen. Er und seine 14-köpfige Familie haben seit 2015 in drei Flüchtlingscamps gelebt, zunächst in der Nähe des Staudamms von Marib, wie er der Nachrichtenseite "New Humanitarian" erzählt. "Wir wurden immer mehr. Tausende Familien ließen sich am Damm von Marib nieder. Wir hatten nichts außer Wasser." Um Marib lebten Anfang 2021 schon geschätzt 800.000 Vertriebene. Seit September wurden fast 50.000 erneut vertrieben.

Ursprünglich wollte Saudi-Arabien den Einfluss seines Erzrivalen Iran zurückdrängen, als es 2015 mit Bombardements im Jemen begann. Die UN haben zunehmend Beweise dafür, dass die Huthis aus dem Iran unter anderem "bedeutende Mengen Waffen und Bauteile" erhalten. Aber für Saudi-Arabien, nach dem Mord am Journalisten Jamal Khashoggi ohnehin international isoliert, ist der Krieg zum immer größeren Problem geworden. Waffendeals mit den USA oder Großbritannien werden von viel Kritik begleitet mit Blick auf den Jemen. Deutschland hat auch wegen dieses Krieges einen Exportstopp gegen Saudi-Arabien verhängt.

Raketenangriffe im Wochentakt

Jeder weitere Monat Krieg vor der eigenen Haustür wird für Riad einer zu viel. Die Huthis greifen Saudi-Arabien aus dem südlichen Nachbarland inzwischen oft wöchentlich mit Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen an, und dem Königreich geht bei der Verteidigung offenbar die Munition aus. Es habe Verbündete in den USA, am Golf und in Europa daher um Nachschub gebeten, berichtete das "Wall Street Journal" kürzlich unter Berufung auf Regierungsquellen. "Hohe Kosten und Risiken ohne jegliche Aussichten auf einen Sieg", meint Experte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Im Süden und Westen positionierten sich Truppen Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate, ebenfalls Partner im Bündnis, zuletzt neu. Laut Gregory Johnsen, Ex-Mitglied im UN-Expertengremium für den Jemen, ein sicheres Zeichen dafür, dass beide Länder sich aus dem Konflikt zurückziehen wollen. Nachdem beide sich dem Iran in vorsichtiger Diplomatie annähern, wirke es, als könnten Riad und Abu Dhabi gar an einem eigenen Jemen-Deal mit Teheran arbeiten. Einen umfassenden Frieden haben bisher weder die UN noch die USA aushandeln können.

Die Jemeniten versuchen unterdessen, trotz der Gewalt irgendwie ihr Leben zu leben. So wie die Journalistin Rascha Abdullah al-Harasi, die sich am Abend des 9. November in Aden im Südjemen mit ihrem Mann ins Auto setzte, hochschwanger und kurz davor, ein Baby zur Welt zu bringen. Bei der Fahrt ins Krankenhaus explodierte ein Sprengsatz am Fahrzeug, offenbar ein Attentat auf ihren Mann, ebenfalls Journalist. Die 27-Jährige und das Ungeborene waren sofort tot.

Hinweis: Diese Meldung ist Teil eines automatisierten Angebots der nach strengen journalistischen Regeln arbeitenden Deutschen Presse-Agentur (dpa). Sie wird von der AZ-Onlineredaktion nicht bearbeitet oder geprüft. Fragen und Hinweise bitte an feedback@az-muenchen.de

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