Trauer in Frankreich: Ex-Präsident Giscard d'Estaing tot

Frankreichs Altpräsident Valéry Giscard d'Estaing galt als Reformer und Europafreund. Er stärkte das deutsch-französische Tandem. Nun starb er 94-jährig - an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung.
| dpa
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Der frühere französische Staatspräsident Valery Giscard d'Estaing kommt 2014 zum Europa Forum der Konrad Adenauer Foundation in Berlin.
Der frühere französische Staatspräsident Valery Giscard d'Estaing kommt 2014 zum Europa Forum der Konrad Adenauer Foundation in Berlin. © Stephanie Pilick/dpa
Paris

Staatschef Emmanuel Macron nannte den Amtsvorgänger einen fortschrittlichen Staatsmann: "Die Ausrichtungen, die er Frankreich gegeben hat, leiten (immer) noch unsere Schritte", teilte der Élyséepalast mit.

Macron wurde 1977 geboren - mitten in der Amtszeit von Giscard d’Estaing, die von 1974 bis 1981 reichte. Macron kündigte am Abend in einer TV-Ansprache einen nationalen Trauertag für kommenden Mittwoch an. Aus Bescheidenheit habe der frühere Staatschef sich keine nationale Trauerfeier gewünscht, er werde daher im engsten Familienkreis beerdigt. "Sein Vermächtnis der Moderne wird bleiben", sagte Macron.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hob die Bedeutung des Ex-Präsidenten für Deutschland und Europa hervor. "Mit Valéry Giscard d'Estaing hat Frankreich einen Staatsmann, Deutschland einen Freund und haben wir alle einen großen Europäer verloren", zitierte sie Regierungssprecher Steffen Seibert auf Twitter.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen würdigte Giscard, wie er häufig in Frankreich genannt wird, als großen Europäer: "In seinem Herzen waren die Schicksale Frankreichs und Europas eng verknüpft", schrieb sie auf Twitter. Das Vermächtnis des Altpräsidenten sei sein Beitrag zur europäischen Integration und zur Zusammenarbeit zwischen den führenden Industrienationen, erklärte der Sprecher von UN-Generalsekretär António Guterres.

Giscard d'Estaing war erst Mitte November nach einem fünftägigen Aufenthalt aus dem Krankenhaus im westfranzösischen Tours entlassen worden. Bereits im September war der einst mächtigste Franzose in einem Pariser Krankenhaus wegen einer leichten Lungenentzündung behandelt worden. Nach damaligen Informationen aus seinen Mitarbeiterstab schlossen die Ärzte damals eine Coronavirus-Infektion aus. Er werde im Familienkreis beigesetzt, hieß es aus seinem Umfeld. Ein Termin wurde zunächst nicht genannt.

Der Altpräsident hatte sich in der französischen Öffentlichkeit bis ins hohe Alter zu EU-Fragen geäußert. Noch im September vergangenen Jahres war der Zentrumspolitiker bei der Trauerfeier für seinen konservativen Nachfolger Jacques Chirac in Paris gewesen.

Sein Tod löste in Frankreich viele Emotionen und Reaktionen zahlreicher Politiker aus. "Adieu Monsieur le Président", schrieb Bildungsminister Jean-Michel Blanquer. "Die Geschichte hat diesem unverstandenen Präsidenten noch nicht Gerechtigkeit erfahren lassen", resümierte die Tageszeitung "Le Parisien".

In den 1970er Jahren bildete er mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) ein medienwirksames deutsch-französisches Duo. Der Franzose hatte auch persönlich eine enge Beziehung zu Deutschland. Er wurde am 2. Februar 1926 in Koblenz im damals französisch besetzten Rheinland geboren.

Nach dem Tod von Präsident Georges Pompidou wurde er im Alter von 48 Jahren in das höchste Staatsamt gewählt. Er machte sich mit Reformen einen Namen, unter anderem mit der Liberalisierung des Ehe- und Abtreibungsrechts.

Von 2002 an führte Giscard d'Estaing den EU-Reformkonvent, der zur Erneuerung der Europäischen Union einen Verfassungsentwurf vorlegte. Mit dem Nein der Franzosen und der Niederländer bei Volksabstimmungen im Jahr 2005 scheiterte das Vorhaben jedoch spektakulär. Danach übernahm der EU-Vertrag von Lissabon wichtige Regelungen der abgelehnten Verfassung. 2003 erhielt der Europapolitiker den Karlspreis der Stadt Aachen.

Der CDU-Politiker Armin Laschet, der auch Bevollmächtigter Deutschlands für kulturelle Angelegenheiten in der deutsch- französischen Zusammenarbeit ist, würdigte den Verstorbenen auf Twitter: "Bei den Beratungen zur Europäischen Verfassung habe ich Valéry Giscard d'Estaing, den früheren Staatspräsidenten Frankreichs, erlebt als einen leidenschaftlichen Visionär mit pragmatischem Gespür für das Machbare. Er war ein Freund Deutschlands, der Europa fehlen wird."

Giscard d'Estaing nahm im Juni zu einem gegen ihn erhobenen Vorwurf der sexuellen Belästigung Stellung. "Das ist alles grotesk", sagte er dem französischen Radiosender RTL. Eine Reporterin des WDR hatte ihm vorgeworfen, sie sexuell belästigt zu haben. Er habe ihr "nach einem Interview, das ich mit ihm im Dezember 2018 in Paris geführt habe, mehrfach an das Gesäß gefasst", hatte Ann-Kathrin Stracke der Deutschen Presse-Agentur gesagt. Sie bestätigte, Strafanzeige wegen sexueller Belästigung gestellt zu haben. Die Pariser Staatsanwaltschaft nahm eine Untersuchung auf. Auf Anfrage war am Donnerstag kein Stand der Ermittlungen zu erfahren.

© dpa-infocom, dpa:201202-99-551131/9

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