Interview

Zu Fuß von München nach Berlin: "Mit Beinen wie Bleisäulen"

Danial Shekar (23) wollte eine besondere Selbsterfahrung erleben. Also entschloss er sich, in sieben Tagen von München nach Berlin zu gehen. Ein Gespräch über Ziele, Scheitern und Wiederaufstehen
von  Hüseyin Ince
Hier in der Nähe und mit diesen Schuhen startete Danial Shekar am Westkreuz seinen Fußmarsch nach Berlin.
Hier in der Nähe und mit diesen Schuhen startete Danial Shekar am Westkreuz seinen Fußmarsch nach Berlin. © Bernd Wackerbauer

München - AZ-Interview mit Danial Shekar: Der Münchner Filmemacher mit persischen Wurzeln lebt seit seiner Kindheit am Westkreuz.

Danial Shekar: Ein Gespräch über das Gute am Scheitern

Der junge Münchner Filmemacher Danial Shekar startete im September 2019 seine Ein-Mann-Dokumentation, zu Fuß von der Landeshauptstadt in die Bundeshauptstadt. Während er sich täglich Dutzende Kilometer quälte, filmte er sich sowie die Reise bei Tag und Nacht.

Seine Schwester reiste ihm pro Etappe mit dem Auto hinterher, für alle Fälle, als Safety Car, wie er es nennt. Am Ende machte Shekar daraus einen Film, der es kürzlich bis zum Münchner Dokfest geschafft hat. Titel: "Warum kann der Teufel nicht schön sein?" (2020). Shekar bereut nichts, im Gegenteil. Ein Gespräch über das Gute am Scheitern.

AZ: Herr Shekar, wie kamen Sie auf die Idee, diese extreme Reise zu Fuß von München nach Berlin anzutreten?
DANIAL SHEKAR: Nach dem Abitur 2017 war ich mental an einem sehr dunklen Ort. Ich fühlte mich jeden Morgen so, als ob ich 2.000 Kilogramm auf den Schultern trage. Ich wollte dieses Gewicht loswerden.

Woher kam dieses Gefühl, das ja wie eine Depression klingt?
Ich weiß nicht genau, ob es eine Depression war, aber ich war sehr niedergeschlagen. Alle waren darauf getrimmt, nach dem Abi schnell mit einem Studium weiterzumachen. Und dann habe ich das alles gedanklich durchgespielt.

Danial Shekar: "Es war eine Selbsttherapie"

Das Ergebnis?
Ich hatte keine Lust darauf, diese ausgetretenen Pfade zu gehen, wollte etwas völlig anderes machen. Denn was kommt nach dem Studium? Der Job, eventuell eine Familie, 40 Jahre durchackern, dann ist Rente. Und ich bin mir sicher, wenn ich das so durchtakten würde, wäre ich nicht glücklich. Es ist nicht mein Lebensweg. Ich möchte mich entfalten können, Raum für Experimente haben, mit Freunden.

Wollten Sie eine Art Selbsterfahrungstrip machen, um sich besser kennenzulernen?
Ich denke, das kann man so sehen. Es war sogar eine Selbsttherapie.

Für Selbsttherapien gäbe es ja grundsätzlich viele Möglichkeiten. Hat Sie irgendetwas inspiriert?
Damals liefen sehr viele Reisedokus und Challenges im Fernsehen sowie im Internet. Aber die Dokumentationen haben immer nur die Planung und die Reise gezeigt. Aber was geht im Inneren eines Menschen vor und was passiert eigentlich, nachdem man sein Ziel erreicht hat? Der Höhepunkt und das Glücksgefühl besteht nur kurz. In meinem Film "Warum kann der Teufel nicht schön sein?", geht es genau darum, die ganze Spanne abzubilden, die ganze Realität.

Warum musste es ausgerechnet Berlin sein?
Ich schlug zusammen mit meinem Freund Dariush eine Karte auf und diese Route kristallisierte sich heraus. Plötzlich wollte ich das einfach, es war August 2019.

"Es geht immer weiter, wenn der Wille da ist"

Sie haben sich auch schnell entschlossen, bis zu 100 Kilometer am Tag zu gehen, in sieben Tagen in Berlin zu sein. Warum 100 pro Tag?
Ich hatte mir etwas vorgenommen und es klang für mich nach einer Strecke, die täglich zu bewältigen sein müsste.

