Ungeimpft in München im Selbsttest: "Stark bleiben, durchhalten!"

Selbstversuch in der passenden Warnweste: Als "Ungeimpfter" auf dem Weg durch München.
von  Georg Etscheit
Eine Stärkung am Viktualienmarkt.
Eine Stärkung am Viktualienmarkt. © Daniel Loeper

München - Es ist kalt und ungemütlich, die halbe Stadt schnieft und hustet, die Inzidenzen steigen und der Ton gegenüber Ungeimpften wird von Tag zu Tag schriller.

Selbstversuch "Ungeimpft in München": Gelbe Warnweste als Kennzeichen

So sprach der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel, mit der scheidenden Kanzlerin weder verwandt noch verschwägert, jüngst von der "asozialen Gemeinschaftsschädlichkeit" der "Impfgegner", eine Philosophieprofessorin der Uni Münster plädierte für die Bevorzugung von Vakzinierten bei der ärztlichen Behandlung im Krankenhaus, "Weltärztechef" Frank Ulrich Montgomery schwadronierte von einer "Tyrannei der Ungeimpften", und für Bald-Bundeskanzler Olaf Scholz "gibt es nichts, was nicht in Betracht gezogen werden kann".

Georg Etscheit am Gärtnerplatz.
Georg Etscheit am Gärtnerplatz. © Daniel Loeper

Ob von diesen markigen Ansagen mehr Leute Notiz nahmen als nur ein paar Journalisten? Was denkt eigentlich der sprichwörtliche "Mann auf der Straße"? Wie steht es um die angebliche Spaltung der Gesellschaft? Zeit für einen Feldversuch. Dazu musste zunächst ein passendes Stigma kreiert werden, ein auffälliges Zeichen. Im Altertum wurden beispielsweise Sklaven solche Erkennungsmerkmale aufgebrannt. In der christlichen Mystik handelt es sich bei Stigmata um die Wundmale Jesu Christi, die angeblich bei auserwählten Menschen auftreten, etwa der berühmten Therese von Konnersreuth.

Mein persönliches "Stigma" kommt ohne heiliges Brimborium aus. Ich entschied mich für eine gelbe Warnweste ähnlich derer, mit denen die "Gelbwesten" in Frankreich ihrem Präsidenten heimgeleuchtet hatten, versehen mit der Aufschrift: "Achtung: Ungeimpft!"

An der Münchner Uni gibt es einen Laden, der T-Shirts mit lustigen Sprüchen nach Wahl bedruckt. Dorthin wandte ich mich. Die Verkäuferin gestaltete in Windeseile und ohne weitere Fragen zu stellen auf ihrem Computer einen entsprechenden Schriftzug in Signalrot, ganz groß auf dem Rücken, etwas kleiner auf der linken Brustseite. "Bitte so auffällig, wie möglich", bat ich.

Auffälligkeitsstufe der ersten Expedition: "niedrig"

Nach drei Tagen konnte ich die Weste abholen. Ich zog das Ding gleich über meinen Parka. Mit Herzklopfen verließ ich den Laden. Mein Selbstversuch als Gebrandmarkter konnte beginnen. Würde man mich schon nach 50 Metern in aller Öffentlichkeit beschimpfen, ohrfeigen, zusammenschlagen? Würde man mir in einem x-beliebigen Geschäft die Bedienung verweigern? Zur Sicherheit hatte ich meine Gesundheitskarte eingesteckt, man kann ja nie wissen.

Auffälligkeitsstufe der ersten Expedition in die neue Zweiklassengesellschaft: "niedrig". Es war schon dunkel, die Menschen eilten von der Arbeit nach Hause, viele mit Ohrstöpseln von der Außenwelt abgeschottet, im Gehen telefonierend. Mir schwante, wie schwer es für straßenwahlkämpfende Politiker sein muss, Aufmerksamkeit zu erheischen.

"Nur kurz bleibt der Blick des jungen Kassierers an meiner Brustaufschrift kleben"

Im Englischen Garten Jogger, Hundegassigeher, Handyfuzzler. Ich meine zwar, den einen oder anderen erstaunten Blick zu verspüren, doch niemand zeigt eine wahrnehmbare Reaktion, weder freundlich noch gereizt. Um mich herum: Teilnahmslosigkeit.

