In Russland boomen Impftouren nach Europa

Europäische Länder stehen bei russischen Touristen als Reiseziele hoch im Kurs. Doch mit ihren eigenen Corona-Präparaten geimpft kommen sie dort nicht weit.
| Hannah Wagner, dpa
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Passagiere vor Abfertigungsschaltern am Internationalen Flughafen Scheremetjewo in Moskau.
Passagiere vor Abfertigungsschaltern am Internationalen Flughafen Scheremetjewo in Moskau. © Alexander Zemlianichenko Jr/XinHua/dpa
Moskau

Wazlaw hat Glück: Der 31 Jahre alte Moskauer ist bei einem deutschen Arbeitgeber angestellt und hat so kürzlich eine kostenlose Biontech-Impfung bei seinem Betriebsarzt in Köln ergattern können.

"Mein Wunsch war, dass mein erster Schuss Impfstoff ein getesteter ist, also einer, der von der WHO grünes Licht bekommen hat", sagt er der Deutschen Presse-Agentur. Nun hat Wazlaw ein EU-Zertifikat - und das wollen andere Landsleute auch. Der Nachweis über eine Immunisierung mit dem russischen Corona-Impfstoff Sputnik V ist in vielen ihrer Lieblings-Reiseländer nämlich nicht anerkannt.

Sputnik selbst zugelassen haben in Europa nur wenige Länder, Ungarn etwa oder San Marino. Um also Erleichterungen bei der Einreise zu genießen, um im Urlaub Restaurants, Bars oder Theater zu besuchen, möchten viele lieber eines der westlichen Präparate gespritzt bekommen. Die aber sind in Russland wiederum nicht zugelassen.

Diese Nische haben einige russische Reiseanbieter nun für sich entdeckt - und spezielle Impftouren in den Westen in ihr Portfolio aufgenommen. Das Angebot boomt: Insgesamt fünf Reisebüros bieten es seit Mitte September an - "und die Nachfrage nimmt jeden Monat zu", wie die Direktorin der Vereinigung russischer Reiseanbieter, Maja Lomidse, der dpa sagt. Organisiert werden Flug, Übernachtung und Impftermin in einer medizinischen Einrichtung - alles zusammen ab 1000 Euro. Besonders beliebt sei das Präparat von Johnson & Johnson, weil da nur eine Injektion nötig ist.

Bis Jahresende, so prognostiziert Lomidse, werden Tausende Russen auf diesem Weg etwa nach Kroatien oder Griechenland geflogen sein. Hinzu kämen zahlreiche Menschen, die sich die Reise zur westlichen Corona-Impfung auf eigene Faust organisierten. Auch nach Deutschland werden Impfreisen angeboten - allerdings für einen eher kleinen, wohlhabenderen Kreis: Zumindest über die Reiseanbieter kostet der Piks dort für Russen noch einmal 500 Euro extra. Aber: "Viele unserer Touristen vertrauen Deutschland, der Qualität der Impfstoffe dort und der Qualität der Dienstleistung", so Lomidse.

Russland selbst verfügt zwar mittlerweile über fünf eigene Impfstoffe - doch keiner davon ist von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) anerkannt. Ein EU-Impfzertifikat hingegen ermöglicht einen unbeschwerteren Aufenthalt in vielen Urlaubsländern. "Die Leute verstehen, dass die Tendenz hin zu Reiseerleichterungen für Geimpfte geht und wollen sich mit den Präparaten impfen lassen, die von der WHO anerkannt sind", sagt Lomidse.

Eigentlich hätte aus russischer Sicht alles genau andersherum laufen sollen: Das russische Vakzin Sputnik V, von Präsident Wladimir Putin einst als weltbester Impfstoff angepriesen, sollte die Welt erobern, zum Exportschlager werden - und westliche Impfwillige anlocken.

Doch längst erinnert sich kaum noch jemand an die Bilder, die das russische Staatsfernsehen Anfang des Jahres stolz sendete: von Europäern, die - als in Deutschland viele noch auf einen Impftermin warten mussten - in Moskau eintrafen, um sich dort ihre erste Spritze abzuholen. Und als Putin dann im Juni auf dem internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg Sputnik-Immunisierungen auch offiziell für Ausländer freigab, war der Zug längst abgefahren.

Seit Monaten prüfen EMA und WHO eine mögliche Zulassung von Sputnik - bislang ohne Ergebnis. Die fehlende Anerkennung im Westen befeuert die ohnehin hohe Skepsis in der russischen Bevölkerung gegenüber dem Präparat noch zusätzlich. Nachdem russische Politiker immer wieder über eine angeblich politisch motivierte Verzögerung wetterten, räumte der Kreml nun ein, dass Moskau es tatsächlich bislang versäumt habe, notwendige Zulassungsunterlagen bei der WHO einzureichen und begründete das mit Abstimmungsproblemen.

Bei der Entscheidung über eine gegenseitigen Anerkennung von Impf-Zertifikaten wiederum kommt Experten zufolge erschwerend hinzu, dass Russland die Daten seiner Bürger nicht mit Europa teilen will.

Im flächenmäßig größten Land der Erde mit seinen 146 Millionen Einwohnern könnten die mit westlichen Präparaten Immunisierten nun immerhin ein klein wenig die Quote der vollständig Geimpften anheben, die mit 46 Prozent noch immer verhältnismäßig niedrig ist. Darüber hinaus sollen Russen, die ein ausländisches Vakzin verabreicht bekommen haben, nun auch in ihrer Heimat davon profitieren: Sie könnten künftig einen Antikörper-Test machen und auf dieser Grundlage ein für sechs Monate gültiges Corona-Zertifikat ausgestellt bekommen, sagte Vize-Regierungschefin Tatjana Golikowa kürzlich.

Für Ausländer gilt diese neue Regelung nicht - ebenso wie andere Erleichterungen von Covid-Beschränkungen. So müssen sie etwa bei der Einreise nach Russland - anders als Russen - auch dann einen negativen PCR-Test vorweisen, wenn sie mit Sputnik geimpft sind.

Hinweis: Diese Meldung ist Teil eines automatisierten Angebots der nach strengen journalistischen Regeln arbeitenden Deutschen Presse-Agentur (dpa). Sie wird von der AZ-Onlineredaktion nicht bearbeitet oder geprüft. Fragen und Hinweise bitte an feedback@az-muenchen.de

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