Tiger-Absturz in Mali 2017: Schlamperei bei Wartung?

Zwei Soldaten der Bundeswehr sterben 2017, als ein "Tiger" in Westafrika abstürzt. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Kassel gegen vier Personen. Haben sie Fehler bei der Wartung gemacht?
von  Helmut Reister
Ein "Tiger"-Hubschrauber der Bundeswehr stürzte 2017 in Mali ab.
Ein "Tiger"-Hubschrauber der Bundeswehr stürzte 2017 in Mali ab. © dpa

Der erste öffentliche Auftritt des Kampfhubschraubers war spektakulär. Im James-Bond-Film "Golden Eye" (1995) sorgte Prototyp Nummer 3, der "Tiger", mit atemberaubenden Flugmanövern für Nervenkitzel bei den Zuschauern.

Bei der Staatsanwaltschaft spielt die Traumwelt des Kinos keine Rolle. Dort geht es in einem Ermittlungsverfahren um einen Militäreinsatz im Kriegsgebiet von Mali in Westafrika, den Horror-Crash eines "Tiger" im Sommer 2017 und zwei tote Bundeswehr-Soldaten.

"Tiger"-Absturz: Schlamperei bei Wartungsarbeiten?

Andreas Thöne, der Sprecher der Staatsanwaltschaft in Kassel, wo der Fall nach Umwegen jetzt anhängig ist, hält sich aufgrund der noch laufenden Ermittlungen bedeckt. Immerhin bestätigt er der AZ, dass gegen vier Personen ermittelt wird – und er macht Angaben zum konkreten Tatverdacht, der gegen sie besteht. Danach könnte der Absturz durch "Sorgfaltspflichtverletzungen bei Wartungsarbeiten" verursacht worden sein.

Zunächst war die Ursache für den Absturz völlig unklar. Das dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, dass der Fall erst bei der Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft in Kempten landete. Sie ist für die Verfolgung von Straftaten deutscher Soldaten im Ausland zuständig.

Ein derartiger Hintergrund war jedoch in Zusammenhang mit dem Crash ganz offensichtlich nicht erkennbar. Ein formales Ermittlungsverfahren wurde deshalb auch erst nach der Weitergabe an die Staatsanwaltschaft Kassel eröffnet. Wie einer Erklärung des Verteidigungsministeriums zu entnehmen ist, waren in die Suche nach der Absturzursache auch Spezialisten des Bayerischen Landeskriminalamts involviert. Sie gingen der Frage nach, ob der Kampfhubschrauber abgeschossen worden sein könnte, schlossen diese Möglichkeit laut einer ministeriellen Erklärung aber aus.

Eine klare Zuweisung von Verantwortlichkeiten für den Absturz liefert der 95 Seiten starke Untersuchungsbericht von Experten der Bundeswehr. Demzufolge wäre einem nicht hinreichend ausgebildeten Techniker-Team des Herstellers Airbus bei der Justierung des Hauptrotors der entscheidende Fehler passiert.

Mitarbeiter von Airbus haben die Maschine 2016 gewartet

Die Wartungsarbeiten an dem "Tiger" vom Kampfhubschrauberregiment 36 (KHR 36) wurden mehr als ein Jahr vor dem Absturz, im April 2016, auf dem Bundeswehr-Standort in Fritzlar (Hessen) durchgeführt. Der Darstellung des "Spiegel" zufolge, der aus dem Untersuchungsbericht der Bundeswehr zitiert, hätten die bei den Wartungsarbeiten eingesetzten Airbus-Techniker die "vorgegebene Ausbildung noch nicht abgeschlossen" und nicht "über die erforderliche Qualifikation" zur Durchführung von Arbeiten an der Hauptrotor-Steuerung verfügt.

Was sich am 26. Juli 2017 etwa 70 Kilometer nordöstlich von Malis Hauptstadt in einer Flughöhe von 550 Metern abspielte, unabhängig von möglichen Verantwortlichkeiten, geht aus einem Bericht des Verteidigungsministeriums hervor. Danach habe sich der Autopilot der Maschine unerwartet abgeschaltet.

Der Hubschrauber sei in der Folge innerhalb von Sekunden in einen unkontrollierten steilen Sturzflug gekippt, mit über 300 Stundenkilometern auf den Boden geschlagen und ausgebrannt.

An der Einschätzung, dass die unsachgemäßen Wartungsarbeiten der Airbus-Techniker mehr als ein Jahr zuvor der eindeutige Grund für den Crash sind, hält die Bundeswehr in ihrem Untersuchungsbericht fest – trotz eingeräumter eigener Fehler.

Auch die Bundeswehr-Techniker, die die Helikopter nach der Lieferung untersuchen mussten, seien für die Aufgabe nicht ausreichend ausgebildet gewesen, heißt es im Untersuchungsbericht. Unter diesen Voraussetzungen seien auch die Papiere des später verunglückten Hubschraubers geprüft worden. Dies sei zwar in korrekter Form geschehen, doch sei die Technik der Rotoreinstellung, die Airbus eingesetzt habe, nicht bekannt gewesen. Außerdem sei eine erste Meldung über Flugauffälligkeiten der Unglücksmaschine nicht ernst genommen worden. Dieser hauseigene Mangel, so die Experten der Bundeswehr in ihrem Bericht, sei aber nicht für den Absturz verantwortlich.

Zwei Monate später darf der "Tiger" wieder fliegen

Wegen der unklaren Absturzursache, bei der zunächst auch ein grundsätzlicher Systemfehler bei der Herstellung des hochkomplexen Kampfhubschraubers nicht ausgeschlossen werden konnte, wurde unmittelbar nach dem Vorfall ein Flugverbot für alle "Tiger" verhängt – und zwei Monate später wieder aufgehoben. "Der aktuelle Stand der Untersuchung", atmete das Verteidigungsministerium in diesem Zusammenhang auf, "weist auf technische Auffälligkeiten hin, die nur bei dem verunglückten Hubschrauber festgestellt werden konnten."

Der "Tiger" ist ein nicht unumstrittenes deutsch-französisches Gemeinschaftsprojekt von Airbus Helicopters, das wegen langer Planungs- und Verwirklichungszeiten, hoher Kosten und Nachrüstungsbedarfs immer wieder in die Schlagzeilen geriet. Das Triebwerk der Maschine wird vom Konsortium MTU Turbomeca Rolls-Royce (MTR) in Hallbergmoos gebaut. Die Endmontage erfolgt an zwei Standorten in Frankreich und Spanien sowie in Donauwörth.