Untersuchungen zur Krebs-Früherkennung

Viele scheuen den Gang zur Krebs-Vorsorge, weil sie Angst vor dem Prozedere haben. Dabei sind die Untersuchungen meist harmloser als vermutet.
von  Verena Lehner
Eine Frau beim Mammografie-Screening. Die Untersuchung wird für Frauen ab 50 Jahren empfohlen.
Eine Frau beim Mammografie-Screening. Die Untersuchung wird für Frauen ab 50 Jahren empfohlen. © dpa

War eigentlich gar nicht so schlimm.“ Mit dieser Einschätzung sind sich so gut wie alle einig, die einmal bei der Darmspiegelung oder beim Hautkrebs-Screening waren. Trotzdem scheuen viele Menschen den Gang zur Früherkennung. Dabei können sie Leben retten. „Ein frühzeitiges Erkennen von Tumoren verbessert die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung um ein Vielfaches“, sagt Dr. Sabine Fromm-Haidenberger, Fachärztin für Strahlentherapie und Radiologie am Diagnostik-Zentrum München im Gespräch mit der AZ . Welche Untersuchungen wann sinnvoll sind und wie sie ablaufen:

 

Darmkrebs

 

Sowohl bei Frauen als auch bei Männern die zweithäufigste Krebsart. Dabei bilden sich bösartige Wucherungen an der Darmschleimhaut. Pro Jahr erkranken daran rund 62 000 Menschen in Deutschland.

Ab wann zur Vorsorge: Frauen und Männer sollten spätestens ab 50 Jahren zur Vorsorge gehen. Wer in seiner Familie bereits Darmkrebs-Fälle hatte, sollte das auch schon in jüngeren Jahren tun.

Was bei der Vorsorge passiert: Die effektivste Methode ist die Darmspiegelung (Koloskopie). Dabei wird das Koloskop, ein Schlauch mit Kamera, über den After in den Dünndarm eingeführt. Allein diese Vorstellung empfinden manche schon als unangenehm. Doch die Angst ist unberechtigt. Bevor es losgeht, wird der Patient durch ein Schlaf- oder Beruhigungsmittel in einen narkoseähnlichen Zustand versetzt. Dieser Dämmerschlaf sorgt dafür, dass die Koloskopie schmerzfrei abläuft. Auf Wunsch kann auch ein richtiges Narkosemittel eingesetzt werden.

Was die Vorsorge bringt: Bei der Koloskopie werden Darmpolypen gefunden und mit Hilfe einer elektrischen Schlinge vollständig entfernt, bevor sie zu Darmkrebs werden können. Darmpolypen sind gutartige Wucherungen der Darmschleimhaut, können sich aber im Laufe der Jahre zu bösartigem Darmkrebs entwickeln. Es kann zehn Jahren dauern, bis aus solchen Schleimhautveränderungen Krebs entsteht.

 

Prostatakrebs

 

Es ist die häufigste Krebserkrankung bei Männern. Das „Prostatakarzinom“, so die medizinische Bezeichnung, ist ein bösartiger Tumor an der sogenannten Vorsteherdrüse, der Prostata.

Ab wann zur Vorsorge: Sabine Fromm-Haidenberger rät Männern spätestens ab 60 Jahren regelmäßig zur Prostatakrebsvorsorge zu gehen. Bereits ab 45 Jahren haben Männer einen gesetzlichen Anspruch auf die Früherkennungsuntersuchung.

