Bleibt das Home-Office auch nach Corona?

Sowohl Arbeitnehmer als auch Firmen planen nach Corona mit mehr Homeoffice, wie zwei Studien zeigen. Doch es braucht Verbesserungen.
von  Ruth Schormann
Wer künftig zumindest zeitweise von zu Hause aus arbeiten will, hat aktuell gute Chancen, sein Anliegen beim Chef durchzusetzen.
Wer künftig zumindest zeitweise von zu Hause aus arbeiten will, hat aktuell gute Chancen, sein Anliegen beim Chef durchzusetzen. © Sebastian Gollnow/dpa

Und plötzlich ging alles ganz einfach und schnell: Wegen der Pandemie hat die Digitalisierung in vielen Firmen einen kräftigen Schub erfahren; Homeoffice, das für viele bislang wie ein ferner Wunschtraum schien, wurde quasi über Nacht zur Normalität. Bleibt das so? Ja, zeigen aktuelle Studien. Demnach dürfte das Homeoffice auch über das Ende der Corona-Zeit hinaus an Bedeutung gewinnen und in vielen Unternehmen neue Normalität werden.

Forscher des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) und der Deutschen Gesellschaft für Personalführung haben für ein Lagebild die Stimmung in rund 500 Unternehmen abgefragt.

Keine Firma will zum normalen Arbeitsalltag zurück

Und am Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik (FIT) haben über 2.000 Personen einen Fragebogen unter fit4homeoffice.de ausgefüllt. Die Ergebnisse:

Wie viele wollen zurück zum normalen Arbeitsalltag aus Prae-Coronazeiten? Keine Firma. Fast die Hälfte (42 Prozent) hat schon beschlossen, die Möglichkeiten, von zu Hause aus zu arbeiten, nach der Corona-Krise noch auszuweiten. Ein ebenso großer Anteil ist zwar noch unentschlossen, zurück zu weniger Homeoffice will aber kaum ein Unternehmen, heißt es in der gestern veröffentlichten Studie aus Stuttgart.

Welche Erfahrungen haben Unternehmen mit der Arbeit von zuhause aus gemacht? Die übergroße Mehrheit der Unternehmen habe gute Erfahrungen gemacht. So seien fast 90 Prozent mehr oder minder eindeutig zu der Erkenntnis gelangt, dass bei ihnen mehr Homeoffice möglich sei, ohne dass dadurch irgendwelche Nachteile entstünden. Fast ebenso viele sind zudem der Ansicht, dass sie den Wunsch der Mitarbeiter, von zuhause aus zu arbeiten, künftig nicht mehr so einfach ablehnen können.

Wie sieht es bei den Arbeitnehmern aus, waren sie von Anfang an Homeoffice-Fans? Nein. Es brauchte wohl eine gewisse Zeit, bis sich alle in die neue Situation eingefunden haben. Das FIT teilt mit: Anfang Mai wurde eine Auswertung der ersten Woche vorgelegt, nach der 79 Prozent der Frauen und 85 Prozent der Männer zufrieden waren im Homeoffice. Die nun vorliegende Gesamtanalyse ihrer Umfrage unter über 2.000 Menschen bestätige das Bild, die Zufriedenheit im Homeoffice sei sowohl bei Teammitgliedern als auch bei Führungskräften noch weiter gestiegen.

"Individuelle Arbeit funktioniert im Homeoffice besser als Teamarbeit"

Und was ist mit der Arbeitsleistung? Wolfgang Prinz, stellvertretender Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik (FIT) teilt mit: "Nicht nur die Zufriedenheit ist gestiegen. Auch die individuelle Performanz und die Performanz im Team werden nun besser eingeschätzt. Allerdings wird die Teamperformanz geringer bewertet als die individuelle. Dies heißt, individuelle Arbeit funktioniert im Homeoffice besser als Teamarbeit", so Prinz.

Welche Gründe könnte es dafür geben, dass die Zufriedenheit nun so hoch ist? Die Forscher schreiben, sehr wahrscheinlich sei, dass die Trennung von Berufs- und Privatleben zunehmend weniger vermisst wird. Dabei spielten wohl auch die Schulöffnungen eine Rolle, die eine geregelte Haushaltsführung erleichtern.

Und klar: Am Anfang sei noch viel ausprobiert und getestet worden, etwa, was die Kommunikationswege angeht. "Mittlerweile scheint die Vielzahl der Werkzeuge kein Problem mehr darzustellen, zudem wurden Konventionen zur angemessenen Nutzung gefunden", schlussfolgern die Studienmacher.

"Was fehlt im Homeoffice?"

Wo herrscht auf Unternehmensseite noch Nachholbedarf? Es gibt Bedarf an Nachbesserungen, schreibt das Forscherteam um Studienleiterin Josephine Hofmann. Das am häufigsten genannte Defizit sei eine fehlende Strategie gegen sogenannte Entgrenzungserscheinungen.

Was sind diese Entgrenzungserscheinungen? Bei vielen verschwimmt im Homeoffice die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit, ohne dass die Unternehmen und die verantwortlichen Führungskräfte ein Rezept dagegen hätten. Zudem fehle es bei der "Führung auf Distanz" an Routine.

Trotz all der positiven Aspekte – hat den Befragten auch etwas gefehlt? Ja. In der Umfrage FIT haben auf die Frage "Was fehlt im Homeoffice?" die Befragten geantwortet, dass der persönliche (85 Prozent) und fachliche Austausch (66 Prozent) fehle. Kaffeepausen und Mittagessen (je rund 65 Prozent) und gemeinsame Kreativ-Sessions (knapp 60 Prozent) werden auch vermisst. Den Weg zur Arbeit entbehren etwa 20 Prozent der Befragten. Das liegt wohl darin begründet, dass der Weg zur Arbeit auch für entspannende Dinge wie Lesen oder Radiohören genutzt wird, meinen die Forscher.

Wie wird es weitergehen? Hofmann zieht aus ihrer Unternehmensbefragung das Fazit, dass es künftig eine "ressourcenschonendere Umsetzung geschäftsbezogener Kommunikation und Kooperation" geben könnte. "Denn wir können davon ausgehen, dass künftig (...) virtuelle Abwicklungsformen in viel größerer Selbstverständlichkeit" einbezogen werden.


Liebe Leserinnen und Leser! Welche Erfahrungen haben Sie dank Corona nun mit dem Homeoffice gemacht? Schreiben Sie uns Ihre Meinung gerne per Mail an leserforum@az-muenchen.de und machen Sie mit bei untenstehender Umfrage!