Teures München: Ein Millionen-Plan gegen Armut

In München haben 270.000 Menschen nicht genug Geld, um sich ihre Stadt zu leisten. Das Sozialreferat will acht Millionen Euro in die Hand nehmen, um vor allem Kindern, Jugendlichen und Senioren zu helfen.
von  Emily Engels
© Sina Schuldt/dpa

München - Die Zahlen sind ernüchternd. 270.000 Menschen leben in München unter der Armutsgrenze. In einer Stadt mit einer Gewerbesteuer von 2,7 Milliarden Euro, einem Durchschnittsverdienst von 4.169 Euro brutto und einer Arbeitslosenquote von nur 3,5 Prozent im Jahr 2019.

"München ist trotz – oder gerade wegen des Wachstums – deutlich teurer als andere deutsche Städte", sagt Sozialreferentin Dorothee Schiwy (SPD).

Arm ist in München, wer 1.350 Euro netto hat

Besonders problematisch: Längst nicht alle dieser 270.000 Betroffenen qualifizieren sich für Sozialgeld. Schiwy begründet: "Die hohen Münchner Lebenserhaltungskosten werden bei der Vergabe nur bedingt berücksichtigt." 100.000 Menschen leben zwar unter der Armutsgrenze (1.350 Euro netto für Einzelpersonen, 2.000 Euro für Zweipersonenhaushalte), können diese Leistungen nicht in Anspruch nehmen.

Um auch diese Menschen zu entlasten, schlägt das Sozialreferat jetzt dem Stadtrat ein umfangreiches Maßnahmenpaket vor. Bürgermeisterin Christine Strobl erklärt: "Damit wollen wir gezielt auch die Menschen erreichen, die nicht von staatlichen Leistungen profitieren, aber sich die teure Stadt dennoch nicht mehr leisten können." Einige Vorschläge – Gesamtkosten acht Millionen Euro – im Überblick:

München Pass

Der München-Pass bietet eine Vielzahl von Vergünstigungen, etwa beim MVV-Monatsticket, beim Eintritt in die städtischen Schwimmbäder oder im Theater, Kino und bei Kulturveranstaltungen. Doch derzeit können nur Empfänger von Harz IV, Arbeitslosengeld und Grundsicherung im Alter den München Pass erhalten. Das Sozialreferat schlägt jetzt vor, den Personenkreis auszuweiten – auf die Münchner, die unter der Armutsgrenze leben. Auszubildende, Studierende und Au-Pairs sollen von der Regelung ausgenommen sein.

Geld für Schulanfänger

Kinder aus Haushalten, die Sozialhilfe empfangen, bekommen derzeit 100 Euro für den Eintritt in die erste Klasse. Das
Sozialreferat will, dass dieser Betrag jetzt erhöht – und die Zahlung erweitert – wird: Es soll 150 Euro bei der Einschulung geben. Der Betrag soll nochmals ausgezahlt werden, wenn das Kind in eine weiterführende Schule wechselt.

Energieeffiziente Geräte

Um Haushalte mit geringem Einkommen beim Energiesparen zu unterstützen, schlägt das Sozialreferat die Ausgabe von kostenloser energieeffizienter "Weißer Ware" (Kühl- und Gefrierschränke, Herde, Waschmaschinen) im Zusammenhang mit einer Energieberatung vor. Die Begründung des Sozialreferates: Sozialhilfeempfänger zahlen meist drauf, weil die Regelsätze, die sie für Strom bekommen, zu knapp bemessen sind. Energieeffizientere Geräte, die die Stadt nach einer Beratung kostenlos gegen die alten austauschen würde, verschaffe Abhilfe.

Berufsberatung

Jugendliche sollen beim Übergang von der Schule in den Beruf intensiver beraten werden. Das Angebot wird unter anderem im Integrations-und Beratungs-Zentrum Jugend (IBZ), dem Jobcenter und der AWO Anderwerk GmbH Immobilie in der Gärtnerstraße angeboten. Letztere muss jedoch dringend saniert werden. Hierfür braucht das Sozialreferat städtische Mittel in Höhe von 660 000 Euro.

Kostenloses Mittagessen

Für verschiedene Personengruppen schlägt das Sozialreferat kostenlose Mittagessen vor. Zum einen Langzeitarbeitslosen, die erfolgreich vom Jobcenter in eine Einstellung vermittelt wurden. Um diesem Personenkreis den Besuch der Kantine zu erleichtern und damit die soziale Teilhabe im Betrieb zu unterstützen, soll das Mittagessen in der Kantine mit 3 Euro pro Essen bezuschusstwerden. Denkbar sei auch der Ausbau des Gratis-Mittagessens für Senioren sowie für Schüler.

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