Was bei der Vorsorge passiert: Dazu gehört die Tastuntersuchung von Bauch, Hoden, Penis und Prostata. Vor allem Letzteres treibt so manchem Mann den kalten Schweiß auf die Stirn. Völlig unnötig, wie Urologen immer wieder betonen. Die Tastuntersuchung dauert nur etwa 30 Sekunden und tut nicht weh. Urologen beschreiben es höchstens als ein wenig unangenehm. Der Arzt zieht sich einen Handschuh über, benetzt ihn mit Gel und führt einen Finger in den After des Patienten ein. Er ertastet so die etwa kastaniengroße Prostata, die in der Nähe des Enddarms liegt. Der Patient liegt dabei auf der Seite. Der Arzt kontrolliert, ob die Prostata verhärtet oder verändert ist. Zusätzlich zur Tastuntersuchung kann auch noch der PSA-Test gemacht werden. Hierbei wird das prostataspezifische Antigen (PSA) aus einer Blutprobe bestimmt.

Was die Vorsorge bringt: Werden bei der Tastuntersuchung Veränderungen an der Prostata festgestellt, kann der Arzt weitere Untersuchungen machen wie etwa Ultraschall. Dazu führt er eine Sonde über den After ein. Der PSA-Test zeigt, wie viel Antigene ein Mann im Blut hat. Bei einem Prostatakarzinom ist die PSA-Konzentration im Blut meist erhöht. Der Normalwert liegt bei gesunden Männern im Bereich null bis zweieinhalb Milliardstel Gramm pro Milliliter Blut. Der PSA-Test ist allerdings immer wieder umstritten: Ob Männer länger und vor allem besser leben, wenn sie die Untersuchung regelmäßig machen lassen, ist nicht erwiesen.

 

Brustkrebs

 

Es ist die häufigste, allerdings nicht die gefährlichste Krebserkrankung bei Frauen. Auch Männer können an Brustkrebs erkranken, allerdings ist das sehr selten. Laut Angaben der Deutschen Krebsgesellschaft kommt auf etwa 115 Erkrankungen bei Frauen nur eine bei Männern. Der Krebs entsteht meist in den Milchdrüsen oder den Milchgängen der Brust. Etwa ein Viertel der Tumore sind bösartig.

Ab wann zur Vorsorge: Spätestens ab 30 Jahren sollten Frauen einmal jährlich ihre Brust untersuchen lassen. Frauen, die ein erblich bedingt erhöhtes Brustkrebsrisiko haben, sollten sich bereits früher – spätestens ab dem 25. Lebensjahr – alle sechs Monate einer Untersuchung unterziehen. Zwischen 50 und 69 Jahren wird auch ein Mammografie-Screening, also eine Röntgenuntersuchung der Brust, empfohlen. Generell steigt das Erkrankungsrisiko ab dem vierten Lebensjahrzehnt an und nimmt dann ab 70 Jahren wieder ab. Wichtig: Frauen sollten ihre Brust auch regelmäßig selbst abtasten.

Was bei der Vorsorge passiert: Bei Frauen zwischen 30 und 49 Jahren und ab 70 Jahren tastet der Arzt die Brustdrüsen und die Lymphknoten in den Achselhöhlen ab. Die Brustwarze wird vorsichtig gedrückt, um zu überprüfen, ob Flüssigkeit austritt. Auch Form und Größe der Brustwarzen werden überprüft. Bei Frauen zwischen 50 und 69 Jahren wird zusätzlich alle zwei Jahre ein Mammografie-Screening empfohlen. Dazu muss die Brust zwischen zwei strahlendurchlässigen Plexiglas-Scheiben leicht zusammengedrückt werden. Im Normalfall ist die Untersuchung harmlos. Allerdings berichten manche Frauen, dass das Zusammendrücken der Brust etwas schmerzhaft sein kann. Das Screening dauert nur wenige Minuten.

Was die Vorsorge bringt: Durch das Abtasten kann der Arzt Knoten ab einer Größe von ein bis zwei Zentimeter finden – je nach Dichte und Größe der Brust. Auch Symptome wie Veränderungen der Haut oder Absonderungen aus der Brustwarze kann der Arzt feststellen. Beim Mammografie-Screening können auch kleinere Knoten entdeckt werden, die durch das Abtasten nicht gefunden wurden.