An der Münchner Freiheit der übliche Frühabendrummel. Abstecher zu Käfers Feinkost-Discount an der Leopoldstraße. Auch in der Schlange an der Kasse mit deutlich unterschrittenem Corona-Sicherheitsabstand, also gewissermaßen auf Tuchfühlung mit meinen Mitkunden, null Reaktion, nur kurz bleibt der Blick des jungen Kassierers an meiner Brustaufschrift kleben.

"Schöne Weste": Es klang zwar nicht aggressiv, war aber wohl missbilligend gemeint

Dann endlich, zurück auf der Straße, raunzt mir ein Mann mittleren Alters im Vorbeigehen "schöne Weste" zu, es klang zwar nicht aggressiv, war aber wohl missbilligend gemeint. Das war, um es vorwegzunehmen, die einzige negative Reaktion während meines mehrtägigen Experimentes.

Nächster Tag eine neue Expedition: Auffälligkeitsstufe "mittel". Diesmal am helllichten Nachmittag samt Hund als Booster der Aufmerksamkeit. Wenn Poldi - so heißt mein Vierbeiner - einen konkurrierenden Rüden anbellt, sind einem die Blicke aller Passanten im Umkreis sicher.

Erst zum Elisabethmarkt-Provisorium. Ein bisschen Käse gekauft, dann Ochsenfiesel am Vierbeinerbedarfsstand. Dem äußeren Anschein nach dürfte die freundliche Händlerin zur Hochrisikogruppe zählen Reaktion? Keine. Auch in der nahen Apotheke, wo ich mich in seligen 3G-Zeiten kostenlosen Antigen-Schnelltests unterzog und mir nun eine neue Maske kaufen will, allenfalls ein etwas überrascht wirkender Blick der jungen Apothekerin, während sich ihre Kollegin mit einer Kundin über die neuesten "Maßnahmen" austauscht.

Foto-Wunsch: "Ich bin auch nicht geimpft und finde toll, was Sie machen" 

Am Kurfürstenplatz vernehme ich von hinten eine Stimme: "Entschuldigen Sie bitte!" Ich wende mich um, vor mir ein jüngerer Mann mit Migrationshintergrund, der sein Handy zückt. Ob er mich fotografieren könne. "Klar", sage ich, "aber bitte von hinten". Als er mir das Foto zeigt, frage ich ihn, was ihn an meiner Weste so interessiere. "Ich bin auch nicht geimpft und finde toll, was Sie machen." Dann verabschiedet er sich, blickt zurück, Daumen hoch: "Klasse!"

Dritter Tag meines Feldversuchs. Samstagvormittag, Auffälligkeitsstufe: "hoch". Zuerst mit der U-Bahn zum Sendlinger Tor, dann durch die mäßig belebte Fußgängerzone zum Marienplatz, der in dieser tristen Zeit ohne glitzernde Weihnachtsmarktbuden zum Davonlaufen ist.

Eine Apotheke im Neuen Rathaus bietet PCR-Tests für Selbstzahler innerhalb von drei Stunden zum schlappen Preis von 170 Euro. Damit könnte man - seit 24. November gilt in allen öffentlichen Verkehrsmitteln der Landeshauptstadt 3G - sogar ganz legal mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof fahren. Zuzüglich der Preis für eine Kurzstrecke in Höhe von 1,70 Euro. Ausgenommen sind Kinder unter sechs Jahren und Hunde.

"Warum muss man das so zeigen?"

An einem Stand mit Weihnachtsgebinden frage ich den Händler, ob er wisse, ob seine Adventskränze zur "Daseinsvorsorge" zählten und ich als "Ungeimpfter" das Recht habe, einen solchen zu erstehen - in Berlin darf man ohne Impf- oder Genesenen-Nachweis schon seit Tagen nur noch Geschäfte des "täglichen Bedarfs" aufsuchen. "Weiß ich nicht, aber bei mir bekommen Sie immer einen", sagt der Mann.