Sie lassen den Zuschauer sehr nah an sich heran, richten die Kamera oft dorthin, wo es wehtut. War Ihnen das wichtig?
Das Ziel war, dass das Publikum die Reise mit mir hautnah begehen kann. Die Kamera zeigt nicht vorrangig die Landschaft, sondern mich und meine Psyche auf der jeweiligen Etappe.

Wollten Sie also Gemeinsamkeiten von Ihnen und den Zuschauern hervorheben?
Ich glaube, dass viele Menschen mit großen Herausforderungen kämpfen und sich daher ganz gut mit dem Film identifizieren können. Das kann eine große Aufgabe sein oder auch im übertragenen Sinne, die Reise des Lebens. Und ich zeige dem Publikum: Egal wie groß die Blasen an den Füßen oder wie sehr auch die Knie angeschwollen sind: Es geht immer weiter, wenn der Wille da ist.

Sie sind relativ weit gekommen. Nach etwa zwei Drittel der Strecke geben Sie auf.
Klingt, als ob Sie das nicht erwartet hätten.

Na ja, als Sie am zweiten Tag die Socken ausgezogen haben und Ihre Fußballen aussahen wie kleine Luftballons, da dachte ich: Der läuft nicht mehr weiter.
Ja, das war eine große Überwindung. Aber ich wollte nicht aufgeben.

"Es hatte sich einfach verdammt viel Frust angestaut"

Oder hat es auf den Bildern schlimmer ausgesehen, als es wirklich gewesen ist?
Ich befürchte, es war eher umgekehrt. Meine Füße brannten, mit jedem Schritt, meine Beine fühlten sich an wie Bleisäulen. Erst nach zwei Stunden auf der nächsten Etappe konnte ich normal gehen. Davor lief ich wie ein Pinguin. Da erntete ich viele seltsame Blicke.

Welche Begegnungen haben Sie erlebt?
Manchmal sind Einheimische einige Kilometer mitgelaufen. Einige sehr freundliche ältere Damen waren darunter. Aber ansonsten bin ich wenigen Menschen begegnet. Und das war auch ein Sinn der ganzen Sache. Selbsterkenntnis bekommt man nur in der Einsamkeit. Das war wie eine Meditation für mich.

An der ein oder anderen Stelle schreien Sie den Schmerz hinaus. Sie fluchen. Hat das gutgetan?
Absolut, das war wichtig, da hatte sich einfach verdammt viel Frust angestaut. Dazu die brennenden und stechenden Schmerzen ...

Sie scheitern auf der Strecke am siebten Tag. Da wollten Sie eigentlich schon in Berlin sein. War das auch ein Ergebnis von Fehlplanungen?
Ja, natürlich.

Was waren die gröbsten Fehler?
(überlegt einige Sekunden) Ich hatte einen viel zu schweren Rucksack. Er wog 32 Kilogramm. Ich hatte mir viel zu lange Etappen vorgenommen, bis zu 100 Kilometer pro Tag. Und natürlich hätte ich dementsprechend mehr Tage ansetzen müssen.

"Ich hatte die Erkenntnis, dass ich gescheitert war"

Das letzte Drittel bis Berlin brechen Sie ab, weil Ihre Schwester Sie nicht mehr im Auto begleiten wollte. Sie fahren dann die letzten 200 Kilometer mit dem Pkw, um am Brandenburger Tor stehen zu können. War das Ihnen wichtig?
Mental, ja. Ich brach das Ganze nicht nur wegen meiner Schwester ab, die abgesprungen ist. Meine Knie waren geschwollen, ich konnte kaum noch auf meine Füße treten und der ganze Körper schmerzte. Aber es gibt doch diesen berühmten Satz: Der Weg ist das Ziel. Ich habe den wahren Sinn dahinter erst jetzt verstanden, nachdem ich etwa 400 Kilometer an sieben Tagen gegangen und teilweise gelaufen bin. Ich kann es nur jedem empfehlen, mal eine längere Etappe alleine, ganz für sich selbst zu gehen, 20 oder 30 Kilometer zum Beispiel. Das ist eine großartige Selbsterfahrung.

Sie standen irgendwann auch am Alexanderplatz. Wie hat sich das angefühlt?
Irgendwie war ich traurig. Ich wusste, dass es nun zu Ende war. Dazu hatte ich natürlich die Erkenntnis, dass ich gescheitert war.