 

Hautkrebs

 

Unter dem Begriff „Hautkrebs“ wird eine Vielzahl verschiedener Krebserkrankungen, die an der Haut entstehen oder sichtbar sind, zusammengefasst. Am meisten gefürchtet ist der schwarze Hautkrebs, das maligne Melanom. Viel häufiger ist der weiße Hautkrebs. Er wird auch Oberhautkrebs genannt und umfasst das Basalzellkarzinom und das Plattenepithelkarzinom sowie dessen Vorstufen.

Ab wann zur Vorsorge: Gesetzlich Anspruch auf eine Vorsorge hat jeder ab 35, manche Kassen zahlen ein Haukrebs-Screening ab 20 Jahren. Grundsätzlich gilt: seine Haut selber im Auge behalten und bei auffälligen Muttermalen oder Leberflecken sofort zum Arzt!

Was bei der Vorsorge passiert: Das Hautkrebs-Screening ist wohl die harmloseste aller Früherkennungs-Untersuchungen. Das Ganze dauert 15 Minuten und ist eine Untersuchung von Kopfhaut, Armen, Beinen, Brust, Bauch, Rücken, Gesäß sowie Händen und Füßen inklusive Zehenzwischenräumen – Zentimeter für Zentimeter. Fällt dem Arzt etwas auf, kann er ein Dermatoskop zu Hilfe nehmen – eine Lupe mit Licht. Auch Mundschleimhaut, Zahnfleisch und Zunge werden kontrolliert.

Was die Vorsorge bringt: Der Arzt kann Veränderungen frühzeitig erkennen und gegebenenfalls eine Gewebeprobe nehmen und diese untersuchen lassen.

 

„Nutzen Sie die Vorsorge-Untersuchungen!“

 

Die Ärztin Sabine Fromm-Haidenberger spricht im Interview über sinnvolle und weniger sinnvolle Maßnahmen.

AZ: Frau Dr. Fromm-Haidenberger, viele Menschen haben Angst vor der Krebsvorsorge. Vor allem deshalb, weil sie befürchten, dass der Arzt etwas finden könnte. Was raten sie solchen Patienten?

Sabine Fromm-Haidenberger: Man muss deutlich machen, dass ich mir – je länger ich mit der Vorsorge warte – im Fall des Falles einfach Therapie-Optionen nehme. Nur weil ein Tumor unentdeckt bleibt und mir nichts wehtut, heißt das ja nicht, dass er nicht da ist. Es gibt leider für viele Krebsarten noch keine Früherkennung. Deshalb sterben noch viele Menschen an Krebs und es ist umso wichtiger, die Vorsorgeuntersuchungen, die es gibt, zu nutzen.

Trotzdem ist der Sinn von Vorsorge-Untersuchungen immer wieder umstritten – auch unter Medizinern. Was sagen Sie dazu?

Zahlreiche Studien beweisen, dass die Sterblichkeitsrate durch Früherkennung gesenkt werden kann. Wenn ein Tumor in einem frühen Stadium entdeckt wird, in dem er noch nicht zu viel Schaden angerichtet hat, sind die Heilungs- und Therapiechancen einfach um vieles besser. Vorsorge-Untersuchungen sind auf alle Fälle sinnvoll. Das gilt für die Darmspiegelung genauso wie für das Mammografie-Screening.

Aber vor allem das Mammografie-Screening bei Frauen steht ja immer wieder in der Kritik.

Ja leider. Das ist wirklich eine unerfreuliche Tendenz. Denn durch das Screening können bei Frauen kleinste Tumore in der Brust entdeckt werden, die nicht ertastet werden können und die auch kein Ultraschall erkennt. Und die Therapiemethoden heutzutage sind wirklich so effektiv, dass Brustkrebs, wenn er frühzeitig erkannt wird, gut heilbar ist.

Warum dann die Skepsis, ob das Screening etwas bringt?