Gleiche Frage an eine vorübergehende Polizeistreife. Die junge Beamtin bemüht sich um eine sachgerechte Antwort, stottert etwas vom "Hausrecht" der einzelnen Anbieter. Nichts Genaues weiß man nicht. Aber warum soll die Polizei besser informiert sein als jene, die die Regeln machen und genauso wenig wissen?

Schließlich noch einen frisch gepressten Orangensaft getrunken zwecks Stärkung der Abwehrkräfte. Der junge Mann, der mir einschenkt, wundert sich über die Weste: "Warum muss man das so zeigen?"

Ich erzähle diesmal meine zuvor zurechtgelegte "Legende", wonach ich die Menschen davor warnen wolle, sich mit mir einzulassen. Den Nichtgeimpften werde immer mangelnde Solidarität vorgeworfen. Dem wolle ich entgegentreten. Ich weiß nicht, ob er die Ironie verstanden hat.

Frau über ihre Impfung: "Aus Bequemlichkeit und weil mich meine Mutter gedrängt hat"

Wie schon Ministerpräsident Markus Söder hält nun auch Vizekanzler in spe Robert Habeck einen "Lockdown für Ungeimpfte" für unumgänglich. Auf zur vorläufig letzten Expedition: Mit dem Rad in die Innenstadt, vor Dallmayr das Gefährt abgestellt, quer über den Marienplatz mit seinem einsam vor sich hin leuchtendem Weihnachtsbaum. Mein Ziel ist ein Kerzengeschäft am Alten Peter, das sich merkwürdigerweise noch nicht von Lockdowns und Internet dahin gerafft wurde.

Ich frage nach echten Bienenwachskerzen für den Weihnachtsbaum und füge hinzu, dass ich rasch noch alles fürs Fest einkaufen wolle, weil man ja als Ungeimpfter bald nirgendwo mehr Zutritt habe, außer, so Noch-Gesundheitsminister Jens Spahn, "im Rathaus und Supermarkt".

Die Frau bemerkt meine Weste und lacht. Sie selbst habe sich ja auch nicht impfen lassen wollen, aber es dann doch gemacht, "aus Bequemlichkeit und weil mich meine Mutter gedrängt hat".

Ich meine, dass sie sich für diese Entscheidung vor niemand zu rechtfertigen habe. "Besonders gut scheinen die Impfstoffe ja nicht zu wirken", sagt sie beim Geldherausgeben. "Stark bleiben, durchhalten", ruft sie mir beim Hinausgehen zu.

Zufallsstichprobe ohne Anspruch auf statistische Repräsentativität

Vor dem Impfzentrum im Rathaus hat sich eine lange Schlange gebildet. Ich gehe provokativ langsam an den auf ihren Piks wartenden Menschen vorbei und frage eine ältere Dame mit gespielter Unwissenheit, wofür hier angestanden werde, ob es vielleicht etwas umsonst gebe? Freibier?

Hier könne man sich seinen Schuss holen, antwortet sie mir. Wie viele Spritzen sie schon bekommen habe? "Das ist meine dritte." Und bald vielleicht die vierte, fünfte, sechste? "Hier geht ois rein", sagt sie, wie mir scheint mit einem Anflug von Galgenhumor.

Um eine aufgehetztere Stimmung zu erzeugen, geht mir durch den Kopf, braucht es wohl doch mehr als geschlossene Weihnachtsmärkte und die zweifelhaften Einlassungen diverser Experten. Eigentlich beruhigend, wobei meine Zufallsstichprobe keinen Anspruch auf statistische Repräsentativität erhebt.

Auf Baustellenwänden am Odeonsplatz lese ich: "Keine Nazis, kein Impfzwang", darunter in kleiner Krakelschrift "Scheiß Impfverweigerer". Dabei sind es doch vor allem die "Nazis", die gegen den Impfzwang sind. Verwirrung aller Orten. Nur nicht bei Markus Söder. Der weiß, dass es "vollständige, unbeschwerte Freiheit" nur noch mit Impfen geben kann. "Ohne Impfen keine Freiheit - jedenfalls nicht so in der Form, wie wir es uns vorstellen." Er sagt nicht Normalität, er sagt Freiheit.


P.S. Über den persönlichen Impfstatus des Autors wird in dieser Reportage keine Aussage getroffen.