Deshalb rekrutiert der IS Kinder

In Ludwigshafen steht ein Zwölfjähriger unter Terror-Verdacht. Hier erklärt ein Experte, wie Extremisten gezielt Minderjährige anwerben und was Buben und Mädchen verführbar macht.
von  Interview: Natalie Kettinger
Ein Standbild aus einem Propaganda-Video des Islamischen Staates (IS): Jugendliche Kämpfer prahlen damit, dass sie soeben eine Straßensperre überrollt haben – und inszenieren sich dabei als Helden.
Ein Standbild aus einem Propaganda-Video des Islamischen Staates (IS): Jugendliche Kämpfer prahlen damit, dass sie soeben eine Straßensperre überrollt haben – und inszenieren sich dabei als Helden. © imago/dpa

Der israelisch-arabische Psychologe und Autor Ahmad Mansour („Generation Allah“) lebt seit 2004 in Deutschland. Als Jugendlicher wäre er fast selbst Islamist geworden. Heute kämpft der 40-Jährige gegen religiösen Extremismus: Er ist Programmdirektor der European Foundation for Democracy.

AZ: Herr Mansour, ein Zwölfjähriger wollte offenbar den Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen in die Luft sprengen. Vieles deutet daraufhin, dass er vom IS dazu angestiftet wurde – wie kommt ein solcher Kontakt zustande? Wie erreicht ein Islamist in Raqqa einen Buben in Deutschland?
AHMAD MANSOUR: Es sitzen ja nicht alle IS-Anhänger in Raqqa. Es gibt auch hier Sympathisanten, denen es darum geht, Leute für ihre Ideologie zu begeistern und es gibt Kanäle dafür – vor allem bei „Telegram“. Das ist ein neuer Messenger-Dienst, der unter Jugendlichen beliebt ist – vor allem bei Jugendlichen, die mit dem IS sympathisieren, weil da weniger Kontrollen stattfinden. Vor zwei Jahren hat der IS alle seine Kanäle von Facebook, Twitter und so weiter auf „Telegram“ umgesiedelt.

Wie findet ein Zwölfjähriger die entsprechenden Einträge?
Es kann gut sein – aber da müssen wir spekulieren, weil bei diesem Fall nicht so viel bekannt ist – dass dieser junge Mann sich für die Ideologie interessiert, stark konservativ religiös ist, nach Informationen gesucht und dann Leute getroffen oder geliked hat, oder mit ihnen diskutiert hat, die den IS gut finden – Leute wie den sehr bekannten IS-Sympathisanten Abu Walaa zum Beispiel, der vor einigen Monaten verhaftet wurde. Ob diese Leute dann zu ihm gesagt haben, er solle eine Bombe bauen oder ob er sich „nur“ hat inspirieren lassen, ist unbekannt.

Womit ködern die Islamisten Jugendliche im Internet?
Unterschiedlich. Der IS ist in seiner Propaganda sehr professionell und versucht gezielt, bestimmte Gruppen anzusprechen. Es wird viel über Emotionen gesprochen. Vor allem in diesen Tagen, wo es so viele Bilder von Menschen aus Aleppo gibt, die ihr Land verloren haben und die leiden. Dieses Leid wird instrumentalisiert: als „Kampf gegen den Islam“. Jugendliche haben in der Regel einen sehr scharfen Sinn für Gerechtigkeit und über diese Emotionalität kann man sie dazu bewegen, etwas zu tun: Nicht passiv zu sein und dafür zu sorgen, dass diejenigen, die „uns“ etwas antun, auch Schmerzen empfinden. Andere fühlen sich angesprochen, weil man ihnen Abenteuer verspricht. Und gewaltaffine Menschen werden mit Videos geködert, die Videospielen sehr ähnlich sind und den Kampf des IS sehr romantisierend darstellen. Aber vorher geschieht noch etwas anderes.

Was?
Vorher geht es darum, die Ideologie zu festigen, Opferrollen und Feindbilder zu schaffen. Die Medien sind die Täter, die Muslime die Opfer, die islamische Welt braucht einen Retter – und Jugendliche, die sich für ihre Religion stark machen. Man vermittelt ein Religionsverständnis, das sehr anti-westlich ist und gegen die Werte dieser Gesellschaft gerichtet. Dabei wird viel mit Angst und Bedrohung gearbeitet, mit einem patriarchalischen Gott, der nicht mit sich diskutieren lässt. Diese Ideologie versucht, 24 Stunden pro Tag Einfluss auf die Jugendlichen zu nehmen, ihr Leben, ihre Emotionen und Gedanken zu bestimmen. Und von dort bis zur nächsten Stufe ist der Weg nicht mehr lang.

