Druck für Impfstart in Praxen wächst

Warten auf den schützenden Stich in der Praxis: Die Hausärzte sagen, sie könnten sofort loslegen beim Impfen. Doch entscheidend ist, wann es genug Corona-Impfstoff gibt. Das ist nicht klar.
| Von Basil Wegener und Sascha Meyer, dpa
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
Artikel empfehlen
Die Bundesregierung will "schnellstmöglich in einer Kombination von Impfzentren und Hausärzten den Impfstoff an die Bürger bringen".
Die Bundesregierung will "schnellstmöglich in einer Kombination von Impfzentren und Hausärzten den Impfstoff an die Bürger bringen". © Hannibal Hanschke/Reuters/Pool/dpa
Berlin

Trotz wachsenden Drucks für einen schnellen Start in Deutschlands Arztpraxen dürfte sich ein kräftiger Anschwung für die Corona-Impfungen noch mehrere Wochen hinziehen.

Die Bundesregierung hat mangels Prognosen einiger Hersteller noch keine Sicherheit über die genauen Impfstoff-Lieferungen im April, wie Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Freitag mitteilte. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten wollen an diesem Mittwoch den Fahrplan für die Praxen festlegen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mahnte, rasches Impfen nicht mit zu vielen Regelungen zu erschweren.

Ziel der Bundesregierung sei, "schnellstmöglich in einer Kombination von Impfzentren und Hausärzten den Impfstoff an die Bürger zu bringen", sagte ihr Sprecher Steffen Seibert. Dafür müsse beraten werden, wie ein Einstieg der Hausärzte in die Impfkampagne ab Anfang oder Mitte April zu organisieren sei. Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern peilen dies spätestens für die Woche vom 19. April an - oder früher, sollten dies die Liefermengen zulassen.

Spahn sagte, für einen flächendeckenden Start in Praxen müsse genug Impfstoff da sein. Die Länder hätten darauf bestanden, im April 2,25 Millionen Impfungen pro Woche in ihren regionalen Impfzentren zu machen. Daher sei es eine einfache Rechnung, warum dann weiterer Impfstoff im Millionenumfang für den Start in Praxen nötig ist: Wenn 50.000 Praxen mitmachten und sich auf die geringe Menge von je 20 Impfungen pro Woche beschränkten, bräuchten sie schon eine Million Dosen. Schon heute würden aber Praxen in Impfungen eingebunden - etwa in Berlin, Vorpommern, Hamburg und dem Saarland. Dies geschehe, damit sich etwa Krebspatienten vom eigenen Arzt impfen lassen können.

Bei den Impfstoffmengen gibt es aber Unsicherheiten. "Wir wissen noch nicht abschließend von allen Herstellern alle Lieferdaten im nächsten Monat", sagte Spahn mit Blick auf Astrazeneca und Moderna. Im ganzen zweiten Quartal sollten 60 Millionen Dosen nach Deutschland kommen - davon 40 Millionen von Biontech/Pfizer, von denen es aktuelle Daten gebe. Spahn warb für Verständnis fehlender weiterer Prognosen: Die Hersteller produzierten rund um die Uhr. Lagerhaltung gebe es nicht. Jede Unsicherheit im Ablauf könne Pläne durcheinander wirbeln.

Bisher wurden laut Bundesgesundheitsministerium 12,5 Millionen Dosen der drei Hersteller an die Länder geliefert. 2,7 Millionen Personen oder 3,3 Prozent der Bevölkerung sind vollständig geimpft. Knapp 6 Millionen Menschen haben mindestens eine der zwei nötigen Impfungen erhalten. Rund 7 Millionen Dosen erwartet der Bund noch in den rund drei Wochen bis Ende März. Vom Impfstoff von Biontech/Pfizer sind laut Spahn im April gut 9 Millionen Dosen zu erwarten.

Bei dem am Donnerstag zugelassenen Impfstoff von Johnson & Johnson seien Lieferungen frühestens Mitte/Ende April realistisch. Spahn begrüßte, dass die EU-Kommission bei dem US-Hersteller nachhake. Die EU sei schließlich bereits im Oktober mit 300 Millionen Euro für den Kapazitätsaufbau in Vorleistung gegangen. Probleme beim Lieferstart von Johnson & Johnson in Europa haben damit zu tun, dass die USA die Ausfuhr dort abgefüllter Impfstoffe womöglich nicht erlauben.

Steinmeier warnte vor Schwarzmalerei und zu vielen Regeln. Vulnerable Gruppen müssten zuerst geimpft werden, sagte er bei einem digitalen Kongress der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". In Deutschland wolle man es besonders gut machen, sichere jede Maßnahme mit unzähligen Regeln ab. "Etwas mehr Pragmatismus täte uns gut. Erst recht, wenn in den kommenden Wochen mehr Impfstoff zur Verfügung steht."

Spahn betonte, auch in den Arztpraxen könne nicht gleich auf die Reihenfolge von Impfungen zunächst für gefährdete Gruppen verzichtet werden. Bei Vorerkrankungen entscheiden aber ohnehin die niedergelassenen Ärzte, wie die Leiterin eines Impfzentrums in NRW, Anke Richter-Scheer, erläuterte. Zum Beispiel werde eine junge Frau mit Schilddrüsenfehlfunktion später geimpft als ein älterer Mann mit Lungenfibrose, auch wenn beide in einer Prioritätengruppe seien.

Ärztepräsident Klaus Reinhardt sprach sich im "Deutschen Ärzteblatt" dafür aus, so schnell wie möglich auf aufwendige Prüfverfahren zur Einhaltung der Reihenfolge zu verzichten. Der Präsident des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, forderte in der "Augsburger Allgemeinen" das Ende der Impfzentren: "Man mag die jetzt dort noch gebuchten Impftermine ja abarbeiten, aber parallel dazu muss das Feld der Impfungen endlich den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten überlassen werden." Die Praxen könnten sofort loslegen.

Kritisch sieht Spahn den vorläufigen Stopp von Astrazeneca-Impfungen in Dänemark, Norwegen, Island und Thailand. "Ich bedauere es, dass auf dieser Grundlage, Wissensstand jetzt Freitagvormittag, einige Länder in der Europäischen Union das Impfen mit Astrazeneca ausgesetzt haben", sagte er. "Mit dem was wir bisher wissen, ist der Nutzen (...) bei weitem höher als das Risiko." Dänemark setzte die Impfungen nach einem Todesfall und einzelnen schweren Erkrankungen durch Blutgerinnsel nach der Impfung aus. Es ist aber offen, ob ein Zusammenhang zwischen dem Vakzin und den Gerinnseln besteht, wie der Chef des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, betonte.

Spahn verwies auf Erfolge der Großaktion. "Wir konnten bereits die meisten Bürgerinnen und Bürgerinnen in den Pflegeheimen impfen", sagte er. "Viele der über 80-Jährigen konnten bereits geimpft werden oder haben zeitnah einen Impftermin." Angesichts wieder steigender Infektionszahlen mahnte er zu Vorsicht in der Corona-Krise. Man müsse sich noch "auf einige sehr herausfordernde Wochen" einstellen.

© dpa-infocom, dpa:210312-99-798432/5

Hinweis: Diese Meldung ist Teil eines automatisierten Angebots der nach strengen journalistischen Regeln arbeitenden Deutschen Presse-Agentur (dpa). Sie wird von der AZ-Onlineredaktion nicht bearbeitet oder geprüft. Fragen und Hinweise bitte an feedback@az-muenchen.de

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen Artikel empfehlen