Weil es natürlich auch vorkommen kann, dass falsch positive Befunde gemacht werden. Denn je genauer ich nachschaue, umso mehr finde ich. Das ist die Krux. Wird dann das Gewebe untersucht, kommt oft die Diagnose heraus: doch kein Tumor. Für Frauen, die von einer Fehldiagnose betroffen sind, ist das natürlich nicht schön. Auch die Intervall-Karzinome, also Tumore, die in den 24 Monaten zwischen Mammografie-Untersuchungen entstehen können, tragen zur Skepsis bei.

Sie raten Frauen trotzdem zur Mammografie?

Frauen zwischen 50 und 69 Jahren auf jeden Fall. Wer erblich vorbelastet ist und Brustkrebsfälle in der Familie hatte, sollte sich auch schon in jüngeren Jahren röntgen lassen. Beim Screening geht es darum, Knoten zu entdecken, die man eben nicht ertasten kann.

Warum ist das so wichtig?

Weil ich Tumore in der Regel erst dann tasten kann, wenn sie etwa zwei Zentimeter groß ist. Ein Tumor in dieser Größe kann schon Metastasen im Körper gebildet haben.

Außer dem Mammografie-Screening und der Darmspiegelung, welche Vorsorge-Untersuchungen sind sinnvoll?

Für Frauen ein regelmäßiger Papillomviren-Abstrich zur Vorbeugung von Gebärmutterhalskrebs und Männer sollten ab 60 Jahren regelmäßig ihre Prostata untersuchen lassen. Hier empfehle ich eine Tastuntersuchung – eventuell auch kombiniert mit einer PSA-Bestimmung, also der Bestimmung prostataspezifischer Antigene im Blut, die ein Hinweis auf Prostata-Krebs sein können. Auch ein Hautkrebs-Screening ist empfehlenswert.

Und welche eher nicht?

Dass ein Raucher sich einmal im Jahr die Lunge röntgen lassen sollte, das hat sich als sinnlos erwiesen. Das hat die Sterblichkeitsrate durch Lungenkrebs nicht gesenkt. Das Gleiche gilt für das Testen auf Tumor-Marker im Blut.

 

Von der Darmspiegelung bis zum Screening - Das Zahlt die Kasse

 

Auf folgende Leistungen haben Versicherte gesetzlich Anspruch:

Ab 20 Jahren (Für Frauen)

  • Jährliche Untersuchung zu Krebserkrankungen der Geschlechtsorgane: Inspektion des Muttermunds, Abstrich vom Muttermund und aus dem Gebärmutterhals, gynäkologische Tastuntersuchung

Ab 30 Jahren (für Frauen)

  • Jährliche Untersuchung der Brust: Inspektion und Abtasten der Brust und der Achselhöhlen (Lymphknoten), Anleitung zur Selbstuntersuchung der Brust

Ab 35 Jahren

  • Alle zwei Jahre Anspruch auf Hautkrebsvorsorge. Das beinhaltet eine Inspektion der Haut am kompletten Körper (Hautkrebs-Screening)

Ab 45 Jahren (für Männer)

  • Jährliche Untersuchung zu Krebserkrankungen der Geschlechtsorgane: Inspektion und Abtasten der äußeren Geschlechtsorgane, Tastuntersuchung der Prostata, Abtasten der Lymphknoten im Lendenbereich

Ab 50 Jahren

  • Jährliche Untersuchung zur Darmkrebsfrüherkennung: Gezielte Beratung, Test auf Blut im Stuhl
  • Für Frauen: alle zwei Jahre Früherkennung von Brustkrebs durch ein Mammographie-Screening, einer Röntgenaufnahme der Brust. Zum Untersuchungstermin werden die anspruchsberechtigten Frauen schriftlich eingeladen.

Ab 55 Jahren

  • Erweiterte Untersuchung zur Darmkrebs-Früherkennung: Wahlweise Test auf Blut im Stuhl (alle zwei Jahre) oder zwei Darmspiegelungen (im Abstand von zehn Jahren)