Wie lange dauert es vom Erstkontakt bis zur Tat?
Auch das ist unterschiedlich. Aber die Radikalisierungsprozesse werden kürzer: Es vergehen nur noch Monate vom Zugang zu einem sehr konservativen Religionsverständnis bis zu dem Punkt, an dem man bereit wäre, im Extremfall auch gewalttätig zu werden oder auszureisen.

Was finden Jugendliche in der Ideologie der Islamisten, was sie in der realen Welt offenbar vergeblich suchen?
Klarheit, Orientierung, das Gefühl, zu einer Elite zu gehören, innere Ruhe. Der IS verspricht ihnen Anerkennung, Halt und klare Regeln. Das wirkt auf diese Jugendlichen attraktiv. Deshalb muss man bei dem jungen Mann aus Ludwigshafen auch nach den familiären Verhältnissen schauen. Eigentlich erwarte ich von den Eltern eines Zwölfjährigen, dass sie solche Prozesse erkennen und sich Hilfe suchen, wenn sie selbst überfordert sind. Aber in unserer Arbeit mit radikalisierten Jugendlichen scheinen diese Familien eher chaotisch zu sein: Die Kinder entfernen sich von den Eltern, Vaterfiguren fehlen, die Kommunikation in der Familie ist ungesund, es gibt Bindungsprobleme – und dann kommt eine sehr heile, sehr einfache Welt, die die sehr komplexe Realität in einfachen Worten erklärt, indem sie alles in Schwarz und Weiß teilt. Dass sich Jugendliche für so etwas begeistern lassen, sehen wir übrigens nicht nur in der islamistischen Richtung. Unter Jugendlichen insgesamt sind Verschwörungstheorien eine regelrechte Plage geworden.

Täuscht der Eindruck, oder werben die Islamisten gezielt Kinder und Jugendliche an?
Die versuchen, alle zu erreichen, weil sie immer neue Anhänger brauchen. Und dass gezielt Kinder angeworben werden, erleben wir in Berlin unter den großen kriminellen Familien schon seit Jahren: Da werden strafunmündige Kinder geschickt, um Drogen zum Beispiel zu verkaufen, weil sie nicht belangt werden können. Dass die Islamisten das jetzt auch tun, hat ebenfalls eine Geschichte: Wir sehen das in Israel unter den Hamas-Anhängern, unter den Taliban in Afghanistan, wir hatten das in Syrien und im Irak. Kinder sind unverdächtig und sie lassen sich einfach manipulieren.

Wissen Sie, wie viele Minderjährige von Deutschland aus nach Syrien gegangen sind?
Insgesamt sind es um die 900 Deutsche, wie viele Minderjährige darunter sind, kann ich nicht sagen. Aber wir haben schon Familien begleitet, deren 14- oder 15-jährige Kinder dorthin ausgereist sind. Vor allem Mädchen werden in den letzten Monaten massiv angeworben, weil die Menschen dort Ehefrauen brauchen. Die suchen gezielt unter Jugendlichen in Deutschland.

Was wird diesen Mädchen versprochen?
Eine heile Familie, ein starker Mann, der sie liebt und beschützt. Hinzukommt, dass die Aufgaben für diese Frauen klar definiert werden: Du brauchst dich nicht zu emanzipieren, du brauchst keine Karriere zu machen, du bist einfach zuhause und kümmerst dich um die Kinder. Mädchen, die eben diese heilen Familien vermissen, lassen sich davon ansprechen.

Was lässt sich dagegen tun?
Wir müssen diejenigen bekämpfen, die missionieren, wie wir das beim „lies!“-Projekt getan haben. In Moscheen, in denen rekrutiert und dschihadistische Propaganda verbreitet wird, muss es rechtlich ungemütlich werden. Wir müssen in den Familien, aber auch an den Schulen wachsamer werden – und Hilfe suchen, bevor es zu spät ist. Außerdem müssen wir präventiv aktiv sein und die Jugendlichen erreichen, bevor es die Salafisten tun. Das heißt, wir müssen über die Themen, die Jugendliche beschäftigen, in den Schulen reden, wir brauchen Aufklärungskampagnen für die Eltern und Fortbildungen für Lehrer und Sozialarbeiter, damit sie das Problem erkennen können. So etwas bleibt schließlich nicht unsichtbar.

Was hätten die Lehrer des Ludwigshafener Buben denn bemerken können?
Die Logik verändert sich – und das Verhalten gegenüber den Mitschülern, vor allem gegenüber den Mitschülerinnen. So jemand zieht sich zurück, erlebt eine Krise, ist einfach unzufrieden. Möglicherweise versucht er auch, andere Jugendliche für seine Ideologie zu begeistern. Von den Fällen, die wir begleiten, wissen wir, dass fast alle eine solche Vorgeschichte hatten.