Chefarzt Marianowicz: Abrechnung mit der Corona-Politik

Aktuelle Daten zeigen: Seit Beginn der Pandemie schrecken einige davor zurück, ins Krankenhaus zu gehen. Ein Mediziner kritisiert das scharf, ebenso wie die Corona-Politik. Die AZ hat mit ihm gesprochen.
von  Klaus Wiendl
Pflegekräfte in einem Münchner Krankenhaus. Viele Patienten scheuen sich, eine Klinik aufzusuchen - sogar bei Notfällen.
Pflegekräfte in einem Münchner Krankenhaus. Viele Patienten scheuen sich, eine Klinik aufzusuchen - sogar bei Notfällen. © Sven Hoppe/dpa

Bad Wiessee/München - Als Autor des neuen Buches "Die Gesundheitslüge" geht der Orthopäde Dr. Martin Marianowicz mit dem deutschen Gesundheitssystem hart ins Gericht.

Zu teuer, zu ineffizient. Der Leiter eines interdisziplinären Zentrums in München und Chefarzt der Klinik Im Jägerwinkel in Bad Wiessee nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Zustandsbeschreibung des deutschen Gesundheitssystems geht.

Martin Marianowicz.
Martin Marianowicz.

Es sei "krank", es belohne nicht Gesundheit oder Heilung, "sondern vielmehr Krankheit und Übertherapie." Marianowicz beklagt "fatale Boni für Chefärzte, "ein rigides Vergütungssystem" und "zu viel Lobbyismus". Im Gespräch mit der AZ brennt dem Mediziner aber vor allem die Corona-Politik unter den Nägeln.

AZ: Herr Marianowicz, haben Politik und das Gesundheitswesen in der Corona-Pandemie nicht bewiesen, dass man im europäischen Vergleich gut damit gefahren ist?
MARTIN MARIANOWICZ: Das deutsche Gesundheitssystem ist doch eigentlich von Corona gar nicht angefasst worden. In den meisten Kliniken war fast nichts los, weil die große Welle von Corona-Patienten ausblieb. Zudem haben viele potenzielle Patienten wegen möglicher Isolierungen die Krankenhäuser gemieden, weil sie Angst hatten, darin alleine zu sterben. Tatsache ist, dass das Gesundheitssystem nur zu einem Bruchteil in Anspruch genommen wurde.

Ist unser Hauptproblem also die Angst und nicht das Virus?
Die Politik treibt uns täglich mit Zahlen, die so nicht hingenommen werden können. Ich finde es verantwortungslos, wenn man die Infektionszahlen vom April mit denen von heute vergleicht. Ende April hatten wir deutlich weniger Tests, vergangene Woche aber waren es 850.000. Diese Zahlen haben doch keine Aussagekraft. Ich frage mich auch, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) auf bisher knapp 9.300 Tote kommt, die mit oder an Corona gestorben sein sollen. Dabei wird übersehen, dass jeden Tag in Deutschland 2.600 Menschen an Herzinfarkt, Krebs und Verkehrsunfällen sterben. Das sind 950.000 Tote im Jahr. Da wir bei Corona keine validen Zahlen haben, ist doch zu fragen: Warum wurde nicht mehr obduziert?

Marianowicz "fehlt die medizinische Validität, ein logisches Konzept"

Woran sterben denn die Menschen?
Wir haben keinen Nachweis, ob Infizierte mehrheitlich an Lungenversagen oder Thrombosen sterben. Selbst namhafte Rechtsmediziner sagen, dass viele Verstorbene, auch junge, bereits an Vorerkrankungen gelitten haben. Die Pathologen dagegen vertreten die Meinung, die Obduzierten seien an Corona gestorben. Entscheidend ist doch, was die Politik daraus macht.

Was ist Ihre Forderung?
Da die Ungewissheit Auswirkungen auf die Existenzängste der Menschen hat, möchte ich Fakten, wenn die Politik weitere Beschränkungen mit verheerenden wirtschaftlichen Folgen erlässt. Mir fehlt die medizinische Validität, ein logisches Konzept. Stattdessen gibt es nur Panikmache. 

Das Buch "Die Gesundheitslüge" erscheint am Mittwoch im Verlag Gräfe und Unzer (GU). 192 Seiten, Hardcover, Preis: 19,99 Euro

Krankenkassen-Auswertung zeigt "Corona-Delle"

Zu Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland haben sich weniger Menschen mit schweren Krankheiten als Notfall ins Krankenhaus einweisen lassen, wie eine Auswertung der Krankenkasse DAK Gesundheit mit 5,6 Millionen Versicherten zeigt. Vorstandschef Andreas Storm sprach von einer "regelrechten Corona-Delle bei den Aufnahmen im Frühjahr".

So wurden im März 26,6 Prozent weniger Patienten mit einem Herzinfarkt aufgenommen als im Vergleich zum Vorjahr. Im April waren es 22,2 Prozent weniger, im Mai 13,8. Im Juni lagen die Herzinfarkt-Einweisungen dann sogar leicht über dem Niveau des Vorjahres (plus 4 Prozent), wobei die Zahlen im Juli wieder leicht zurückgingen.

Bei Krankheiten wie Schlaganfall oder Hirnblutungen gab es im März einen Rückgang im Vergleich zum Vorjahr von 12,7 Prozent, im April sogar von 20,2 Prozent. Im Mai normalisierten sich die Einweisungen, lagen aber immer noch bei minus 9,6 Prozent, im Juni bei plus 2,6 Prozent und im Juli bei minus 6,7 Prozent.

Die Klinik-Aufnahmen wegen psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Schizophrenie und Alkoholmissbrauch gingen im März um 14,8 Prozent zurück. Im April waren es sogar 23,1 Prozent, im Mai noch 16,4 Prozent. Auch hier normalisierte sich die Versorgung im Juni.

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