Trotz all der Tortur: Können Sie von schönen Momenten erzählen?
Aber klar. Ich stand öfters auf einer einsamen Landstraße, außenrum Wald und weite Felder. Nur ich und die Natur. Dazu eine Brise frische Luft, die wehte. Da verging die Zeit viel langsamer. Es fühlte sich an, als ob eine Stunde so lang gewesen ist wie zehn Stunden im Alltag, vor allem mittags, wenn die Sonne am höchsten stand.

Wie fühlte sich das an, am achten Tag, nachdem Sie losgegangen waren, wieder in München zu sein?
Ich war einfach nur glücklich, daheim durch die Haustüre zu gehen und meine Familie zu sehen. Ich hatte sie alle vermisst.

Im Leben geht es meistens um Erfolgsgeschichten. Ihr Film ist auch eine Geschichte des Scheiterns. Haben Sie das von Anfang an eingeplant, dass Sie scheitern könnten?
Ja, das kann man so sagen. Mir ging es definitiv nicht um die Erfolgsstory. Ich wollte einfach kommunizieren, was die Reise mit einem macht. Es ging darum zu zeigen, dass man mehr erreichen kann, dass Körper und Geist viel belastbarer sind, als man denkt. Und ganz wichtig: Dass es nicht schlimm ist, seine Gefühle zu zeigen, gerade dann, wenn man mental in schwierigen Situationen ist. Wir sind doch keine Roboter. Und wir müssen nicht immer die Erwartungen der anderen erfüllen.

"Die Erfahrung zu scheitern, war auch wichtig"

Ihr Vater war anfangs völlig dagegen, dass Sie nach Berlin gehen. Als Sie wieder zurück waren, beglückwünschte er Sie, weil Sie so weit gekommen sind. War es wichtig, Ihre Entscheidung durchzusetzen?
Ich konnte seine Ängste nachvollziehen. So ganz ungefährlich ist es ja nicht gewesen. Aber Sie sehen das schon richtig. Es ging darum, das zu tun, woran man selbst glaubt. Und die Erfahrung zu scheitern, war auch wichtig. Es lag ja hauptsächlich an der Erfahrungslosigkeit und Fehlplanung, dass ich es nicht geschafft habe. Ich würde es jederzeit wieder versuchen. Das nächste Mal möchte ich die Natur noch mehr genießen können.

Gab es da einen besonderen Moment?
An einer Stelle habe ich einen Fuchs getroffen. Erst ging es steil bergauf, an einer Straße. Oben, als es wieder bergab ging, lief der Fuchs links aus einem Wald heraus. Er blieb stehen, blickte mich an, ich blickte ihn an. Wir standen da, irgendwo zwischen Wald, Wiese und Feldern. Hat bestimmt fünf Minuten gedauert. Dann ging er weiter und ich auch. Ein wunderschönes Tier. Die Zeit stand still.

Ihr Film wurde auf dem Münchner Dokfest gezeigt. Wie waren die Reaktionen?
Ich fühle mich geehrt, dass es der Film überhaupt auf das Dokfest geschafft hat. Die Reaktionen waren sehr positiv. Viele haben mir geschrieben, dass sie der Film inspiriert hat. Jeder konnte etwas für sich selbst herausziehen. Erfolg im Scheitern sozusagen. Und diese Reaktionen haben mich darin bestätigt, dass solche Themen auf ein offenes Publikum stoßen. Zusammen mit meiner neu gegründeten Video- und Filmproduktionsfirma, Red Anvil Productions, wollen meine Verlobte und ich ein neues Filmprojekt über die Krankheit Rheuma starten, eine schmerzhafte Autoimmunerkrankung.

Wie lange dauerte es, bis Sie selbst nach der Reise keine Schmerzen mehr hatten?
Etwa einen Monat. Dann verheilten die Wunden. Meine Knie taten am meisten weh. Ich konnte kaum sitzen.

Wird man Ihren jetzigen Dokumentarfilm "Warum kann der Teufel nicht schön sein?" demnächst noch mal irgendwo sehen können?
Daran arbeiten wir gerade. Vielleicht finden wir einen Filmverleih oder einen Streamingdienst. Ansonsten wollen wir ihn online auf einer Plattform zur Verfügung stellen. Er soll für so viele Leute wie möglich zu sehen sein.